Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
Google+
Ausstellung in Chemnitz zum 120. Geburtstag von Otto Dix

Ausstellung in Chemnitz zum 120. Geburtstag von Otto Dix

Nachdem die heimischen Staatlichen Kunstsammlungen mit ihrer Schau "Neue Sachlichkeit in Dresden" seit Anfang Oktober - auch mit einer Reihe seiner Gemälde - den indirekten Auftakt für die Würdigung des heutigen 120. Geburtstages von Otto Dix (1891-1969) gaben, folgten Mitte November die Kunstsammlungen Chemnitz mit ihrer Bilanz der Beziehungen des Künstlers in die Stadt.

Pünktlich zum Jubiläum eröffnet heute nun die Geburtsstadt Gera ihre Präsentation. Während Letzteres zum "guten Ton" gehört, hatte Chemnitz sicher nicht jeder "auf der Rechnung". Gleichwohl gab es einiges aufzuarbeiten, weshalb Kunstsammlung-Generaldirektorin Ingrid Mössinger das Projekt jüngst in einer Reihe mit jenen sah, die in der Vergangenheit die Bezüge Edvard Munchs, Max Klingers oder Ernst Ludwig Kirchners zur westsächsischen Industriemetropole untersuchten. Mit der Materie "Otto Dix in Chemnitz" befasst war seit eineinhalb Jahren Thomas Bauer-Friedrich, Leiter des Museums Gunzenhauser, das dank seines Stifters unter anderem ja über einen ansehnlichen Dix-Bestand verfügt.

Bauer-Friedrich interessierte konkret das Engagement zweier Vertreter des Chemnitzer Bürgertums - des Margarinefabrikanten Fritz Niescher (1889-1974) und des bekannten Kinderarztes Otto Köhler (1887-1963) - in Sachen Dix. Diese dazumal prominenten Bürger waren die Bindeglieder des Künstlers nach Chemnitz - und dies gerade in der schweren Zeit nach der Entlassung als Professor der Dresdner Kunstakademie im April 1933 auf Betreiben der neuen nationalsozialistischen Machthaber und dem bald folgenden Ausstellungsverbot. Diese existenzielle Diskriminierung traf den Künstler auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft - 1931 etwa war er zum ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Künste berufen worden. Auch dies war nun hinfällig.

Der Segen der Sammler

Das Interesse der Familien Niescher und Köhler muss ihm wie ein Segen erschienen sein. Der kunstinteressierte Niescher, der ebenso unbeirrt Barlach sammelte, änderte auch angesichts der "Entarteten"-Hetze der Nazis (er wie auch Köhler waren selbst NSDAP-Mitglieder seit Mai 1933) seine Meinung nicht. Er wurde - über das Jahr 1945 hinaus - einer der treuesten Bewunderer, der eine bedeutende Sammlung aus Gemälden, vor allem aber Zeichnungen, darunter zahlreiche der Dix'schen Silberstiftzeichnungen, sowie den späten Lithografien aufbaute. Leider blieb diese Thomas Bauer-Friedrich für seine Recherchen im Vorfeld der Chemnitzer Ausstellung trotz vieler Bemühungen verschlossen. Dies mag noch in den für die Familie bedrohlichen Verwerfungen nach 1945 seine tiefsten Wurzeln haben, die Niescher 1951 zur Flucht in den Westen trieben. So war nicht zuletzt eine vom damaligen Museumschef Friedrich Schreiber-Weigand zum 60. Dix-Geburtstag geplante große Präsentation (einschließlich der Niescher-Sammlung) unmöglich geworden. Auch insofern war es wohl Zeit, an die Verbindung Dix-Niescher am Ausgangspunkt Chemnitz zu erinnern.

Otto Köhler hatte ebenfalls 1933 eine Dix-Arbeit erwerben wollen und sich mit der Bitte um Vermittlung an den ihm bekannten Maler Karl Kröner gewandt. Mit Dix entwickelte sich bald eine sehr persönliche Freundschaft, was nicht zuletzt, wie Fotos im Katalog belegen, in gemeinsamen Jagdgängen gipfelte. Wie für Familie Niescher schuf Dix auch für die Köhlers zahlreiche Familienporträts. Besonders interessant wurde - ähnlich wie bei Fritz Glaser - das Gästebuch, in dem sich nicht nur Dix häufig verewigte, sondern zahlreiche andere Künstler, darunter Franz Radziwil. Bei Köhlers hatte Dix zudem ab 1934 ein provisorisches Atelier, um seine Chemnitzer Aufträge realisieren zu können. So konnte er, der eigentlich nichts so sehr brauchte wie die Großstadt, aber wegen seiner politisch-beruflichen Situation und aus finanziellen Gründen nach Schloss Randegg, dann ins Haus nach Hemmenhofen gezogen war, bis zu Beginn der 1940er Jahre immer wieder ins Städtische zurückkehren, gewiss auch mit Abstechern nach Dresden.

Ein Auftrag Fritz Nieschers darf in diesem Kontext nicht außen vor bleiben. Der Fabrikant hatte sich 1936 in den Garten seiner Villa am Goetheplatz einen Pavillon setzen lassen, den er vom Chemnitzer Maler Gustav Schaffer gestalten ließ. Der allerdings starb 1937 mitten in der Arbeit. So erhielt Dix den Wandbildauftrag. Dieser wählte das Thema "Orpheus und die Tiere", was ihn vor die ungewohnte Herausforderung eines intensiven Tierstudiums stellte. 1945 fielen Pavillon wie Villa den Bombenangriffen auf Chemnitz zum Opfer. Dass nun ein wirklichkeitsnahes, begehbares Modell des Letzteren sowie Zeugnisse der Arbeit - Studien, Kartons, Fotos - im Zentrum der Ausstellung "Otto Dix in Chemnitz" stehen, ist sicher eines der bedeutenden Forschungsergebnisse zur städtischen (Kunst)Geschichte in jüngster Zeit. Grenzen der "Rekonstruktion" ergaben sich für Ausstellungskurator Bauer-Friedrich aus dem Umstand, dass es keine greifbaren Farbstudien gibt. So lernt der Besucher quasi eine mögliche "Zwischenstufe" kennen - die Umrisszeichnung auf der weißen Wand.

Neue Nuancen

Gleichwohl offenbart das "Fragment" Erstaunliches: Das Werk von Otto Dix in diesen Jahren der "Inneren Emigration", das häufig eher als "konservativ" gilt, muss wohl differenzierter betrachtet und erforscht werden. So ist etwa der Orpheus des Wandbildes sicher nicht zufällig seines Instrumentes, der Lyra, beraubt. War es beim Maler nicht ähnlich? Auch wenn Dix dank Kunsthändlern, darunter der Dresdner Heinrich Kühl, und Interessenten sicher nicht in Not lebte, blieb die bedrückende Verunsicherung, die auch sein Schaffen beeinflusste, seine "Sprache" zwangsläufig veränderte. So weisen unter den 60 ausgestellten Werken, die sich auf die beiden Sammler beziehen, Gemälde wie "Die Versuchung des Heiligen Antonius" (1937), "Düstere Landschaft" (1940) oder der "Der heilige Christophorus VI" (1944, Niescher besaß Nr. I) durchaus auf ein Wirken in schwerer Zeit.

Fazit: Was ist Besseres von einer Ausstellung zu sagen, als dass sie Neues oder Vergessenes bewusst macht und anregt, neu nachzudenken. Letzteres tat Ende November bereits ein Symposium "Die Landschaftsgemälde von Otto Dix" im Museum Gunzenhauser. Lisa Werner-Art

Museum Gunzenhauser, bis 15. April 2012, , Di-So, Feiertage 11-18 Uhr, 24. und 31. Dezember 2011 geschlossen,

Katalog 23 Euro,

Führungen und Sonderveranstaltungen unter www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Kunstsammlung Gera, bis 26. Februar 2012, Di-So 11-18 Uhr

www.kunstsammlung-gera.de

1909-1914 Studium an der Kunstgewerbeschule in Dresden

1927-1933 Professur an der Kunstakademie in Dresden.

1933 Entlassung aus der Lehrtätigkeit durch die Nazis, Dix zieht nach Schloß Randegg bei Singen

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.12.2011

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr