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Ben Becker gibt den Judas

Interview Ben Becker gibt den Judas

Der Bad Boy der deutschen Schauspielszene leiht dem prototypischen Bösewicht der Bibel seine Stimme: Am 20. März bringt Ben Becker „Ich, Judas“ in die Leipziger Peterskirche. Ein Gespräch über Verrat, Kirchen und die Faszination des Bösen.

Ben Becker gastiert mit „Ich, Judas“ im März in der Leipziger Peterskirche. Wie er in der TV-Sendung „Inas Nacht“ singt, sehen und hören Sie, wenn Sie das Foto scannen.

Quelle: André Kempner

Dresden. Der Bad Boy der deutschen Schauspielszene leiht dem prototypischen Bösewicht der Bibel seine Stimme: Am 20. März bringt Ben Becker „Ich, Judas“ in die Leipziger Peterskirche. Ein Gespräch über Verrat, Kirchen und die Faszination des Bösen.

Seit Herbst sind Sie mit ihrer inszenierten Lesung „Ich, Judas“ unterwegs. Wie fiel die Entscheidung, diesen Text von Walter Jens für die Bühne umzusetzen?

Ich präsentiere und lese einfach gernegute Texte. Und manchmal auch Texte,die vielleicht nicht so leicht zu verstehen sind. Ich habe mir dann ein paar DIN A4-Blätter aus der Schublade geholt und angefangen, ein Bühnenbild zu entwerfen. So ein Projekt ist natürlich ein Risiko, ein Wagnis – aber es bereitet mir einfach große Freude.

Nach der Premiere im Berliner Dom wird „Ich, Judas“ auch weiter ausschließlich in Kirchen präsentiert. Lässt sich die Inszenierung nur dort angemessen realisieren, ist sie vielleicht gar nicht für die Theaterbühne geeignet?

Nein, ich finde, Theater und Kirchen haben etwas gemeinsam. Das sind beides heilige Orte. Und momentan mache ich das einfach gerne in Kirchen.

Sie haben sich entschieden, den Text im Gegensatz zu einer klassischen Lesung komplett frei zu sprechen. Warum?

Weil Walter Jens ein wirklicher Rhetoriker ist. Und um diese Rhetorik zum Leben zu erwecken, habe ich mich entschieden, dass man das frei machen muss. Damit der Text anfängt zu blühen. Das war meine Überlegung – dummerweise.


?

Weil das verdammt viel Arbeit ist. Ich meine, 27 Seiten, 14 Punkt – Hallelujah! Fangen Sie mal von vorne an ...

Sportlich.

Das ist mehr als sportlich – das ist scheiße! Aber schön!

Ein solches Vorgehen dürfte Ihnen als Theatermensch ja auch entgegenkommen.

Nein, denn ich lerne jedes Komma und jedes Semikolon. Trotzdem ist es auch unglaublich schön, weil ich so tief in den Text eintauche. Das ist wie wenn ein Hochleistungssportler sagt: Ich schwimme meine 30 Bahnen. Und bei Bahn 23 fängt er an, glücklich zu werden.

Eine zentrale These in Jens’ Text ist, dass Judas’ Verrat fundamental für den christlichen Glauben ist. Ohne Verrat keine Kreuzigung, keine Passion und kein Messias. Würden Sie das so unterschreiben?

Naja, unterschrieben hat es ja Walter Jens, das brauche ich nicht zu machen. Ich zitiere ihn nur. Ich kann mich da auch nicht entscheiden. Ich sage auch nicht, der hat Recht oder der hat Recht, oder: Der Judas ist ein Guter, oder der ist böse. Also, ich weiß es nicht. Ich rezitiere lediglich einen Text. Aber er an der Fragestellung „Ohne mich kein Messias“ ist, glaube ich, was dran, die ist interessant. Was mich interessiert dabei, ist auch die Frage: Wer hat Schuld, und wer hat wen verraten? Der ganze Text dreht sich um Verrat. Deswegen finde ich ihn unheimlich aktuell und existenziell. Das gefällt mir. Aber eine Antwort habe ich nicht.

Diese Aktualität zeigt sich ja auch bei den immer wieder auftretenden Whistleblowern wie Edward Snowden oder Julian Assange.

Snowden, der kommt immer wieder in Bezug auf Judas. Natürlich ist der Vergleich auf eine gewisse Art und Weise aktuell. Was hat der Snowden eigentlich gemacht? Wie weit hatte der die moralische Verpflichtung, rauszugehen und zu sagen: „Ich weiß was, was ihr nicht wisst.“ Und in wie weit hat er beschissen?

Bei Judas steht der Verrat für das ultimativ Schlechte, Snowden wollte etwas Gutes erreichen. Gibt es so etwas wie guten Verrat?

Nee. Guten Verrat? Das beißt sich ja von hinten. Es gibt nur eine Art von geradeaus und ehrlich sein, schön das Kinn überm Meeresspiegel. Verrat ist scheiße. Verrat ist Beschiss! Es gibt ein „Ich muss da raus, ich muss das sagen.“ Das hat ja was mit Ehrlichkeit zu tun. Natürlich kann ich meinen Kumpel decken und sagen:„Nö, der ist da nicht eingebrochen, nie!“ Aber, in dem Moment, in dem er die Grenze übertritt, muss ich eben auch sagen: „Die Wahrheit sieht so aus.“ Ich finde die Wahrheit immer ganz schön, ich mag die Wahrheit gerne. Immer gerade sein, nicht lügen – haben wir ja alle nicht nötig.

Ihnen wird seit geraumer Zeit ein gewisses Bad-Boy-Image zugeschrieben. Sie leihen dem prototypischen Bösewicht des
Christentums ihre Stimme, auf ihrem
Unterarm haben Sie den Namen von Joseph Conrad, unter anderem bekannt für „Herz der Finsternis“ tätowiert. Was fasziniert Sie so am Bösen?

Nicht nur „Herz der Finsternis“. Der hat auch ganz andere Sachen geschrieben. Wenn Sie große, belesene Leute fragen, werden die Ihnen sagen, dass Conrad eventuell sogar der größte Literat des 20. Jahrhunderts ist. Ich habe ihn verschlungen und liebe ihn. Und ich wollte mir einfach irgendwas auf den Unterarm tackern und fand das besser als ‚Elvis Presley’. Es lohnt sich, da Joseph Conrad hinzuschreiben. Am Bösen fasziniert mich die Infragestellung. Ich hinterfrage gerne. Meine Wenigkeit – und eure Gesellschaft.

Und das geht im Rahmen der bösen Rolle besser?

Naja, die böse Rolle ist eine Erfindung. Ich bin nicht böse. Ich bin wirklich der Letzte, der böse ist. Ich habe so große Angst vor dem Bösen, deswegen kann ich wahrscheinlich ganz gut den Bösen spielen – weil ich da überhaupt keinen Bock drauf habe. Wissen Sie, meine Oma wurde sowas von gepiesackt und kaputtgemacht – und ich muss im Film immer diese Mütze mit dem Totenkopf drauf aufziehen und Leute erschießen. Ich habe keinen Bock auf diese Menschen. Und solche Angst vor denen, dass ich diese Angst umdrehe, um sie dann darzustellen. Natürlich ist die Art und Weise, wie ich Sachen, auch moralisch, in Frage stelle, nicht immer ganz einfach für jeden. Aber ich stehe dazu – und es gibt Leute, die mögen mich dafür, dass ich das mache.

In Kritiken zu „Ich, Judas“ war zu lesen, Sie würden deshalb so gut in die Rolle passen, weil Sie selbst schon öfter ‚gefallen’ seien. Gibt es Überschneidungen zwischen Judas und Ben Becker?

.

„Ich, Judas“ ist nicht Ihre erste Auseinandersetzung mit biblischen Stoffen. Was fasziniert Sie so an diesem Komplex?

Ich bin ja aus einem 68er-Haushalt, mein Vater ist immer noch Kommunist, und ich glaube, ich auch. Was nichts zu tun hat mit dem damals real existierenden Sozialismus, aber mit der existenziellen Auseinandersetzung: Wie gehen wir miteinander um? Und da gibt es gewisse Parallelen in unserer Kulturregion zwischen der christlichen Philosophie und der kommunistischen. Jesus Christus hat gesagt: Habt euch lieb! Er war ein Revolutionär, ist durch alles durchgebrochen. Er ist hingegangen und hat gesagt: Schmeiß den BMW weg! Und deswegen hab ich irgendwann angefangen, in der Bibel zu lesen, und hab gesagt: Was erzählt der mir eigentlich?

Am 18. April, 20 Uhr, spielt Ben Becker in der Dresdner Lukaskirche „Ich, Judas“.

 

Von Bastian Fischer

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