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Balance des Maßlosen: Der Belgier Wim Vandekeybus verwandelt das Festspielhaus Hellerau in ein Laboratorium

Balance des Maßlosen: Der Belgier Wim Vandekeybus verwandelt das Festspielhaus Hellerau in ein Laboratorium

Was für ein Ereignis! Am Wochenende hatte es gleich zwei Aufführungen von Ultima Vez/Wim Vandekeybus im Festspielhaus Hellerau gegeben, und das Publikum kam, sah und war gebannt.

Mit gemischten Gefühlen, das ist keine Frage, auch in Hinblick auf die beiden sehr unterschiedlichen Abende. Doch keiner zweifelte wohl daran, etwas Außergewöhnliches erlebt, gesehen, erfahren zu haben. Zudem nutzten viele Neugierige ebenso die Möglichkeit, an unterschiedlichen Orten Einblick zu nehmen in das umfangreiche Filmschaffen des enorm vielseitigen belgischen Künstlers, und dieser stellte am Sonnabend einige seiner Filme in "The Wim Reel" auch persönlich vor.

Einen besonders intensiven Eindruck hinterließ die im September 2010 in Brüssel uraufgeführte Produktion "Monkey Sandwich". Ein Performance-Film-Abend von reichlich zwei Stunden und mit nur einem Performer, und alles daran ist verstörend, berührend, hinterfragt, irritiert. Zunächst dominiert der an Geschichten reiche Film das Geschehen auf der Bühne. Und man ist schnell gefangen genommen von diesen merkwürdigen, mit Witz und Maßlosigkeit erzählten Probensituationen - das Ganze entstand auch als Koproduktion mit dem Schauspiel Köln.

Da geht es in skurrilen Bildern, Dialogen um die Frage der Wahrhaftigkeit von Kunst, um Theaterrangeleien, Emotionen oder provozierte Ausbrüche. Und irgendwann ist inmitten der Bühnenlandschaft mit verlorenen Dingen einer wahrzunehmen, der in aller Blöße, verlassen, auf sich gestellt versucht, dem Chaos etwas abzugewinnen und Spuren der Zivilisation aufzunehmen. Ein Rufer auf verlorenem Posten. Und entsprechend der eigenen Bildern im Kopf assoziiert man Vergleichbares, erinnert sich beispielsweise an die leiblich spürbare Einsamkeit des Narren in der "Lear"-Inszenierung der Sächsischen Staatsoper Dresden.

Vandekeybus hat etwas von einem barocken Künstler, der in aller Vielfalt wirkt, im Kleinen das Große sucht.

Damien Chapelle ist in Hellerau wunderbar authentisch in der Gestalt der verlorenen Seele zu erleben, die in der Einöde herumirrt, sich waghalsig erhöht, im Wasserbecken versenkt, die im Flugversuch scheitert und längst Verlorenes immer wieder aufs Neue verliert. Dieser Mensch ist aus seiner Welt gefallen, beklagt den Verlust. Und auf denkwürdige Weise verquicken sich immer mehr Film- und szenisches Geschehen miteinander. Nicht eben vordergründig oder angenähert, mehr in den Assoziationen des Betrachters. Der da einiges zu verdauen hat an diesem Abend und in seinen Empfindungen kräftig hin- und hergebeutelt wird.

So, als habe sich einer festgebissen, und man kann dem Untier nicht mehr entkommen. Da geht es um bitterböse Träume, um Menschenjagd und überflutende Naturgewalten, um die Spannweite zwischen Geburt und Tod, Gewalt und Verletzlichkeit. Und im Film gibt es so wunderbare Darsteller wie Jerry Killick und Carly Wijs oder die Schauspieler aus Köln. Diese Qualität spürt man selbst noch in den kleineren Rollen. Wenn zum Beispiel Jerry Killick am Eisloch auf Niklas Ek trifft- Überhaupt schafft es Wim Vandekeybus, uns mit seinem offenbar eingeschworenen Team und einer Gratwanderung im Maßlosen in einen Strudel zu ziehen, der uns nicht versenken, eher als Nachdenkende wieder auspucken soll.

Wer also ist dieser Wim Vandekeybus? Ein Spieler? Einer, der hoch pokert, vollen Einsatz riskiert, an physische, psychische Grenzen geht. Der sein Leben nicht säuberlich trennt zwischen Privatsphäre und künstlerischem Tun, der sich selbst und die ihm Anvertrauten, Vereinnahmten scheinbar gnadenlos einbezieht in ein abenteuerliches Spiel um Leben und Tod, Verlust, Gewinn, Treue, Verrat. Vor allem ist er wohl ein intensiv denkender, fühlender, spielerisch fabulierender Mensch. Einer, dem die Ideen nicht ausgehen, der es versteht, aus dem Impuls von Jan Fabre, aus der Erfahrung mit Kunst, seinen Begegnungen etwas Eigenständiges zu machen. Dem nichts Menschliches fremd ist, der als Künstler seine Fantasien und Ängste in aller Öffentlichkeit auslebt, weder sich selbst noch andere schont. Er spielt auch nicht eben mal so, nutzt künstlerische Mittel, wenn sie ihm angebracht erscheinen, selbst dann noch, wenn er damit an ein Tabu rührt.

In "Oedipus/Bet Noir" bringt er ein verlassen herumirrendes, schreiendes Krabbelkind auf die Bühne, was ihm zuweilen diversen Ärger einbringt. Und jeder denkt: muss das jetzt sein? Aber später vielleicht auch, dass man diesen Moment nicht vergessen wird. Ein Bild der Hilflosigkeit, wenn sich für Oedipus (Vandekeybus stellt ihn selbst dar) das schreckliche Orakel erfüllt, sich seine Frau/Mutter (Carly Wijs) selbst richtet. Für ihn braucht es dieses Kind, wie er überhaupt die Bühne, den Film, die Kunst, das Leben als etwas Ganzheitliches sieht. Vandekeybus hat etwas von einem barocken Künstler, der in aller Vielfalt wirkt, im Kleinen das Große sucht, maßlos ist und dennoch Balance in der Form findet. Seine Qualitäten im Tanz, wie man sie einst erlebte, haben sich verändert. Doch sie sind nicht verloren gegangen, und er hat nach wie vor die Kraft, aus der Bewegung, Bewegtheit heraus Geschichten zu erzählen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.01.2013

Gabriele Gorgas

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