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Begeisterung in Dresden: Jamie Cullum in der Jungen Garde

Begeisterung in Dresden: Jamie Cullum in der Jungen Garde

Der britische Musiker Jamie Cullum kommt aus dem Jazz, braut aber mittlerweile irgendetwas zwischen den Genres zusammen, das sich sehr gut verkauft, aber trotzdem noch in einer kleinen Bar funktionieren würde.

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Jamie Cullum begeisterte 2000 Zuhörer in der Garde.

Quelle: Dietrich Flechtner

Er mag es nicht besonders, darauf angesprochen zu werden, woher seine unglaubliche Bühnenenergie kommt. Weil er es aber trotzdem ständig gefragt wird, hat er sich ein paar Alternativantworten zurechtgelegt. Sie komme von erstklassigen Drogen, von Gott, von der Batterie im Rücken. Oder er fragt, ob es noch eine bessere Frage gibt. Jamie Cullum ist gerade 34 Jahre alt geworden, ist Literatur- und Filmwissenschaftler und hat zwei Kinder. Nebenbei führt er das Leben eines international gefeierten Popstars. Da muss man schon ein bisschen Humor haben. Und, hm, naja, sagen wir Ausdauer. In der Freilichtbühne der Jungen Garde zeigte er zwei Stunden lang, dass er von beidem genug in sich trägt, um noch ein paar Jahre weiterzumachen.

Jamie Cullum ist erst einmal nur ein Typ, der große Hallen mit Menschen füllt, die sonst vermutlich nicht so viele Konzerte besuchen. Und weil das heute auch Künstler schaffen, die einen eigenen Sounds für überflüssig halten - die also nicht viel Zeit mit Zurückschauen verschwenden und noch weniger damit, etwas Neues zu suchen - ist das oft keine spannende Angelegenheit. Bei der Vorband Kids Of Adelaide lassen sie solche Gedanken entspannt weiterverfolgen, obwohl für die beiden Stuttgarter Indie-Folkmusiker die Größe des bespielbares Raums das größere Problem gewesen sein dürfte.

Doch dann springt dieser kurze Typ in New Balance-Schuhen und hautenger Jeans auf die Bühne und füllt sie komplett aus. Offensichtlich mit ganz frischer Batterie im Rücken beginnt er mit dem rhythmischen "The Same Things" vom aktuellen Album "Momentum" (2013, Island/Universal). Das bedeutet Wucht, Schwung, aber auch Impuls, und das passt ziemlich gut zu dem, was er da mit seinen vier Musikern auf der Bühne veranstaltet. Cullum erinnert in seiner Aktivität an eine Comicfigur, eine Kreuzung aus Donald Duck und dem Roadrunner vielleicht. Er springt auf seinen Flügel, stürmt ins Publikum und verrenkt sich die Beine. Er erobert, weil er das absolute Gegenprogramm zu dem fährt, was beim Jazz sonst auf der Bühne passiert. Seine Coolness besteht darin, dass er sich alles erlauben möchte, was ihm gerade in den Sinn kommt. Wenn er mit seinen Jungs nachmittags Parkeisenbahn fahren möchte, dann tut er das, auch wenn die Kinder im Liliputzug und vor allem ihre Eltern komisch gucken. Es gibt eine schöne Anekdote mehr für die Bühne.

Aber zurück zur Musik. Der Konzertflügel ist schon das zentrale Instrument, aber keinesfalls mehr der Solist der Jamie-Cullum-Show. Mal klopft der Musiker nur auf dessen Holz oder zupft die Klaviersaiten. Oder er sitzt einfach davor, mit gesenkter Stimme, beatboxt ein bisschen und bringt dieses fast Nichts an Sound über ein paar Minuten. Das ist so groß, weil es im ganz Kleinen zeigt, was er kann: perfekt unterhalten. Neben den eigenen Stücken, die vom Popgefühl oft ganz feuchte Augen kriegen, um dann doch noch einmal in die verschwirbelte Atmosphäre des Bar-Jazz zu kippen, liebt er nach wie vor das Cover. Er kennt die Vergangenheit, rennt aber gleichzeitig in Clubs, in denen Rihanna gespielt wird. Warum nicht, wenn man daraus einen guten Song machen kann? "Don't Stop The Music" ist bei der R&B-Lady ein visuell dominierter und völlig übererotisierter Tanzbodenstampfer. Bei Cullum am Klavier ist es ein Augen-zu-Moment, der nicht aufhören soll. Weil es bei ihm so klingt, als ginge es tatsächlich um die Musik. Um die Musik von Marvin Gaye, Cole Porter, Jeff Buckley, Daft Punk oder Radiohead. Oder von Roman Lob. Bitte wer? Der Typ vom Eurovision Song Contest in Baku, etwa schon wieder vergessen? Cullum komponierte an dessen Antrittslied "Standing Still" mit und spielte es - als einen von einer Handvoll liebesschweren Songs.

Zum Ende des Abends rüstet er das Publikum für den Nachhauseweg mit dem soulig-warmen "When I Get Famous" voller Trompeten und Saxofon, inhaltlich so etwas wie das Pendant zum Die-Ärzte-Klassiker "Zu spät" (Typ will Musik machen, um es den Frauen zu zeigen, die sich früher für Morissey und nicht für ihn interessierten) und dem älteren, treibenden Jazz-Song namens "Twentysomething", einem Protokoll aller Gedanken, die man sich mindestens einmal im Leben gemacht haben sollte, wenn es ein gutes werden soll.

Wo anfangs noch ein breiter Graben ist, in den sich nur die Fotografen trauen, hallten am Ende hunderte Menschen ihre Herzen nach oben und schließen die Lücke zwischen Publikum und Bühne. Es wird nicht viele Musiker geben, die emotionale Nähe zu einem ziemlich großen und ziemlich heterogenen Publikum aufzubauen verstehen. Nach zwei Stunden taumeln die Menschen jedenfalls aus den Reihen, strömen aus den Toren und bleiben, noch ein bisschen verzückt, vor den Cullum-Plakaten stehen und lassen sich fotografieren. Es ist zwar nicht der echte Musiker, der da hinter ihnen lächelt, aber hey, das "Momentum" stimmte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.08.2013

Juliane Hanka

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