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Barbara Bürk inszeniert Philipp Löhles "Wir sind keine Barbaren!" im Kleinen Haus

Barbara Bürk inszeniert Philipp Löhles "Wir sind keine Barbaren!" im Kleinen Haus

Erst als einziges Einrichtungsstück an der Wand des saturierten Durchschnittspaares Barbara und Mario in der gänzlich leeren, aber bauholzvertafelten Wohnung, später als gedankliche Lustmetapher zugunsten des geheimnisvollen Fremden, natürlich dunkel und stark, der sich in die Idylle einschleicht, die auch Barbaras neue Nachbarin Sara gut teilen kann.

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Karina Plachetka, Raphael Rubino, Bertolt List, Jana Sperling, Thomas Eisen, Claudia Weltz und Cathleen Baumann.

Quelle: Matthias Horn

Der Hammer hängt hoch. Dabei poppt es sich für letztere auch mit ihrem Paul ganz gut, wie die Eingangs- und Einzugsszene via Dauergestöhne beweist, während sich bei den zwangsläufig lauschenden Barbara und Mario in Sachen Sex rein gar nix mehr tut. Deren Liebe endet in einem riesigen 46-Zoll-Heimkino mit acht verschiedenfarbigen Kabeln und Ultra-HD zu ihrem Geburtstag, auf dem man dem Ball besser sieht. Sie wollte nur ein Klapprad.

Die verzweifelte Rechtfertigung "Wir sind keine Barbaren!", per Theaterkomödie seit Sonnabend im Dresdner Kleinen Haus als unterhaltsamer neunzigminütiger Einakter zu sehen, ist als Aufruf zu erleben, sich weder für seinen Wohlstand entschuldigen zu müssen, noch sich für alles Unheil der Welt verantwortlich zu fühlen. Dass diese Argumentation, sobald man die Welt als globalen Organismus begreift, nicht so recht stimmt, ist klar, beschreibt aber den Grundkonflikt zwischen Yogalehrerin Sara (Karina Plachetka) und deren Nachbarin Barbara (Cathleen Baumann).

Die eine lehnt den plötzlich türklopfenden illegalen Kriegsflüchtling ab, die andere nimmt ihn auf und päppelt ihn hoch. Beide sind in ihren exotischen Betrachtungen des Fremden, der ohne Namen, Herkunft und Auftritt stets im Vagen bleibt, nicht frei von subtilen Alltagsrassismen und eigentlich passend bedient mit simplen Männergestalten: Paul als quicklebendiger Hyperkommunikator (quirlig gespielt von Thomas Eisen) und Mario, den Raphael Rubino bei seinem Dresden-Debüt in drei grundverschiedenen Ausprägungen gibt: vom frauenfalschverstehenden Pantoffeltrottel über den todbetrübten Leidenden hin zum tobsüchtigen Ausländerfeind, allesamt überzeugend.

Denn ohne Zweifel geht das Gutmenscheln ganz böse aus: Barbara endet als Leiche im Wald, der Fremde wird zum Tode per Abschiebung ins Heimatland verurteilt. Nur hat er Barbara zwar leibhaftig geliebt, aber für einen Mord keinerlei Motiv, wie Barbaras Schwester Anna (Cathleen Baumann, ganz stark im Ausspielen der Gegensätze dieser Doppelrolle), die eigens aus Amerika einfliegt, schnell feststellt und dafür von der ganz normalen Volksgemeinschaft ebenso als Fremde verfemt wird.

Natürlich hat das mit der hiesigen Wirklichkeit rein gar nichts zu tun, denkt man, denn hier klingeln heuer maximal Sekten, Trickbetrüger oder Obdachlose. Und das äußerst selten. Doch Philipp Löhles Gedankenexperiment - im Februar als direkter Reflex auf den Schweizer Volksentscheid, der gegen drohende Überfremdung begrenzte Einwanderungskontingente für gut befand, in Bern uraufgeführt - ist heimtückisch und kann daher auch beim hiesigen Bildungsbürgertum, das keine Reichtümer, sondern maximal Sicherheit und Übersicht einbüßen kann, nachhaltig wirken. Ohne seine Figuren näher in der Gesellschaft zu verorten oder ihnen dank charakterlicher Stärken gar Sympathie zukommen zu lassen, gelingt dem Erfolgsautoren - der ob seiner Meriten in Form von jährlichen Uraufführungen und etlichen Auszeichnungen gar als Hausautor in Berlin (Maxim-Gorki-Theater), Mannheim, Mainz und nun auch Bern gebucht ward - ein hartes Stück Fiktion, eingewickelt in platte Alltagsdialoge. Seine Helden sind ganz gewöhnliche Schwätzer, egoistisch und empathielos - für gesellschaftliche Gefahr per Ideologie sorgt ein (hier dreizehnköpfiger) Heimatchor, der exklusive Pro- und Epilog zehn kurze Interventionen in die Dialogszenen einfügt und qua Botschaft auch gut als AfD-Fraktion durchginge.

Regisseurin Barbara Bürk gelingt es in ihrer sechsten Dresdner Inszenierung in sechs Spielzeiten, den Bürgerchor einigermaßen harmonisch mitspielen zu lassen, so dass dessen scheinmoralische, meist pathetisch-choralisch (sehr sauber) gesprochene Texte zu dampfhammerartig wirken. Schön die Szene, als die riesige TV-Kiste wie ein Sarg davongetragen wird.

Noch wichtiger: Ihr gelingt der schwierige Spagat, die Härte der Wendung weder zu kaschieren, noch die Stimmung gänzlich ins Tragische kippen zu lassen. So bleiben Schock und Humor als Löhle'sche Gegenpole erhalten.

Was das Ganze mit uns hier und heute zu tun hat und wie man den Autor einordnen kann, erfährt man zudem in zwei klugen Texten im Programmheft. Aber bitte nicht vorher lesen!

Nächste Vorstellungen im Kleinen Haus: 23.9. sowie 15. und 23.10.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2014

Andreas Herrmann

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