Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+
Ausstellung von Sebastian Hempel in der galerie baer

Ausstellung von Sebastian Hempel in der galerie baer

Unsere Augen betrügen uns. Sie zeigen uns Dinge, die wir in Wirklichkeit gar nicht sehen. Unsere Augen betrügen uns, weil sie faul sind: Sie sind träge.

Oder genauer ausgedrückt, die Lichtsinneszellen der Netzhaut können Einzelbilder mit einer Wiederholungsfrequenz von mehr als etwa 20 Bildern pro Sekunde nicht mehr getrennt wahrnehmen. Aber: Sie nehmen visuelle Reize wahr, nach dem Ausbleiben noch Sekundenbruchteile lang. Sie leuchten den wahrgenommenen Reiz sozusagen noch einmal nach. Für das menschliche Gehirn bedeutet das, dass es bei einer Abfolge von ähnlichen Einzelbildern ab einer gewissen Geschwindigkeit die Veränderung des Gesehenen als Bewegung interpretiert.

Die Trägheit des Auges oder die "Persistence of vision" bildet die Grundlage für alle bewegten Bilder, die wir täglich konsumieren. Das erste optische Spielzeug wurde bereits 1825 von dem Geologen William Henry Fitton entwickelt : das Thaumatrop. Dabei handelt es sich um eine Scheibe mit zwei komplementären Bildern auf jeder Seite. Die Scheibe ist an zwei Schnüren befestigt, an denen sie gedreht wird. Ab einer gewissen Geschwindigkeit verschmelzen beide Darstellungen zu einem Bild. Physiker und Psychologen haben zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Illusion der Bewegung, die Trägheit des Auges, wissenschaftlich erklärt.

Sebastian Hempel schert sich wenig darum, er baut die Objekte einfach, und dann passiert es. Bei den "Bubbles" zum Beispiel, den 4 x 4 Lichtkreisen, dem kinetischen Objekt aus LEDs, Aluminium, Plexiglas und Antrieben. "Das ist meine Luftblasenmaschine", sagt der Vierzigjährige: "Schauen Sie doch, sie wirft eine Blase nach der anderen. Immer wieder verändert sie sich. Aber letztendlich bewegt sich nur der Lichtpunkt. Das ist doch faszinierend oder?"

Der Dresdner liebt das Spiel mit den Veränderungen, auch wenn er gesteht, dass er die Luftblasenmaschine noch schöner findet, wenn sie nicht in Bewegung ist: "Die hat so etwas Archaisches, das war gar nicht beabsichtigt. Ansonsten aber kann ich mich nicht entscheiden." Wenn sich seine Objekte nicht bewegen würden, sagt er weiter, dann müsste er einen Zustand herausnehmen, sich also entscheiden, sich für einen bekennen. Das aber sei ihm völlig unmöglich. Sebastian Hempel kann sich also nicht entscheiden, deshalb verändern sich auch ständig die beiden Leuchtstabbilder 14 W. Eins bewegt sich vertikal, das andere horizontal. Eine frappierende Arbeit. Sie erklärt die Wand, an der sie hängt, zum Bild. Das Relief wird mit dem Leuchtmittel gescannt. Und so werden nicht nur die Strukturen deutlich sichtbar, auch die Farbe Weiß verändert sich. "Das könnte ich nie malen", erklärt der Künstler: "Aber meine Maschinen, die können das. Die können richtige Bilder zaubern."

Manchmal aber können die Maschinen von Sebastian Hempel wehtun. Die Arbeit Display 5 x 5 Kreise aus Leuchtstäben zum Beispiel. Das Licht ist unerträglich, je länger man hinschaut, umso härter, umso gleißender, aggressiver wird es. Dann aber nimmt man diese Erhabenheit wahr, sieht man das weiße Licht der Leuchtstoffröhren als das, was es ist - als kühle sublime Schönheit. Genauso wie dieser 80 Zentimeter hohe "Runde Tisch" mit den 48 Leuchtstofflampen darinnen. Unaufhörlich kreisen sie im Uhrzeigersinn. Immer nur ein Strahl zieht die Aufmerksamkeit auf sich, erscheint und verschwindet sofort wieder. Eine spannende Arbeit, eigentlich ist alles klar, und doch bleibt alles im Ungewissen.

Sebastian Hempel ist ein Meister im Spiel mit Irritationen. Der gelernte Steinbildhauer hat von 1993 bis 1998 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert, später war er dort Meisterschüler bei Ursula Sax und an der Slade School of Fine Art London. Er zeigt sich zum vierten Mal mit einer Einzelausstellung bei den Baers. Der Titel der Ausstellung und gleichzeitig seiner wichtigsten Arbeit kommt einer Ansage gleich: "Elektrisches Gefühl" - eine sieben Meter breite und rund zwölf Meter lange aus Feinspanplatten konzipierte Fläche. Eine Rauminstallation, die den größten Teil der Galerie komplett verändert. Sebastian Hempel ärgerte sich schon seit langem über die weißen Fußbodenfliesen. "Ich wollte erst nur den Boden verändern, dann wurde diese Maschinerie draus. 100 Quadratmeter Holz, 400 Rollen und 22 Motoren. Und man fährt vor und zurück und man traut seinen eigenen Augen nicht. Bewege ich mich oder bewege ich mich doch nicht?" Dieses "Elektrische Gefühl" funktioniert so subtil, so harmlos und ist doch voller Überraschungen. Sobald man sich ihm nähert, man auf eines dieser Laufbänder tritt, schaltet sich der Sensor ein, ganz leise, kaum zu hören.

Und genau dann passiert es wieder. Dann gibt es wieder diesen Störfaktor, diese Wahrnehmungsstörung. Wem bin ich hier ausgeliefert, was passiert hier, warum bewegt sich welche Bahn wann und wie? Mitunter wird einem sogar schwindlig vor Augen. Manchmal noch Stunden später. Sebastian Hempel wundert sich nicht darüber: "Das ist doch logisch. Das Auge hat hier keinen einzigen Halt. Die Wände, die Fenster gehören quasi zur Installation dazu. Ein bisschen Irritation aber muss sein. Die Standortfrage ist eben nicht immer geklärt. Und sich Fragen zu stellen, hat doch noch niemanden geschadet oder?"

Was der Erfinder all dieser kinetischen Objekte übrigens an diesem Nachmittag bei den Baers auch erzählt: Dass er seinen Galeristen dankbar ist, dass er mit ihrer Hilfe solche Projekte verwirklichen kann: "Machen wir uns mal nichts vor. Dieses ,Elektrische Gefühl' geht anschließend durch die Esse. Das habe ich nur für diese eine Ausstellung gebaut. Für so etwas braucht es auch den Mut eines Galeristen, der ja dazu sagt."

Zu dieser Ausstellung gehört auch ein ausgezeichnet gestalteter Katalog "Plastik kann man nicht hören", gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Was es mit dem Titel jedoch auf sich hat, das muss man sich vor Ort erklären lassen. Dann kann man ihn auch hören. Dieser Katalog ist schließlich ein Objekt von Sebastian Hempel.

Ausstellung bis 6. Januar, galerie baer, Louisenstr. 72, Die/Mi 10-15 Uhr, Do/Fr 12-19 Uhr, Sa 12-17 Uhr. 22.12. bis 2.1. geschlossen

Tel. 0351 6465032

www.sebastian-hempel.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.12.2011

Adina Rieckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr