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Ben Jonsons „Volpone oder Der Fuchs“ in Dresdens Theater-Ruine St. Pauli

Premiere Ben Jonsons „Volpone oder Der Fuchs“ in Dresdens Theater-Ruine St. Pauli

Geldgier ist eine historische Konstante. Schon die Zeitgenossen von Ben Jonson (1572-1637) hielt sie emsig in Bewegung und weckte nie geahnte Fähigkeiten in ihnen, schlechte zumeist. Der englische Dramatiker hat das 1606 in seiner Komödie „Volpone oder Der Fuchs“ gestaltet. Jetzt ist es in einer Produktion in der Theater-Ruine St. Pauli zu sehen.

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Der reiche Volpone (Olaf Nilsson) mit den drei Schmarotzern (Carola Pohlan, Jens Döring, Jan Dietl).

Quelle: Astrid Rabe

Dresden. Geldgier ist eine historische Konstante. Schon die Zeitgenossen von Ben Jonson (1572-1637) hielt sie emsig in Bewegung und weckte nie geahnte Fähigkeiten in ihnen, schlechte zumeist. Der englische Dramatiker hat das 1606 in seiner Charakterkomödie „Volpone oder Der Fuchs“ gestaltet. Darin stellt sich ein gerissener reicher Mann in Venedig mit Hilfe seines Dieners sterbenskrank und befeuert auf diese Weise den Konkurrenzkampf der Erbschleicher. Die beiden kosten das mit Vergnügen aus, am Ende jedoch wird der Betrüger selbst zum Betrogenen und kommt nur knapp mit heiler Haut davon.

In der Theater-Ruine St. Pauli im Dresdner Hechtviertel kann man dieses Sozialexperiment jetzt als kurzweiligen Abend mit überraschenden Wendungen und originellen Einfällen erleben. Das zwölfköpfige Ensemble entfaltet für eine Laientruppe beachtliche Fähigkeiten.

Ihre Textvorlage ist die freie Bearbeitung Stefan Zweigs von 1926. Der hat bei den Figuren die Vergleiche zur Tierwelt noch konsequenter herausgearbeitet. Den Ball hat Regisseur Jörg Berger angenommen und seine Darsteller geschickt weiterspielen lassen, so hat man als Zuschauer sein tierisches Vergnügen.

Beim Bühnenbild kommen sie mit ein paar Stellwänden und einem Rollbett aus, ansonsten nutzen sie Emporen und Turmfenster der Kirchenruine. Die Kostüme sind eine Augenweide: rot-weiße Anzüge, steife, geräumige Pluderhosen, ein angedeuteter Vogelschwanz, vor allem diese bizarr geformten weißen Kopfbedeckungen – bei Volpone ein Zwischending aus Krone und Schlafmütze. Wir sehen einen Reigen phantasievoller Kunstfiguren zwischen Mensch und Tier.

Im Mittelpunkt agiert der reiche Volpone, von Olaf Nilsson mit kräftiger Stimme verkörpert; ein schlauer Fuchs, der die Regeln des Spiels ganz genau kennt: „Lern’ doch endlich, wie groß die Magie des Geldes ist: sein Geruch schon macht die Menschen trunken.“ Bald mimt er das sieche Elend, hingestreckt aufs Sterbebett mit erbärmlich zitterndem Arm, dann wieder zwackt ihn der Übermut oder die lechzende Gier, wenn so ein schönes Weib sich seinem Lager nähert wie die Gattin des Kaufmanns. Susanne Hilpert spielt sehr schön die Liebessehnsucht dieses eingesperrten zierlichen Täubchens, das in Volpones Armen sinnlich aufzublühen beginnt.

Karl Michael Weber gestaltet den Kaufmann zu einer der markantesten Figuren: hin- und hergerissen zwischen peinigender Eifersucht und Aussicht auf traumhaften Gewinn, sollte er Volpone beerben. Köstlich auch Frau Geier, die Notarin (Angela Huth) mit großer Brille, gespitztem Mund und vogelgleich ruckenden Bewegungen – eine, die sich in der Welt der Paragrafen auskennt. In der Verhandlungsszene vor Gericht, dem turbulenten Höhepunkt der Aufführung, weiß sie ebenso schrill wie geschickt die Dinge zu Gunsten der Erbschleicher-Gemeinschaft zu wenden. Da steht der verzweifelt-jähzornige Capitano Leone (Lutz Koch), von seinem Vater, dem Wucherer (Matthias Starke), zuvor enterbt, als der Gelackmeierte vor der Richterin (Ursula Recknagel), auch wenn er die reine Wahrheit spricht. Originell ist die Idee, den Diener Mosca an Volpones Seite von drei Darstellern (Carola Pohlan, Jens Döring, Jan Dietl) spielen zu lassen.

Schmeißfliegen und Schmarotzer kommen schließlich zumeist in der Mehrzahl vor. Zudem verleiht es der Inszenierung Tempo, wenn die Rede hurtig von einem zum andern springt. Und schlüssig ist es auch: Nachdem das Trio die Angst gepackt hat vor diesem „glatteisigen Spaß“ der Intrige, die aus dem Ruder läuft, sind sie am Ende die intelligentere Mehrheit, die über Volpone triumphiert.

Wohltuend zu sehen ist, wie souverän Regisseur Jörg Berger darauf verzichtet, uns die zahlreichen Assoziationen zu heutigen Spielarten der Gewinnsucht als Aktualisierungen auf dem Tablett zu servieren. Da reicht es, wenn die drei Schmarotzer von den unendlichen Möglichkeiten des Geldes schwärmen oder der Kaufmann, ein Fläschlein mit Gift aus der Tasche ziehend, ein kurzes Plädoyer für aktive Sterbehilfe andeutet.

Dezent macht sich das immer noch am besten. Wir Zuschauer verstehen sie schon, die Parallelen. Sehen wie in einem Spiegel auch uns nach dem kleinen schnellen Vorteil schielen, selbstgerecht überzeugt davon, dass die Schlimmsten immer die Anderen sind.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt, dass man besonders auf den hinteren Reihen den Text mancher Akteure mitunter schlecht hört. Dennoch, eine gelungene Inszenierung mit verdientem, kräftigem Premierenbeifall.

Nächste Aufführungen: 18. und 19. Juni, Theater-Ruine St. Pauli

Von Tomas Gärtner

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