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Ausstellung von Hubertus Giebe in der Dresdner Kunsthandlung Koenitz

Ausstellung von Hubertus Giebe in der Dresdner Kunsthandlung Koenitz

Wenn man in diese neue Ausstellungshalle der Kunsthandlung Koenitz tritt, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, in einem allseitig bestückten Bühnenraum zu stehen, der gleichzeitig mehrere Inszenierungen mit geheimnisumwitterter Ausstrahlung bietet.

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Hubertus Giebe. Der Schausteller. 1992. Öl auf Leinwand. Repro: Kunsthandlung Koenitz

Die Gemälde des Dresdner Malers Hubertus Giebe haben diesen Raum bedingungslos mit Beschlag belegt und ihn in ein furioses Gesamttheater verwandelt, dessen Erregung auch den Betrachter unweigerlich umfasst. Die Signale, die diese Werke aussenden, sind zunächst kraftvoll und überbordend, wirken zugleich aber auch verstörend, irritierend, gewaltsam und aggressiv. Diese ins Groteske gesteigerten Wirklichkeitsrelikte, kubisch gebrochen und scheinbar willkürlich über die Fläche verteilt, rufen in ihrer expressiven Verfremdung wie von selbst Empfindungen der Beklemmung, des Bedrängt-Werdens, der unterkühlten Disharmonie auf den Plan, sorgen - kurz gesagt - auch für Distanz.

Diese Bilder sind bewusst sperrig, leben von einer selbstverordneten Verrätselung - aber gerade darin liegt ihr fordernder Reiz. Innere Ausgeglichenheit und äußeres Schönheitsbedürfnis bilden im Prinzip nicht Giebes Anliegen - dazu schieben sich die ganzheitlich umfangenen Bildmontagen zu kompakt dem Betrachter entgegen -, doch genau darin besteht die Faszination, die die Werke des Malers, Grafikers und nie ruhenden Zeichners auslösen können. Er sucht die unmittelbare, häufig zugespitzte Reibung an der Welt und ihren Zusammenhängen. [...]

Giebe ist seinem ureigensten Wesen nach - und das nicht erst seit der Beschäftigung mit historischer Thematik - ein Dramatiker, ein Inszenator und ein Arrangeur, der - und darin liegt eine Qualität seiner Kunst - stets den existentiellen Konflikt gestalterisch zu fassen sucht - den Konflikt in sich, seine Konflikte mit der Welt und die Konflikte, die scheinbar unabdingbar in diese Welt eingelagert sind. [...]

Waren zunächst Porträts, Akte und Schaufensterpuppen die bevorzugten Motive von Hubertus Giebe, so kamen seit Ende der 1970er Jahre - befördert durch graphische Blätter zur "Blechtrommel" von Günter Grass - die sogenannten "Geschichtsbilder" hinzu, die seine Bildhorizonte für eine drastisch-übersteigerte Darstellung von Geschichtsproblematik weit öffneten und einen wesentlichen Teil seines Schaffens fortan bestimmten. Das ist, wie wir sehen, bis heute so geblieben. In einem Vortrag 2009 umriss der Künstler selbst diesen "Bannkreis" der Anregungen, die ihn zur Gestaltung solcher komplexen Prozesse historischer Vorgänge bewogen haben: "Meine Ausgangspunkte für diese Bild-Welten waren Ende der siebziger Jahre Grass' 'Blechtrommel', aber auch das frühe Heiner-Müller-Stück 'Die Schlacht' und Fritz Löfflers 'Dix-Monographie'. Letztere ist im selben Dresdner Verlag der Kunst erschienen, in dem Erhard Frommhold Cheflektor war und - immerhin in Dresden - 1968 seine 'Kunst im Widerstand' edierte, die damals reich bebildert, die ganze europäische Moderne versammelte. In den siebziger Jahren trafen mich die Suhrkamp-Bände von Peter Weiss' 'Ästhetik des Widerstands' wie ein Stromschlag. Weiss' intellektuelle Muster brannten sich mir ein. Der Dramatiker Heiner Müller sagte im Interview: 'Die Geschichte ging mit mir um, also ging ich um mit der Geschichte.'"

Wie geht nun Hubertus Giebe mit Geschichte um? In seinen surreal anmutenden, aber mit vitaler Wirklichkeit aufgeladenen Ereignisbildern staucht er seine staffageartigen Figurengruppen - meist in gegenläufiger Form ausgerichtet und unterschiedlichen Größenordnungen unterworfen - fest in das Flächengeviert ein, das bis zu seinen Grenzen voll ausgespannt wird. Die Vorgänge selbst entziehen sich in Gänze bewusst einer eindeutigen Klärung. Sie sind gleichsam in entrückten, satirisch überformten Zwischenbereichen angesiedelt und vermitteln durch die einzelnen Teilpartien doch deutlich ihre Botschaften einer an Menschlichkeit appellierenden Metaphorik. Widerstreitende Impulse durchzucken jeweils das gesamte Werk, signalisieren gleichermaßen Aufbruch und Fall und verdeutlichen diesen permanenten Kräftekampf zwischen Macht und Ohnmacht, Gewalt und Leiden oder Brutalität und Empfindsamkeit. Giebes fleckenartig verstückte Gemälde wirken auf mich wie ein großer Klagegestus, wie ein nicht enden wollender Aufschrei - mithin wie Sinnbilder vergangenen und aktuellen Geschehens.

In allen Arbeiten Giebes, in all diesen Entreißungen von Wirklichkeitssubstanz dominiert eine spürbare Kontrapunktik zwischen Bewegung und Erstarrung. Scheint zunächst das flirrende Spiel der dynamischen Formen und leuchtenden Farben den Bildraum zu überfluten, so wird beim zweiten Blick überraschend Stillstand, Brechung und ein fast zwanghaftes Eingebunden-Sein der Formen registriert. Dem Ausufern der einzelnen Form- und Farbpartien steht eine festgezurrte Struktur gegenüber, die in eigenartiger Reglosigkeit verharrt. Maskenartige Gesichter, innerlich erregt und doch schockartig gebannt, Körper, die sich aus ihrer Verankerung lösen und doch schwergewichtig im Raum lasten, oder Gegenstände und Zeichen, die sich in die Fläche ausbreiten wollen, aber plötzlich fest verortet scheinen, bestimmen die Bildgefüge von Hubertus Giebe. Allein der Kontrast zwischen diagonaler Durchquerung und gerundeter Einbindung, der die Arbeiten Giebes wie ein haltgebendes Netzwerk durchwirkt, offenbart diesen spannungsreichen gestalterischen Konflikt seiner Bildfindungen, was nicht zuletzt zu ihrer nachhaltig-bohrenden Intensität beiträgt.

Eröffnungsrede zur Ausstellung, gekürzt

bis 30. Juni, Kunsthandlung Koenitz, Obergraben 8. Tel. 0351-484 35 78. Mo-Sa 10-19 Uhr

Heute, 19 Uhr, findet ein Künstlergespräch zwischen Hubertus Giebe und Uwe Tellkamp statt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.06.2012

Fritz Jacobi

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