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Beim 12. Grand Slam of Saxony in Dresden hat Boris Flekler gewonnen

Beim 12. Grand Slam of Saxony in Dresden hat Boris Flekler gewonnen

Am Ende der Veranstaltung wird Boris Flekler, der seit sechs Jahren in Leipzig lebende Ostwestfale, die sächsische Poetenkrone aufgesetzt bekommen. Mit einem echten Lorbeerkranz auf dem Kopf und der anderthalb Literflasche Büffelgraswodka in der Hand steht der Kulturwissenschaftler vorm Publikum in der Saloppe.

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Boris Flekler mit echtem Lorbeerkranz und einer Flasche Büffelgraswodka, direkt nach der Show per Handy fotografiert von der Vorjahresgewinnerin Leonie Warnke, die auch auftrat

Quelle: Leonie Warnke

Er sieht mit seinem langen Haar, dem Bart und den Sandalen beinahe aus wie Jesus. Der war ja auch Anarchist, das Bild passt also ganz gut zu dem, was Flekler hier gerade vorgetragen hat. Rund 900 Besucher haben ihn zum Sieger des 12. Grand Slam of Saxony geklatscht, also, zumindest die Mehrheit von ihnen. Im September fährt er deshalb nach Augsburg und tritt als bester Sachse gegen alle anderen deutschsprachigen "Grand Slammer" an, auch gegen die aus Österreich und der Schweiz. Vielleicht wird es da ja ein wenig schwieriger für ihn.

Denn hier, auf diesem wunderschönen Stückchen Elbhang, unter einem in die Bäume gehangenen Vollmond aus Pappe, hätte es ruhig noch ein wenig versponnener zugehen können. Nicht, dass die neun besten Slam-Autorentexte Sachsens thematisch nicht abwechslungsreich gewesen wären. Nils Matzka, Gesine Schäfer, Bonny Lycen, Marsha Richarz, Mike Altmann, Skog Ogvann, Nhi Le, Marilisa sowie die Vorjahresgewinnerin Leonie Warnke haben schon viel zu erzählen gehabt. Von den Vorteilen eines geschlossenen Mundes und eines neutralen Gesichtsausdrucks im Leben wurde berichtet, es gab drei sehr emotionale Texte zu fremder und eigener Gewalterfahrung und einen Versöhnungsaufruf zwischen Veganern und Fleischessern. Auch ein Liebes- und Leidenstext für die Elbe war dabei, wie gemacht für diesen Ort, an dem sie ja vorbeifließt, gerade im etwas müden Versuch, ein Fluss zu bleiben. Die Autoren aber halten sich oft ein wenig zu sehr an der Realität fest. Sie versuchen, fast immer mit ironischer Distanz, wiederzugeben, was da Unfassbares um sie herum geschieht. Das kann schon mal lustig sein. Viel häufiger noch ist es traurig, weil es nun mal der Realität entspricht, dass schlimme Dinge um uns herum, dass sie gelegentlich auch uns selber geschehen. Mutig waren die, die davon berichteten, ohne Ironie und ohne Deckung. Merkwürdig war, dass niemand die schlimmen Dinge erwähnte, die gerade den Anderen passieren, dass überhaupt Politik so weit hinterm literarischen Horizont der meisten Slammer stattzufinden scheint. Eine Beobachtung, keine Kritik. Wenn man täglich in der Zeitung von den Intoleranten und Besorgten in Sachsen liest; vielleicht ist es tatsächlich besser, davon einmal einen Abend lang verschont zu bleiben. Aber hätte nicht irgendwer eine hoffnungsvolle Utopie daraus machen können?

Nach unzähligen Poetry Slams und eben auch schon elf sächsischen Grand Slams haben sich zudem gewisse Vortragsweisen etabliert - das Flüstern (gern die Frauen), das Reimen (das allerdings immer seltener versucht wird) und meistens dieser rhythmische Poetry-Slam-Sprech, den vermutlich nur erkennt, wer öfter zu solchen Veranstaltungen geht. Wer als Autor dieses Muster durchbricht und dazu einen Text mitbringt, in dem keine Jedermannerfahrung wie das Zugfahren mit nervenden Mitreisenden beschrieben wird, der hat es dann eigentlich schon recht leicht. Boris Flekler war nicht der einzige, der das an diesem Abend tat, aber er war der Konsequenteste. Er erzählte Geschichten. Er nahm Bausteine aus der Realität und baute sie einfach neu zusammen. In seiner literarischen Welt herrscht Anarchie, aber eine lebensbejahende. Im Vorrundentext widmet er sich der individuellen Freiheit. "Anarchie für Dich", kurz "AfD" nennt er den Text, und darin erzählt er, in was für einer Welt er gerne leben möchte. Da denkt man noch, nun ja, nett, ein Hippie.

Doch im Finale setzt er einen Text drauf, in dem sich ein sächsischer Nazi in eine türkische Jüdin verliebt. Sie gibt ihm eine Chance, weil er bereit war, sie trotz ihrer Herkunft kennenlernen zu wollen. Sie werden ein Paar. Flekler nutzt den russischen Autor Leo Tolstoi als Pseudoerzähler seiner Geschichte, was der Protagonist - ein linker Schreibtischrevoluzzer und der Mitbewohner des Nazis - leider erst begreift, nachdem er gestorben ist und sich mal in Ruhe mit Tolstoi unterhalten kann. Er begreift, dass er ein typischer tragischer Held eines Tolstoi-Romans gewesen ist, der zwar versteht, aber nicht entsprechend handelt. Nach diesem Text ist klar, Flekler macht das Rennen. Denn das ist, was einen guten Slam-Text auszeichnet: Die Fähigkeit, über das, was einfach nur vorhanden ist, hinauszudenken und es lebendig zu machen. Das hat damals schon Jesus verstanden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.08.2015

Juliane Hanka

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