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Beeindruckende Bestandsaufnahme

Beeindruckende Bestandsaufnahme

Kreuzförmig faltet sich die dünne Porzellanplatte auf. Messing leuchtet darunter hervor. "Aufbruch" hat Sabine Hagedorn ihr Materialbild doppeldeutig genannt.

Auf dem daneben wenden sich zwei Gesichter einander zu. Der Raum zwischen ihnen hat die Form einer Kerze. Im Titel zitiert die Künstlerin den Evangelisten Matthäus: "Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen."

Christliche Botschaft, gedeutet mit den Mitteln moderner Formensprache.Dass Gebrauchskunst kein abwertender Begriff sein muss, sondern höchsten Anspruch bedeuten kann, beweist eine Ausstellung in der Dresdner Kreuzkirche. "Kunst und Kunsthandwerk in der Kirche" präsentiert sakrale Gebrauchsgegenstände, die als ästhetische Gebilde dem Betrachter auch viel Raum zu Deutungen lassen.

Ein heiliger Sebastian von Matthias Jackisch hat das Gesicht zur Seite gewendet. Der aus einem Sandsteinblock gehauene Körper vollführt einen geradezu anmutigen halbkreisförmigen Schwung. Ist jener Märtyrer, den der römische Kaiser der Legende zufolge von numidischen Bogenschützen erschießen ließ, ein Gepeinigter? Oder ein erhabener Dulder? Klaus Drechsler wiederum hat ihn in seiner Bronzefigur auf einen Torso reduziert, kreuzförmig von Stricken gebunden. Metallstifte ragen aus dem Körper. Instrumente tödlicher Pein, die doch zugleich Strahlen assoziieren. Unweit davon beugt sich Konstanze Feindt-Eißners abstrahierter "Kreuzträger" unter der Last eines mit Spiegelglassplittern belegten Kreuzes.

Ansonsten: Paramente, also Altarbehänge aus Stoff, Bilder in unterschiedlichen Techniken, Buntglasfenster, Gewänder, Kelche und Schalen aus Metall. Farbe und Vielfalt von Formen und Materialien, wohin man schaut. Auf relativ kleinem Raum gibt die Ausstellung einen Eindruck von der erstaunlichen Fülle moderner Ausdrucksformen sakraler Kunst in Sachsen. 40 Künstler und Kunsthandwerker sind mit Arbeiten vertreten.

Eine dichte, beeindruckende Bestandsaufnahme dessen, was man an zeitgenössischen Werken in den Kirchen von der Oberlausitz bis ins Erzgebirge finden kann.

Der evangelische Kunstdienst schließt mit dieser Schau einen Kreis. Der Kunst und dem Kunsthandwerk war 1950, in seinem Gründungsjahr, auch seine erste Ausstellung gewidmet. "Im Laufe der Zeit haben sich Gestaltungswillen und Ausdruck, Geschmack und Sichtweisen verändert und sich dem Zeitgeist angepasst, doch immer waren diese Ausstattungsstücke für den liturgischen Gebrauch bestimmt, zur festlichen Ausgestaltung der gottesdienstlichen Feier", erläutert Angelika Busse, beim Kunstdienst für die Ausstellungen zuständig.

Worum es eigentlich geht, kann die Schau nur auf großformatigen Farbfotos zeigen: Wie sich die Gegenstände im Kirchenraum ausnehmen. Wie Markus Zink und Agnes Gensichen etwa mit ihrer Ausstattung der Immanuelkirche in Leipzig-Probstheida eine lichte, aufs Wesentliche konzentrierende Ausstrahlung verleihen. Oder wie sie in der Pauluskirche Leipzig-Grünau dem Altarraum mit hellem Holz eine warme Stimmung geben.

Andererseits: Welche optische Wirkung Paramente entfalten, wird einem hier deutlich, wo sie einmal nicht Altar, Kanzel oder Lesepult zieren, sondern dicht nebeneinander an der Wand hängen. Auch, welch weite Gestaltungsspielräume etwa Annett Hildebrand oder Steffi Gasse damit innerhalb der Grenzen liturgisch festgelegter Farben ausschreiten.

Andere erproben für Paramente ungewöhnliche Techniken; Anna Caroline Kuntsche etwa das Filzen.

Einen Abendmahlskelch hat Silberschmied Mathias Heck aus Glasschale und Metallfuß zu einem Gegenstand gefügt, der an Designerkunst erinnert.

Hans Volker Mixsa erzielt mit seinem Osterleuchter, bestehend aus drei Streben, verbunden mit einer Dornenkrone, symbolische Dichte.

"Wir wollen aber auch zeigen, was in Kirchen noch möglich wäre", sagt Dr. Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes. Einige Arbeiten nämlich würden ausgezeichnet passen, haben dort aber noch keinen Platz gefunden. Dabei stammen sie von namhaften sächsischen Künstlern. Von dem Chemnitzer Michael Morgner beispielsweise wird das Bild "Kreuzigung" (2001) gezeigt. Das hängt sonst in der Jakobikirche in Chemnitz-Einsiedel. Noch beeindruckender jedoch wirkt Morgners wuchtiges Bronzekreuz "Ecce homo". Jene zeichenhaft verdichtete Figur des Menschen, mit der sich der Künstler seit Jahren beschäftigt, findet sich in dessen Mitte. Wie von einem Kokon eingeschlossen, der an Zahnräder erinnert, mithin etwas Technisches assoziiert. Ganz außen aber umgeben vom Kreuz. Das allerdings steht noch nirgendwo auf einem Altar.

Die "Kreuzigung" von Reinhard Springer, die Schmerz und Tod einen schlüssigen Ausdruck verleiht, verlangt geradezu nach einem sakralen Raum. "Es müsste ja nicht gleich einen Altar schmücken", meint Frank Schmidt. "Auch als Andachtsbild wäre es denkbar."

Diese Schau demonstriert: Bedeutende Künstler haben anspruchsvolle Werke geschaffen - man muss sie nur in die Kirchen holen. Der Kunstdienst hat dafür getan, was möglich ist. Nun muss er genau das aufgeben. Denn dies ist seine vorletzte Exposition. Zum Jahresende muss er aus Sparzwängen seine Ausstellungstätigkeit beenden.

Tomas Gärtner

iKreuzkirche Dresden, bis 24. November, geöffnet Mo-Sa 10-18 Uhr, So 12-18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.11.2013

Gärtner, Thomas

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