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Bald leer: Das Kraszewski-Museum muss 160 Exponate nach Polen zurückführen

Bald leer: Das Kraszewski-Museum muss 160 Exponate nach Polen zurückführen

Gesetzeslage, sagen die einen. Andere zeigen, gelinde gesagt, Unverständnis. Gegenstand dieser Kontroverse ist das Dresdner Kraszewski-Museum, das sich seit mehr als 50 Jahren dem polnischen Autor Józef Ignacy Kraszewski (1812-1887) widmet.

Diese Ära endet nun: Bis zum Jahresende werden 160 Exponate - Möbel, Bücher, Bilder, Briefe - den Weg zurück nach Warschau antreten. Was Dresden bleibt, ist ein Kraszewski-Museum (fast) ohne Kraszewski. Lediglich drei Ausstellungsstücke werden überdauern: eine Pistole, ein Säbel, ein Tisch. Sie sind Eigentum des Dresdner Stadtmuseums.

"Kafkaesk" nennt der Direktor der Städtischen Museen Dresden, Gisbert Porstmann, die Situation. Sie geht auf ein polnisches Gesetz zurück, das immerhin von 2001 stammt und besagt, dass polnische Kulturgüter, die älter als 50 Jahre sind, maximal fünf Jahre im Ausland gezeigt werden dürfen. Die Kraszewski-Exponate aus dem 19. Jahrhundert, die schon seit Jahrzehnten das Dresdner Haus des Schriftstellers - der hier 21 Jahre im Exil verbrachte - beleben, fallen sämtlich unter dieses Verdikt. Seit 2008, so wurde gestern bekannt, existieren die Ausführungsbestimmungen dieses Gesetzes. Im Frühsommer, erzählt Porstmann, habe man informell die Nachricht bekommen, dass die Exponate zurück müssten. Noch im Sommer kam eine polnische Delegation nach Dresden, und alle seien sich einig gewesen, sagt Porstmann: "Das geht eigentlich nicht." Den Mitgliedern der Gruppe habe aber "das letzte Handlungsmandat gefehlt". Doch auch ein folgendes Gipfeltreffen in Polen, unter anderen mit Vertretern des Kulturministeriums, brachte keine Änderung. Trotz des offensichtlichen, grenzübergreifenden Dilemmas versucht sich Porstmann in Diplomatie. Es bleibe unverständlich, aber die Entscheidung werde akzeptiert. Dann schiebt er auf Nachfrage hinterher: "Das sind Lehrstücke der Staatsbürokratie."

Dietmar Nietan, SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorstandschef des Bundesverbandes der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, hatte bereits einen Tag zuvor auf DNN-Anfrage gesagt, bei den Treffen von deutschen und polnischen Parlamentariern seien weder das Gesetz noch dessen Auswirkungen Thema gewesen. Er hätte sich zwar von der polnischen Seite ein "differenzierteres Herangehen" gewünscht, könne wegen der historischen Erfahrungen der Polen aber verstehen, "dass mit dem Thema Kulturgüter im Ausland sensibler umgegangen wird als in anderen Ländern".

Porstmann will jedenfalls ebenso wie die Chefin des Hauses, Joanna Magacz, aus der abrupt einsetzenden Not eine Tugend machen. Das Museum soll sich künftig als Ort deutsch-polnischer Kulturbegegnungen neu profilieren. Den Auftakt dazu macht, nach einigen Wochen Schließzeit, Ende Januar 2012 die Interimsausstellung "Polen aus freier Wahl". Die Schau befasst sich mit dem Einfluss deutschstämmiger Familien auf das kulturelle Leben Warschaus im 19. und 20. Jahrhundert und wird maßgeblich mit Hilfe der polnischen Botschaft nach Dresden geholt. Auch der Umgang mit den Familien während des Zweiten Weltkrieges werde thematisiert, sagt Magacz. Weder ist die Laufzeit dieser Ausstellung klar, noch das Szenario, was darauf folgen soll. Porstmann umriss die kommenden, neuen Aufgabenfelder des Museums so: "Wir wollen uns um Kooperationen bemühen mit Institutionen, die für die gesamte polnische Kultur stehen." Themenbereiche könnten Design, Film, Fotografie oder Mode unserer Nachbarn sein.

Alles aber steht und fällt mit der Klärung der Finanzfrage. Im Haushalt des Museums, das pro Jahr etwa 3500 Besucher zählt, stünden 8000 Euro für Veranstaltungen "und kein Cent mehr", rechnet Porstmann vor. Deshalb sei mit Blick auf die Neuausrichtung des Hauses "eher Geld das Problem als das Konzept".

Auch die Leiterin des Polnischen Museums in Rapperswil (Schweiz), Anna Buchmann, muss Exponate zurückgeben. Das sei "völliger Unsinn", sie müsse die Ausstellung nun auch neu konzipieren, schreibt sie in einer Mail. Die Verantwortlichen des Adam-Mickiewicz-Museums in Istanbul waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar, dürften aber vor einem ähnlichen Problem stehen. In Deutschland soll dagegen bisher kein weiteres Museum von der Regelung betroffen sein.

Die Dauerausstellung zu Leben und Werk Kraszewskis ist noch bis 18. Dezember zu sehen. An den Autor soll auch danach noch angemessen im Museum erinnert werden, das weiterhin seinen Namen trägt. Der 200. Geburtstag des Schriftstellers im kommenden Jahr steht aber nun unter nicht mehr ganz so günstigen Sternen. Und die aus Dresden heimkehrenden Exponate landen wohl erst einmal in einem Warschauer Depot. Torsten Klaus

Dauerausstellung im Kraszewski-Museum noch bis 18. Dezember

www.stmd.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.11.2011

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