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Bernhard Klemm war der Protagonist der Altstadtsanierung

100. Geburtstag Bernhard Klemm war der Protagonist der Altstadtsanierung

Zu den wichtigsten Dresdner Architekten der Dresdner Schicksalsjahre gehört nach Umfang, Qualität und Spezifikation seines Lebenswerkes als Entwerfer, Organisator, Hochschullehrer und Publizist Bernhard Klemm (1916-1995), dessen 100. Geburtstag am 15. Juli dieses Jahres der gegebene Anlass ist, seiner zu gedenken.

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Bernhard Klemm (1916-1995)

Quelle: Foto: privat

Dresden. Wenn wir uns heute freuen können, dass Dresden und andere Städte unseres Landes über die letzten Jahrzehnte in den Zentren allerhand von ihrer architektonischen Aura wiedergewonnen haben und damit jene Werte, die im philosophischen Sinne den Begriff „Heimat“ als „Ort, wo gut sein ist“ (E.Bloch) ausmachen, gerät leicht in Vergessenheit, dass ganze Zeitläufte des letzten Halbjahrhunderts in Ost und West recht unisono von einer „Baugesinnung“ geprägt waren, die im schicken Modeprotz da und kalter Platte hie die Architektur zu einem schieren „Bauwesen“ verkommen ließen, ohne den Wert des Überkommenen zu ästimieren. Unter diesem Aspekt verdienen Persönlichkeiten besondere Würdigung, die schon damals den Rang dessen, was Kriegsvernichtung und Nachkriegsdummheit überstanden hatte, gegen Widerstände verteidigen und im Glücksfall erhalten konnten.

Zu den wichtigsten Dresdner Architekten dieser Schicksalsjahre gehört nach Umfang, Qualität und Spezifikation seines Lebenswerkes als Entwerfer, Organisator, Hochschullehrer und Publizist Bernhard Klemm (1916-1995), dessen 100. Geburtstag am 15. Juli dieses Jahres der gegebene Anlass ist, seiner zu gedenken.

Klemm, aus Dresden gebürtig und dieser Stadt treu bis an sein Lebensende, das die 80 knapp verfehlte, gehört zu den Baumeistern jenes Schlages, die sich von städtebaulicher Einordnung über die komplette Projektierung bis ins Detail und dessen werkgerechter Ausführung für alle Phasen des Bauens als primus inter pares verantwortlich wussten. Dass für komplexe Sachwalter dieser Art – von raren Ausnahmen abgesehen – in der Aufsplitterung der Verantwortlichkeiten und Gewerke heute kaum noch Entwicklungschancen bestehen, hat seine Gründe, aber auch Ergebnistragödien, die zunehmend städtische Randgebiete beherrschen und einen allein bei der Fragestellung fassungslos machen, ob denn die verantwortlichen Baubehörden der Stadt nicht imstande sind, derlei Investorenschwachsinn in den Arm zu fallen ... So etwas erledigte doch früher schlicht und einfach die Bauaufsicht!

Bernhard Klemm studierte zunächst von 1935 bis 1937 an der TH Stuttgart Architektur bei ranghohen Lehrern wie Paul Schmitthenner und Paul Bonatz, schloss aber seine Ausbildung an der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt 1941 bei Hans Freese mit dem Diplom ab. Ein lebenslanges Gehörleiden schützte ihn dann wenigstens davor, eingezogen zu werden, und machte stattdessen einen nachgerade bruchlosen Übergang ins Berufsleben möglich.

Betrachtet man sein folgendes Werk in hochrangigen Dienststellungen als Büroleiter und Chefarchitekt u.a. im Atelier Muesmann, bei Schilling&Gräbner, nach dem Kriege mit Ragnar Hedlund und 1951 gar als Chefarchitekt des VEB Landesprojektierung Sachsen, so wird der Einfluss der Stuttgarter Schule deutlich, wobei der Schmitthenner-Schüler aber nie einer gewissen völkischen Biederkeit Tribut zollt, die auch aus dieser Linie kommen konnte.

Ein guter Beleg dafür ist das Ergebnis der ersten großen innerstädtischen Wiederaufbaumaßnahme Dresdens, der Wohnbebauung Grunaer Straße (1951-52), in der Folge auch – im Accompagnement mit Wolfgang Hänsch – der Blochmannstraße: Baukomplexe, die überdies in ihrem Traditionsverständnis geradezu kühn von dem abwichen, was gleichzeitig in der Berliner Stalinallee und Ablegern andernorts entstand und amtlich als Muster der wahren (Bau-) Kunst gepriesen und gefordert wurde.

Das Entscheidende dieser Architekten-Vita ereignete sich aber einen geschichtlichen Wimpernschlag später, als Bernhard Klemm quasi mit Lehr- und Forschungs-, später auch mit Projektierungsaufgaben an seine Alma mater dresdensis zurückfand. Hier ist weniger an seine Oberassistentenschaft am Lehrstuhl von Heinrich Rettig zu denken, als an die Möglichkeiten, die sich über eine langjährige klitzekleine Wahrnehmungsdozenten-Selbstständigkeit ergaben, die sich zunächst nur mit der Baukonstruktionslehre für die „Fremdfakultäten“ Ingenieurpädagogik und Ingenieurökonomie zu befassen hatte. Allerdings besaß Klemm damals noch die Lizenz, als freier Architekt arbeiten zu können, bis dieses besondere Recht in den 60er Jahren der DDR generell aufgehoben wurde.

Als Hans Nadler, Leiter des Institutes für Denkmalpflege Dresden und spätere Legende seines Faches, 1956 den Dozenten Bernhard Klemm mit der Forschungsaufgabe „Städtebaulich-denkmalpflegerische Untersuchungen in Görlitz“ betraute, war das die Initiation für die fachliche Spezifik der weiteren Lebensarbeit des Architekten und Hochschullehrers. Er engagierte sich für die nun anstehenden neuen Vorhaben ein im Laufe der Jahre wechselndes, schlagkräftiges Team junger Architekten, mit dem – zuzüglich erfahrener Fachingenieure – schon in den späten 50er Jahren außer der pünktlichen Erfüllung des Forschungsthemas, das er selbst 1962 mit der erfolgreichen Dissertation noch ausgeweitet hatte, die eigentliche Sinnerfüllung der praktischen Umsetzung durch Projekte für bedeutende Baudenkmale der Görlitzer Altstadt begann. Deren Bauleitung bis 1968 erfolgte durch ihn und seine Mitarbeiter. Damals waren das – außer dem Autor – die Diplomingenieure Werner Heinrich, Günther Herrmann und Wolfgang Hähle.

Hier muss des Architekten Baulust und -mut endlich gewürdigt werden, weil sie im Falle seiner unmittelbaren einstigen Fachkollegen von den Gegebenheiten, aber auch der eben erwähnten Leidenschaft nach, eher Seltenheitswert besaßen. Die erste Görlitzer Bauaufgabe illustriert das bestens. Im ältesten Teil der Altstadt, dem Peterskirchviertel, waren die Gebäude Petersstraße 11/12 zusammengebrochen und bei ihrer Enttrümmerung gar noch zwei Handwerker zu Tode gekommen. Zusammen mit den komplizierten Baugrundverhältnissen sind das nicht eben glückliche Voraussetzungen für die Projektierung und zeitnahe Realisierung eines Ersatzneubaues. Die Gruppe Klemm ging jedoch sofort ans Werk, in dieser heiklen Situation kongenial unterstützt von dem Statiker Alfred Meint, wie später in etlichen Fällen von dem für ähnliche Notkonzepte weit berühmten Wolfgang Preiß, dessen Problemvorträge Magneten für studentisches und Fachpublikum wurden. 1959 entstand projektgemäß ein neues Gebäude, das nicht irgendeine „Lückenschließung“ ist, sondern auch in seinem Gestaltwert Vorbildcharakter besitzt. Ohne Verwendung von Originaldetails außer dem alten Haustor gelang eine optimale Einordnung in ein erlesenes Ensemble historischer Gebäude aus dem Spätmittelalter. Petersstraße 11/12 ist somit ein Halbjahrhundert vorher ein Ahne der besten Ersatzneubauten im nach wie vor ständig umstrittenen Dresdner Neumarktgebiet..

Das war der Anfang, aber nicht das Charakteristikum der weiteren Arbeit, die sich im Peterskirchviertel mit der Rekonstruktion diverser Baudenkmale befasste und die Intention der Sanierung des Gesamtgebietes im Sinn hatte. Dieses Vorhaben war zu jener Zeit ein Pilotprojekt von europäischem Rang. In Köln und anderswo wurde dermaleinst noch Historisches durch flotten Neubau „erledigt“. Das illustriert wohl auch hinreichend die Berechtigung meines Epithetons, das Bernhard Klemm den Protagonisten der Altstadtsanierung nennt.

Im Laufe des folgenden Jahrzehntes wurden außer im Peterskirchviertel auch Baudenkmale anderer Bereiche der Görlitzer Altstadt saniert, von denen hier nur der Umbau des Vogtshofes, eines ehemaligen preußischen Militärgefängnisses, zum Internat der Ingenieurschule hervorgehoben sei, weil die Neugestaltung seiner gewaltigen, neben der aufragenden Peterskirche horizontal gelagerten Baumasse nichts weniger als die Rettung der Görlitzer Stadtkrone bedeutet.

Dann aber gruben die rasch sinkende Wirtschaftskraft der DDR und das mit den 70ern beginnende Wohnungsbauprogramm nicht nur der Görlitzer Altstadtsanierung das Wasser ab. Die geplante Komplexsanierung des Peterskirchviertels scheiterte an der Unmöglichkeit, eine den städtebaulichen Innenraum des Gevierts mit seinen Mülltonnen ausstinkende kleine Fleischsalatfabrik auszulagern. Die Chance eines Pilotprojektes von internationaler Bedeutung wurde in der sonst so erfolgsgeilen DDR kläglich vertan.

Umso folgenreicher hatte sich unterdessen Bernhard Klemms Lehrtätigkeit entwickelt. Im Lehrfach Bauaufnahme maßen ganze 2. Semester in Sommerpraktika nach Görlitz auch die Gebäudesubstanz der Altstädte von Pirna, Meißen, Freiberg, Schmalkalden und der historischen Dresdner Neustadt als Grundlage eigener Hauptentwürfe oder Diplomarbeiten auf, die wiederum in die Erarbeitung der Sanierungspläne für die genannten Städte durch das Klemmsche Mitarbeiterkollektiv einflossen.

Die Strahlkraft der Klemmschen Praxiserfahrungen konnte außer dem Direktstudium namentlich das von ihm 1969 gegründete Postgradualstudium „Erhaltung und Rekonstruktion von Hochbauten“ befruchten, das republikweit von Leitkadern der Bauwirtschaft stark frequentiert wurde und sie nach Prüfungen sowie Beleg- und Abschlussarbeit zum Fachingenieurstitel führte.

Bernhard Klemms Tatkraft auf seinem Fachgebiet, die guten Kontakte zu den Stadtbauämtern, die nicht unbedingt TU-typisch waren, aber auch seine Tätigkeit als freier Architekt, welche u.a. die Akquise eher unspezifischer Aufträge wie Schloss Kochberg oder des Krematoriums Schmalkalden zuließ, trugen ihm neben hohem Ansehen auch den Neid derer ein, die weniger erfolgreich oder anders intendiert gewesen sein mögen, an dessen Nährung er fallweise leider nicht unbeteiligt war. Der Erfüllung seiner akademischen Karriere stand das lange im Wege. Erst 1976 erfolgte die Ernennung des inzwischen 60-Jährigen zum Professor für „Methodik der Rekonstruktion und Gebäudeerhaltung“ an der Sektion Architektur der TU Dresden. Sein Ehrenamt als Leitendes Mitglied des Erzeugnisgruppenrates Baureparaturen beim Ministerium für Bauwesen der DDR mag dabei nicht ohne Einfluss gewesen sein.

Nach den Architekturpreisen der DDR 1973 und 1975 für Petersstraße 8 und Vogtshof Görlitz kamen schließlich die Würdigungen zuhauf, von denen hier nur einige erwähnt seien: der Preis der TU Dresden (1980), das Goldene Ehrenzeichen der VR Polen für Verdienste um die Denkmalpflege (1981) und 1983 als vorstellbar höchste, schon nahezu entlegene Ehrung die Verleihung des Fritz-Schumacher-Preises der Stadt Hamburg für sein Gesamtwerk.

Ein heutiger Rückblick kann dem Recht geben: Ehre, wem Ehre gebührt.

Abbildungen- Porträt Bernhard Klemm, 1980, Foto: privat

Görlitz, Lückenbau Petersstr. 11/12, 1965, Repro: J. Schieferdecker

Schmalkalden, Krematorium, Innenansicht, 1970, Repro: J. Schieferdecker

Dresden, Historische Neustadt, Hauptstr. 19, 1987, Foto: privat (2 Fotos z. Auswahl)

Von Jürgen Schieferdecker

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