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Autobiographisch: Alice Schwarzer las in der Dresdner Stadtbibliothek

Autobiographisch: Alice Schwarzer las in der Dresdner Stadtbibliothek

Streitbar, polemisch, autoritär - sich auf Leben und Werk der Alice Schwarzer einlassen heißt, erst einmal unvermeidliche Attribute und (Vor-)Urteile aus dem Weg zu räumen.

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Alice Schwarzer

Das besorgt Deutschlands größte Feministin, als sie in der Dresdner Stadtbibliothek ihre eben erschienenen Memoiren ("Lebenslauf") präsentiert, auf charmante Art kurzerhand selbst und erklärt, wo's langgeht. Im folgenden 90-minütigen Galopp durch die erste Lebenshälfte liefert Schwarzer einen unterhaltsamen Blick zurück auf ihre Jugend im Spiegel der BRD-Geschichte. Geboren als uneheliches "Kind der Schande", wird sie von unkonventionellen Großeltern aufgezogen, "die mich auch fürs Widerstandleisten gelobt haben". Über Elvis-Schwärmerei und Geschichten vom ersten Kuss staunt man - nicht, weil man sie der als Männerhasserin Verschrienen nicht zugetraut hätte, sondern weil der literarische Flirt mit der behäbigen Backfisch-Anekdote aus der Feder der brillanten Publizistin verwundert. Nicht jede Geschichte und jeder Exkurs glücken - der Versuch, sich dem Publikum bei ihrem ersten Dresdner Auftritt mit Geschichten vom Wuppertal-Bombardement zu verbinden, gerät ebenso holprig ("Wann war nochmal Ihr Gedenktag?") wie die saloppe Aburteilung des DDR-Feminismus. Hier steht unbelehrbare Meinung gegen Biographien und Erfahrungen der zahlreichen BesucherInnen im restlos ausverkauften Saal auf etwas verlorenem Posten.

Interessanter sind die Erlebnisse in Frankreich um 1970, die die junge Journalistin politisierten, ihre erste Begegnung mit Simone de Beauvoir ("Meiner Göttin!") und das öffentliche wie auch politische Donnerwetter, das auf die Veröffentlichung des "Kleinen Unterschieds" und des legendären "Stern"-Titels ("Wir haben abgetrieben!") folgte und dessen Bedeutung (nicht nur für die feministische Bewegung) kaum zu beziffern ist. Gegen Ende pariert Schwarzer noch gängige Vorurteile über sich selbst (Männerhasserin, Lesbe, reaktionäre Alte) in gewitzter Manier - eine rhetorische Fingerübung für die "Emma"-Herausgeberin. Eine Auseinandersetzung mit ernsthafterer Kritik (etwa der Frage, wieso sich die Sexismus-Gegnerin seit neuestem beim Unterhosen-Boulevard andient) findet dagegen nicht statt. Nach kurzer Diskussion zu tagesaktuellen Fragen spricht Alice Schwarzer freundlich-bestimmt das Schlusswort: "Ist ja auch schon spät."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.02.2012

Wieland Schwanebeck

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