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Ausstellung zum 60. Geburtstag von Johannes Heisig in der Kunsthandlung Koenitz

Ausstellung zum 60. Geburtstag von Johannes Heisig in der Kunsthandlung Koenitz

Die Ausstellung, die bereits in Frankfurt am Main zu sehen war und im Laufe des Jahres noch in ähnlicher Form in Eisenach, Oldenburg, Berlin (dabei zum Teil in staatlichen Museen) gezeigt wird, hätte eigentlich auch in Dresden einen anderen Platz und die eine oder andere Ergänzung verdient, findet sie doch unmittelbar vor dem 60. Geburtstag eines Künstlers statt, der hier mehr als zwei Jahrzehnte gelebt und gewirkt hat.

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Blick in die Ausstellung mit zwei Tafeln des Triptychons "Be Berlin oder die einende Kraft der Musik".

Quelle: Tomas Petzold

Galeristin Anja Himmel von der Kunsthandlung Koenitz sieht die Zeichen der Zeit jedoch so, dass es keine Ausnahme bleiben wird, dass sie nicht nur die "Begleitmusik" zu anstehenden Ehrungen mit Dresden verbundener Künstler zu spielen hat, sondern den Hauptpart übernehmen muss - was für eine kommerzielle Galerie immer einen gewissen Spagat bedeutet, zumal wenn sich die Museen vor Ort nicht interessiert zeigen.

In den Selbstporträts, die derzeit am Dresdner Obergraben zu sehen sind, zeigt sich der Maler Johannes Heisig als ein Suchender und Ringender, der sich dennoch selbst nicht gar zu wichtig nimmt. Der gelernt hat, ein- und zurückzustecken, und doch hartnäckig und entschieden seine Position ausbaut. Das gilt im streng künstlerischen Sinne wie für die Wahrnehmung in ganz Deutschland und darüber hinaus. Er kommt da nicht gerade als Bettler zurück an die alten Stätten, aber stellt sich doch nicht der Welt gegenüber wie einst ein Max Beckmann oder Hans Grundig, sondern sucht vielmehr das intensive, manchmal wohl auch quälende Gespräch mit sich selbst. Also eher wie ein Gerhard Kettner, der, von allen Äußerlichkeiten absehend, sein Innerstes preisgab, bis hin zu erahnbaren Abgründen.

Dem Misstrauen ausgesetzt

Wie der großartige Beckmann stammt Heisig aus Leipzig, wie der linke Widerständler und Idealist Grundig wurde er - freilich unter ganz anderen Umständen - von der Dresdner Akademie erst gerufen und später abgestoßen, als Anfang der Neunziger um die künftigen Leitlinien der Ausbildung gestritten wurde. Wie Kettner, dessen Meisterschüler er 1978-80 war und dem er nach anschließender Lehrtätigkeit 1989 für eine ungemein schwierige Zeit ins Rektorenamt folgte, suchte er gegen die Übermacht von Vorbildern und Ismen seinen eigenen Weg. Als Heisig zur Jahrtausendwende die Stadt verließ, sah es wie eine Vertreibung aus. Dabei hatte er sich u.a. für die Neugründung des Sächsischen Kunstvereins und die Wiederbelebung des Festspielhauses Hellerau engagiert - aber auch hier entwickelten sich die Dinge anders als in den kühnen Träumen der Erneuerer. Eine nicht geringe Rolle spielte wohl auch das Misstrauen, das ihm begegnete und u.a. aus Vorurteilen gegenüber seiner durchaus privilegierten Rolle in der späten DDR herrührte.

Bis er sich mit dieser Zeit auch in seinen Bildern auseinandersetzte, verging eine längere Zeit, aber 2008 begann Heisig mit dem Zyklus "Es war einmal. Bilder vom Erinnern, den Erinnerungen und dem Innern", der am 47. Jahrestag des Mauerbaus im Berliner Abgeordnetenhaus vorgestellt wurde und aus dem nun in Dresden neben den Bildnissen der Eltern des Künstlers und der Mauer-Relikt-Landschaft "Bernauer Straße I" das 2009-11 entstandene großformatige Triptychon "Be Berlin oder die einende Kraft der Musik" zu sehen ist. Heisig inszeniert hier, gewissermaßen unter den Augen von Heiner Müller und Gottfried Benn oder deren sich kreuzenden Blickwinkeln, eine historisch-musikalische Event-Bühne, die auf den ersten Blick von einem Saxophonisten beherrscht wird, der links von einem Punk-Trommler in Gasmaske, rechts von einem unbekleideten Cellisten (Rostropowitsch) begleitet wird. Während über alle zeitlichen und räumlichen Grenzen eine musikalische Vereinigung der besonderen Art stattfindet, hat sich die Erinnerung an die Vergangenheit der DDR und der alten BRD seit den 60ern säuberlich getrennt an den Kulissen niedergeschlagen, insbesondere die an den Besuch John F. Kennedys in Westberlin. Die Seitentafeln markieren schlaglichtartig Anfang und Ende der Mauer - hier ein panischer Sprung aus dem Fenster in die vermeintliche Freiheit, da ein seitwärts blickender Polizist vor dem friedlich besetzten Schutzwall. Der Künstler, selbst der Generation Rock angehörend, scheint zwischen Nähe und Distanz zu schwanken; mit dem Rücken zur Szene wirft er den Kopf zurück und scheint sie buchstäblich auszuleuchten oder mit einem Fan-Feuerzeug zu feiern. Episches Bildertheater ist ansonsten Heisigs Sache nicht, und auch hier geht es ihm wohl weniger um ein komplexes Geschichtspanorama als vielmehr um das, was die "gewöhnlichen" Zeitgenossen bewegt, was sie verbindet und was sie (oft zugleich) trennt.

Rückzug aus den Ämtern

Wir alle sind, was Heisig als Titel über die Dresdner Ausstellung stellte, nämlich "Glückssucher", sei es als Wünschelrutengänger, Hasardeure oder in dem Sinne, dass wir uns das Hirn darüber zermartern, was Glück eigentlich sei. Für Heisig ist es das Geheimnis, dem man auf der Spur bleiben muss. Was als Klartext nicht ankommt, kann über die Kunst ins Bewusstsein eindringen. Das eint ihn mit dem befreundeten Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel. Heisig hat sich Anfang der 90er Jahre aus allen öffentlichen Ämtern zurückgezogen, aber das Kostüm des Clowns oder Vagabunden taugt ihm nicht.

Vielleicht auch dank Kettner, hat er zum Porträtieren (im engsten wie im weiteren Sinne) als seinem ureigenen Metier gefunden, das Expressive, die optische Sensation in Einklang gebracht mit Tiefenanalyse und Feldforschung, die Divergenz zwischen Malerei und Zeichnung aufgehoben. Die unmittelbare Begegnung mit der Realität wird mehr und mehr zur Voraussetzung für eine gesellschaftlich engagierte Kunst. Das gilt für das Malen in Stadt und freier Natur ebenso wie für die Arbeit an einer Porträtserie zu Willy Brandt. Das hat sich über Jahre und Jahrzehnte entwickelt und behauptet, keineswegs losgelöst vom Einfluss der großen wie der kleinen Welt - und der Gene. Letzteres zeigt sich unverkennbar an einem Bildnis seines Sohnes Eduard, und natürlich an der malerischen Diktion, die ihre Familientradition nicht verleugnen kann, aber längst ihr ganz eigenes Feld gefunden und dabei so manchen geistigen Horizont überschritten hat - bis hin etwa zu dem Wagnis eines Altarbildes für die Gemeinde Gelliehausen bei Göttingen.

Das (auch in diesem Werk geübte) Porträtieren bedeutet, sich auf den ganz speziellen Gegenstand einzulassen, eine gemeinsame Schwingung zu suchen, indem man ihm einerseits nachgibt, andererseits etwas abringt, was vorher nicht zu sehen war. Die Schriftstellerin Eva Demski hat das am Entstehen ihres eigenen Bildnisses beobachtet und im Katalog der Ausstellung sehr schön beschrieben.

Farbenspiele des Feuers

Fast noch deutlicher macht es sich in den Landschaften bemerkbar. Die Farbenspiele des Feuers, Akkorde mit den Grundtönen Pink, Grün und Gelb bleiben als sinnliche Grundeindrücke haften, werden aber auch einmal überstrahlt von einem überraschend blauen Himmel, in dem über weißem Gemäuer das Laub eines Olivenbaums nicht nur flirrt, sondern geradezu lodert. Im Vergleich dazu erscheinen die Farben an einem "Teich bei Wilhelmsthal" im Thüringer Wald wie aus zartem Dunst hervorgelockt, "Weinstöcke bei Alsbach" beinahe schon monochrom, und dass er auch den oft nur andeutenden Umgang mit feinsten Abstufungen des Schwarz auf Weiß ebenso souverän beherrscht, zeigt eine Auswahl von Arbeiten auf Papier. Tomas Petzold

ibis 20. April, geöffnet Mo-Sa 10-19 Uhr, Künstlergespräch mit Johannes Heisig und Hans-Eckardt Wenzel am 12. April, 19 Uhr

www.kunsthandlung-koenitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.04.2013

Tomas Petzold

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