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Ausstellung in der Kathedrale vermittelt Erkenntnisse über das Turiner Grabtuch

Ausstellung in der Kathedrale vermittelt Erkenntnisse über das Turiner Grabtuch

4,40 Meter lang ist das Stück Leinen und 1,13 Meter breit. Ein kostbares Gewebe, gewirkt in aufwändigem Fischgrät-Muster. Kein anderes Stück Stoff auf der Welt ist so oft und genau untersucht worden wie das Turiner Grabtuch.

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Blick in die Ausstellung. Im Mittelpunkt ein Faksimile des Turiner Grabtuches in Originalgröße.

Quelle: Ralf U. Heinrich

Vor allem aber ist es von Millionen Menschen bestaunt und von Christen verehrt worden. Denn darin soll der Leichnam des gekreuzigten Jesus aus Nazareth gehüllt gewesen sein.

Es gibt Wissenschaftler, die sagen, es stamme aus dem Mittelalter - ein Kunstwerk; manche sprechen von Fälschung. Und es gibt zahlreiche andere Experten, die, auf ihre Forschungsergebnisse verweisend, zu der Erkenntnis gelangten: Es ist echt.

Wie es sich damit verhält, darüber kann man sich jetzt in einer Wanderausstellung in der Dresdner Kathedrale (frühere Katholische Hofkirche) informieren. Bis 13. September ist sie im linken Seitenschiff zu sehen.

Im Mittelpunkt ein Faksimile des Originals, welches seit 1578 im Turiner Dom aufbewahrt und nur sehr selten gezeigt wird. "Die großen symmetrischen Flecken stammen von der Brandkatastrophe in der Schlosskapelle von Chambéry im Jahr 1532", erläutert der Düsseldorfer Historiker und Autor Michael Hesemann bei einem ersten Rundgang durch die Ausstellung.

Das größte Rätsel gibt den Wissenschaftlern das Abbild des Toten auf, das sich auf dem Tuch verewigt hat. Der erste, der aus dem Staunen nicht wieder herauskam, hieß Secondo Pia, war Rechtsanwalt, Bürgermeister von Asti und ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf. Er durfte 1998 das Tuch als erster aufnehmen. Als er auf die Platte schaut, erblickt er etwas, was er noch nie gesehen hatte: Nicht die sonst üblichen Konturen mit der Umkehrung von Hell und Dunkel, sondern ein realistisches Abbild. Was auf dem Tuch nur als maskenhafter Schatten erscheint, zeigte sich zu seiner Überraschung als ein Gesicht mit deutlich zu erkennenden Zügen. Das Negativ war zum Foto geworden.

"Eine Erklärung dafür gibt es nicht", sagt Hesemann. "Nur die oberste Schicht des Gewebes ist stark vergilbt. Es muss eine starke Strahlung eingewirkt haben." Vom Leichnam selbst müsse sie ausgegangen sein. "Wir können nur spekulieren."

Erklärungen auf grauen Stelen und Gegenstände in beleuchteten Vitrinen reihen in der Schau in der Kathedrale eine ganze Indizienkette auf. Da sind beispielsweise die Erkenntnisse des israelischen Pflanzenforschers Avinoam Danin. Er entdeckte Abdrücke der "dornigen Distel" und des "buschigen Jochblatts", das sehr selten ist. Einzig in einem schmalen Streifen zwischen Jerusalem und Hebron kommen beide Pflanzen gleichzeitig vor.

Oder jene Münze des Pontius Pilatus. Ein Abdruck davon fand sich auf dem rechten Augenlid des Toten. "Eine enorm seltene Fehlprägung", sagt Hesemann. Dazu die Dornenkrone. Nicht der auf allen Bildern dargestellte Dornenkranz, sondern eine Art Haube. "Ein Stück, aus einem Dornenbusch herausgeschnitten, unten von einem Binsenreif zusammengehalten, der die Dornen auf den Kopf drückte. Bei keinem anderen Gekreuzigten ist so etwas nachgewiesen."

Oder die Nägel. Quadratisch, nicht rund, etwa einen Zentimeter stark, wie die Wundmale zeigen. Genau wie jene Nägel, die die Römer bei der Kreuzigung verwendeten. Und nicht durch die Handflächen getrieben, wie traditionelle Bilder immer zeigen. "Dort könnten sie nie einen Körper halten." Sondern durch die Handgelenke, durch einen Spalt zwischen den Knochen. Durch den verläuft auch der Mittelarmnerv. "Wird der verletzt, krümmt sich der Daumen nach innen - und auf dem Tuch sind tatsächlich nur vier Finger zu sehen."

"Man kann darin lesen wie in einem Buch."

Die Spuren zeigen zudem in der rechten Seite des Toten eine Wunde, die exakt so breit ist wie eine römische Lanze. Kleinere Wunden im Rücken rühren von der Geißelung durch die römischen Schergen her. Zweifel meldeten nur jene Wissenschaftler an, die das Alter des Tuchs mit der Radiokarbonmethode bestimmten. Sie datierten es zwischen 1260 und 1390. Also doch eine mittelalterliche Fälschung? "Aber zwei Prozent Verunreinigung bei diesem Verfahren genügen, dass man sich um 1500 Jahre verschätzt", erläutert Hesemann. Vier andere Methoden legten nahe: Das Tuch stammt aus der Antike.

Wie der Leichnam in etwa ausgesehen haben könnte, zeigt eine Plastik getreu nach den Abdrücken auf dem Grabtuch. Inzwischen haben die Experten so intensiv an dem Grabtuch geforscht, dass sie nun über Jesus eine ganze Menge wissen: Etwa einsachtzig groß ist er gewesen, wog 76 Kilo, war zwischen 30 und 40 Jahre alt und hatte Blutgruppe AB.

Und alle Spuren scheinen den Evangelisten Recht zu geben. "Wir haben auf dem Tuch die Passion abgebildet, gemalt mit Blut", sagt Hesemann. "Man kann darin lesen wie in einem Buch. Es gibt so viele Hinweise, dass eine Fälschung aus dem Mittelalter als unwahrscheinlich gilt." Nun könnten alle sich über diese Erkenntnisse informieren, sagt Bettina von Trott zu Solz, die Kuratorin der Ausstellung, die auf Initiative des Malteser Hilfsdienstes entstand. Betont neutral, als Frage, ist der Titel formuliert: "Wer ist der Mann auf dem Tuch? Eine Spurensuche."

Die Besucher sollen sich selber ein Bild machen und urteilen, so zu Solz. "Es ist wie an einem Tatort, wo Kriminalisten zurückverfolgen: Wie kam dieser Mensch ums Leben?" Und, dann, so Michael Hesemann, stelle man fest: "Hoppla, das stimmt ja alles mit den Evangelien überein."

Kathedrale Dresden, bis 13. September, Kirche geöffnet Montag bis Sonnabend 8.30 bis 19 Uhr, Sonntag 7.30 bis 19 Uhr Informationen über Führungen unter Tel. 0351 / 4355546, E-Mail turinergrabtuch@malteser-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.08.2015

Tomas Gärtner

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