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Benjamin von Stuckrad-Barre mit „Panikherz“ in der Dresdner Schauburg

Lesung Benjamin von Stuckrad-Barre mit „Panikherz“ in der Dresdner Schauburg

„Panikherz“ heißt sein jüngstes Werk. Benjamin von Stuckrad-Barre las daraus nun auch in der Schauburg. Reichlich selbstbezogen ist der Autor nach wie vor. Und offenbar auch Fan von Udo Lindenberg.

Benjamim von Stuckrad-Barre

Quelle: dpa

Dresden.  Diät-Cola? Oh Gott, wie ungesund ist das denn? Das ist doch Gift! Nun ist der Mann, der glaubt, dem gerade in Los Angeles weilenden Benjamin von Stuckrad-Barre vor den Gefahren von Diät-Cola warnen zu müssen, allerdings kein Körnerfresser oder gar ein militanter Veganer, sondern eine Koksnase, der sich gerade anschickt, zwei Linien von dem Zeug mittels einer Hundert-Dollar-Note reinzuziehen. Aber Stuckrad-Barre, der von dem Amerikaner ohnehin mit sanftem Spott bedacht wurde, weil er keinen Alkohol trinkt, keinen Führerschein hat und noch nicht mal schwul ist, bleibt stur, sagt freundlich, wenn auch mehr zweifelnd als bestimmt: „Nein, danke.“

Stuckrad-Barre hat nicht immer „Nein zu Drogen“ gesagt, das verleugnet der Pastorensohn, Ex-Junkie und Kultautor in seinem Buch „Panikherz“, das derzeit auf Platz 2 der , der wiederum die Leser wissen ließ, „Panikherz“ sei ein „Roman über einen fallenden Helden unserer Zeit“. Stuckrad-Barre, ganz Egomane, ja Großkotz, hatte bekanntlich noch nie ein Problem damit, zu schonungslos berichten, was mit ihm ist, die eigene Coolness wie Kaputtness mit allen erdenklichen Mitteln, auch stilistischen, vor Augen zu führen. Schon den namenlosen Ich-Erzähler seines Debüts „Soloalbum“ (1998) stellten sich viele mit Stuckrad-Barre-Gesicht vor – die Grenze zwischen Schriftsteller und im Kern zwangsneurotischer Hauptfigur war stets verschwommen.

Nicht verlernt hat der Autor, das Publikum schlagfertig auf seine Seite zu ziehen, wenn auch stets auf Kosten von anderen. So wie der seinen Dandy-Hedonismus frank und frei zur Schau tragende Schriftsteller in Dresden über Erlangen herzog, so werde er, witzelt er kokett, wohl morgen in Jena über Dresden herziehen. „Das ist das Ziel!“ Und trotzdem: Es ist ja lustig zu lesen und zu hören, wie Stuckrad-Barre all die Sätze auf ihre innere Wahrheit abklopft, wie sie auf Abi-Jahrestreffen („eine Art letztes Gericht“) unweigerlich fallen 20, 30 Jahre später, aber wer im Glashaus sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen schmeißen, Ich-Zentrismus hin, Spießer-Antipathie her. Wie immer klebt Stuckrad-Barre nicht eng am Text. Er kommt, der kann nun mal rasant und assoziativ denken, was sich in „Panikherz“ auch gegen sich selbst richtet, vom Hundertsten ins Tausendste, kalauert sich etwa von Margot Honecker zu Margon Mineralwasser, ist aber in seinen Gedankenketten eingestandenermaßen auch schon mal auf der Suche nach dem fehlenden Hilfsverb.

Mal abgesehen von kurzweilig zu lesenden Erinnerungen aller Art legt das ohnehin extrem exhibitionistische Werk „Panikherz“ vor allem davon Zeugnis ab, wie Superheld Udo auf Superfan Benjamin trifft, wie der Panikrocker Lindenberg den stets „Stuckiman“ genannten und von Geltungsdrang wie Erlebnishunger getriebenen Stuckrad-Barre unter seine Fittiche nimmt. Zwar gibt es dann Streit, ja geradezu einen Verrat Stuckrad-Barres am einstigen Idol, aber der stets behutete und seit gut 20 Jahren nur noch ungereimtes Zeug vor sich hin nuschelnde Lindenberg hat ein großes Herz. Er findet nicht nur alles interessant, er gibt auch jedem eine Chance, dem geläuterten und letztlich geschätzten Narzissten Stuckiman sogar eine zweite. Man erfährt viel über Udo in „Panikherz“. Dass ihm Hotelbartresen als Schreibtische dienen, dass er ein großer Radsport-Fan ist, dass er es war, der im seelischen Dauer-November gefangenen Literaten die Möglichkeit bot, in Hollywoods mythenumrankter Nobelherberge Chateau Marmont am „Funset Boulevard“ eine „Panikfiliale aufzumachen“ und eine Art Lebensbeichte aufzuschreiben, die zwischen zwei Buchdeckel passte. Ja, ja, das Chateau Marmont: James Dean sprang hier durchs Fenster, um für seine Rolle in dem Film „...denn sie wissen nicht, was sie tun“ vorzusprechen, der Schauspieler John Belushi verreckte hier 1982 an einer Überdosis eines Kokain-Heroin-Gemisches. Aber irgendwie war Los Angeles die richtige Stadt für Stuckrad-Barre, ist es doch „essgestört, sportmanisch und heldenhysterisch wie ich“, wie er schreibt. Sein Werk ist irgendwie auch eine Art Erlösungsgeschichte, jedenfalls scheint Stuckrad-Barre sein Leben einstweilen doch im Griff zu haben. Und dazu gehört halt schon mal eine Diät-Cola.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz. Kiepenheuer & Witsch, 576 Seiten, 22,99 Euro

Von Christian Ruf

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