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Authentisches von der Dresdner „Steinzeit“

Buch „Verwischte Spuren – Spuren wider das Vergessen“ Authentisches von der Dresdner „Steinzeit“

Der Dresdner Architekt und Kirchenbaurat Roland Ander widmet sich in seinem jüngsten Buch dem Trauma der Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945. Unter dem Titel „Verwischte Spuren – Spuren wider das Vergessen“ legt der Autor das Ergebnis seiner fünf Jahrzehnte währenden akribischen Recherchen nieder.

Angebranntes Papier als Zeugnis für die Ereignisse am 13./14. Februar 1945 in Dresden.

Quelle: Buch „Verwischte Spuren“ von Roland Ander

Dresden. Edeltraut Findeisen war 18, als sie am Tag nach der Bombardierung Dresdens ihren Dienst im Johanniter Krankenhaus Dohna-Heidenau antreten musste. Die Klinik war überfüllt mit Opfern, man legte die Patienten zu zweit in die Betten. Die meisten Verletzten hatten starke Brandwunden, etliche waren ohnmächtig, wie sich Findeisen, im Oktober 1969, mittlerweile in Neustadt lebend, erinnerte. „Viele waren stark rauchvergiftet, starben uns weg wie die Fliegen.“ Die Fenster konnte man nicht zum Lüften öffnen, zumal von Dresden her dicker, brauner Brandqualm herzog. Dem folgte alsbald ein Strom von Flüchtlingen aus der zerstörten Stadt.

Es war Roland Ander, der mit Findeisen 1969 das Interview führte – er sprach mit vielen, die das Grauen jener Tage erlebt hatten. Ander wurde 1935 in Neusalza-Spremberg geboren, war aber bald drauf mit seinen Eltern nach Dresden gezogen, wo er dann Bombenächte und Kriegsende miterleben musste. Als Maurerlehrling half er wie viele andere mit, die ausradierte Innenstadt von Trümmern zu beräumen. Ander absolvierte schließlich ein Architekturstudium, es war dann kein Geringerer als Fritz Löffler vom Institut für Denkmalpflege, der ihn ermunterte, „Authentisches von der ,Dresdner Steinzeit’“ festzuhalten.

Ander bat ehemalige Trümmerfrauen und Flakhelfer, vor allem aber Angehörige der Dresdner Berufsfeuerwehr wie auch freiwilliger Feuerwehren aus der Umgebung, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. So äußern sich Feuerwehrleute zum Untergang der Feuerlöschboote, zur Stimmung in der Örtlichen Luftschutzleitung im Tiefkeller unter dem Albertinum oder auch zum Einsatz an der Villa des Gauleiters Martin Mutschmann in der Comeniusstraße.

Zudem führte Ander unzählige Ton-Interviews. Auch bewahrte er Fotografien, Grafiken und Zeitdokumente der Kriegsereignisse vor dem Vergessen. Zeugnisse des Feuersturms fanden sich in Richtung Osten weit verstreut bis nach Hirschberg in Schlesien am Rand des Riesengebirges wieder. Ein Foto zeigt ein halb verkohltes Kuvert, das an den Landesführer der Technischen Nothilfe adressiert war. Der Feuersturm hatte das angesengte Relikt 57 Kilometer weit nach Ebersbach geweht, Max Trepte übergab das Stück dem Autor.

Viele dieser „Fundstücke wider das Vergessen“ fanden Eingang in sein Buch „Verwischte Spuren“, in dem „anstelle einer Einleitung“ ein Interview Fritz Löfflers abgedruckt ist. Er sagte u.a. aus, dass das Haus in der Bamberger Straße zerbombt und Löfflers Frau mit anderen „schwer verschüttet“ worden war. Letztlich konnten sich alle aus dem Keller selbst befreien, Ida Bienert nahm das Ehepaar Löffler in ihrer Villa in der Würzburger Straße 46 auf.

Das Vorwort zu Anders Buch steuerte der langjährige DNN-Mitarbeiter André Glöckner bei. Er hält fest, dass dem Werk 50 Jahre akribischer Recherche vorausgingen. „Nüchterne Einträge aus amtlichen Quellen über Hunderte von Einzelschicksale lassen ebenso erschauern wie die Berichte von Hinterbliebenen der Bombenopfer, von Flüchtlingen, Sanitätern, Ärzten, Polizisten, Feuerwehrleuten, Soldaten, Verwaltungsangestellten; die meisten von ihnen werden heute nicht mehr leben“, schreibt Glöckner, der dem Buch bescheinigt nachzuweisen, „wie Gewalt auf jene zurückschlug, von denen sie ausging.“ An dem Satz, der zum Mantra geworden ist, ist Wahres dran. Die Menschen in den Städten des Großdeutschen Reiches haben allerdings gleichwohl gelitten (eben weil sie Menschen und nicht die vom totalitären NS-Regime gewünschten Übermenschen waren). Es gibt natürlich auch Opfer, die ihrerseits Täter waren, ob sie nun unten im Keller saßen oder hoch oben in den Lüften in einem Bomber. 9000 alliierte Bomber wurden abgeschossen. 55 000 Männer des fliegenden Personals starben. Nur in der deutschen U-Boot-Flotte war das Verhältnis von Überlebenden und Gefallenen noch schrecklicher. Auch der später geadelte Arthur Harris hatte mit seinen Leuten kein Erbarmen. Der Name „Butcher Harris“ betrifft ja nicht etwa die deutschen Opfer, er zielte auf die eigenen, von Harris ohne Rücksicht auf Verluste in den Kampf geschickten und regelrecht verheizten Bomberbesatzungen.

Ein eigener Beitrag in Anders Buch widmet sich den wissenschaftlichen Erklärungen zur Entstehung und den Ausmaßen „eines der größten, durch Menschen verursachten Feuersturmes auf Erden“. Zum Auftakt vermittelt der Autor „Einiges vom zivilen Luftschutz“. Man erfährt, dass 1940 ein Sofortprogramm beschlossen wurde. In Luftschutzorten I. Ordnung sollten bombensichere Bunker errichtet werden. Das auf einem „Führerbefehl“ beruhende Sofortprogramm umfasste 81 Städte, zumeist in West- und Norddeutschland. Dresden war nicht darunter, die Stadt galt laut Ander nur als Luftschutzort II. Ordnung. Zu fragen wäre gleichwohl, weshalb in Dresden also keine großen Hochbunker errichtet wurden, in Breslau in Schlesien, das noch deutlich mehr als „Luftschutzkeller des Reiches“ galt, aber schon. Von bizarrer, unfreiwilliger Komik sind die Reime, mit denen 1939 die Zeitschrift „Sirene“ des Reichsluftschutzbundes Schutzvorkehrungen publik machen wollte. Da wurden glatt gedichtet. „Sind imprägniert des Dachstuhl Sparren, kannst ruhig du der Bomben harren!“ Oder auch: „Wer flott die Feuerpatsche zückt, hat auch die Flamme bald erstickt.“ Mit Feuerpatschen kam man im Feuersturm dann nicht weit.

Abschließend wird in Anders Buch vom Neubeginn erzählt. So schildert der Maler Wilhelm Rudolph, wie er – zweimal – die Genehmigung einholte, um zeichnen zu dürfen. Ehe die Rote Armee in Dresden einrückte, hatte Rudolph schon etwa 40 Blätter gezeichnet, im Ganzen wurden es dann an die 200 Blatt, 50 davon sind in einer Mappe vereinigt.

Roland Ander: Verwischte Spuren. Brandzeichen des Feuersturms im Februar 1945 in Dresden. Druckerei & Verlag Hille, Dresden, 263 Seiten, 14,50 Euro

Von Christian Ruf

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