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Autorin Anne Weber kommt am Donnerstag ins Hygiene-Museum und stellt ihr neues Buch vor

Autorin Anne Weber kommt am Donnerstag ins Hygiene-Museum und stellt ihr neues Buch vor

Es passiert im dritten Kapitel: Sperber, von dem der Leser vorläufig nicht mehr als den Nachnamen kennt, spürt eine Hand auf seinem Arm, dreht verwundert den Kopf, und da nähern sich schon die Lippen der Frau den seinen.

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Anne Weber

Quelle: Thorsten Greve

Weder ist dieser Sperber darauf vorbereitet, noch kennt er die Frau, die ihn so unvermittelt geküsst hat. Und dann ist sie fort, und der Mann weiß nicht, "ob er diese Berührung als spontanes Kompliment oder als Aggression, ja geradezu als Vergewaltigung auffassen sollte".

Entspinnt sich daraus etwa eine Liebesgeschichte? Ja, tut es. Aber nicht so eine, wie Sie sie schon kennen. Die 1964 in Offenbach geborene und heute als Schriftstellerin und Übersetzerin in Berlin lebende Anne Weber ist eine Meisterin des Hinauszögerns, man kann das auch einfach Langsamkeit nennen. Ihre Sprache tastet sich vor; die Autorin hat sie den Schritten ihres männlichen Helden, der, wie es gleich zu Beginn heißt, "so ziemlich alles verloren hat, was man verlieren kann", angepasst. Auch Sperber durchstreift das kleine Hafenstädtchen am Nordatlantik, in dem die Handlung sich ereignet.

Es ist ein seltenes Buch, das Anne Weber geschrieben hat. Eines, bei dessen Lektüre man die Sätze schmecken, die Orte aufleuchten sehen kann. Wie diese Autorin die Dämmerung beschreibt als "jene Stunde zwischen Hund und Wolf oder vielmehr zwischen Schwalbe und Fledermaus, die Stunde, in der sich beide in der Luft begegnen, die eine geht schlafen, die andere wacht auf, die Lichter sind schon entzündet, aber der Himmel ist noch hell, und die Sterne liegen noch tief in ihm verborgen".

Anne Weber hat mit ihrem Roman "Tal der Herrlichkeiten" den bekannten Orpheus-Mythos in der Jetzt-Zeit angesiedelt. Sie ist bekannt dafür, die Wirklichkeit zum Schweben oder Zittern zu bringen: Ihr Sperber steigt, nach dem plötzlichen Tod der geliebten und wiedergefundenen Frau, in das Totenreich hinab, aber Weber beschreibt das beinahe so wie eine normale Reise, nur eben um eine winzige Verschiebung anders, und darauf, auf diese leichten Verschiebungen kommt es bei dieser Autorin an, auf ihre, wie die französische Zeitung Le Monde schrieb, "Phantasie, ihr Lächeln, das noch über ihren ernstesten Seiten schwebt".

Es ist eine Prosa des unaufdringlichen Beteiligt-Seins, die Anne Weber schreibt. In wechselnder Perspektive erzählt sie uns von Sperber und der Frau, mit jedem Kapitel versinkt man als Leser ein wenig tiefer in beider Schicksalhaftigkeiten, als nähme einen die Autorin sanft bei der Hand. Es geht um Körperlichkeit in diesem Roman, von Anfang an, aber es geht auch um Distanz (ohne die keine Liebe möglich ist).

"Weit war er gegangen...", heißt es einmal über den Helden des Buches (der alles andere als ein Held ist). Man verlässt einen Traum, wenn man als Leser die letzte Seite dieses Buches gelesen hat, eine leichte Traurigkeit bleibt zurück, wie immer bei guten Büchern, wenn sie ausgelesen sind. (Aber man kann sie ja ein zweites Mal lesen.)

Anne Weber, die mit ihrem Roman "Ida erfindet das Schießpulver" bekannt wurde und deren übrige Romane so schöne Titel tragen wie "Gold im Mund", "Luft und Liebe" oder "Besuch bei Zerberus", ist soeben erst mit dem "Europäischen Übersetzerpreis" der Hubert-Burda-Stiftung geehrt worden. Sie hat der großen Marguerite Duras eine deutsche Stimme gegeben; umgekehrt hat sie u.a. Bücher von Wilhelm Genazino und Sibylle Lewitscharoff aus dem Deutschen ins Französische übertragen.

In beiden Sprachen ist sie zu Hause, schreibt sogar jedes ihrer eigenen Bücher zweimal - eine äußerst intensive Art des "Korrekturlesens". Vielleicht rührt daher das Besondere des Stils dieser Schriftstellerin, die man erleben sollte, wenn sie am Donnerstag im Hygiene-Museum als Gast des Literaturforums Dresden ihr "Tal der Herrlichkeiten" vorstellt und mit Patrick Beck über literarisches Schreiben und Übersetzen spricht und darüber, ob und wie beides einander bedingt.

iLesung am 25. April, 20 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum, Eintritt 6 Euro (ermäßigt 4 Euro), Jahreskarteninhaber frei

www.dhmd.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2013

Volker Sielaff

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