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Ausstellung im Kunsthaus Dresden stellt Werke in den Kontext der Entstehungsbedingungen

Ausstellung im Kunsthaus Dresden stellt Werke in den Kontext der Entstehungsbedingungen

Die derzeit im Kunsthaus Dresden laufende Ausstellung "Settings" ist kuratiert von Petra Reichensperger, Interimsleiterin der Städtischen Galerie für Gegenwartskunst.

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Kunsthaus-Interimschefin Petra Reichensperger vor Kalin Lindenas Installation "Statist: Mein, 2011".

Quelle: Tomas Petzold

"Settings" ist Teil des Projekts "Various Stages - Bedingte Bühnen", der Abschluss einer dreiteiligen Reihe von Ausstellungen, in der sie gemeinsam mit den eingeladenen Künstlern Produktionsbedingungen von Kunst untersucht.

Gewissermaßen im ersten Akt wurden "Auxiliary Constructions - Behelfskonstruktionen" entworfen, mit denen die räumlichen Grundstrukturen der im ehrwürdigen Barockbau angesiedelten Galerie für zeitgenössische Kunst temporär verwandelt und in Frage gestellt wurden, im zweiten ging es um das "How to Make", wurde der Werdegang künstlerischer Ideen bis zu ihrer Materialisierung untersucht. Und derzeit geht es um das Verhältnis von bildnerischer und performativer Arbeit bzw. um die Veränderung einer vorgegebenen Basis, der "Settings", durch eigens dafür erarbeitete oder auch eigenständige Darbietungen. Provozierte der erste Teil durch Irritationen zwischen Sein und Schein, realer Gegenwart und fiktiver Zukunft, genügte der zweite scheinbar über weite Strecken dem klassischen Muster einer (dokumentierenden) Ausstellung, so kann man den dritten wohl auch als Versuchsanordnung auffassen, deren Funktion auch live zu erleben ist: während der Ausstellungsdauer in den regelmäßig stattfindenden Salons und zum Abschluss sogar in einem dreitägigen Festival mit dem passenden Titel "Test Run" (Probelauf).

Wie sich im Gespräch herausstellt, sieht die promovierte Kunstwissenschaftlerin, die an mehreren Kunsthochschulen unterrichtet hat, mehrfach als Autorin hervorgetreten ist und ihre Spuren als Kuratorin u. a. in Hamburg und Berlin hinterlassen hat, die Chance ihrer zeitlich begrenzten Tätigkeit einerseits tatsächlich in einer "Unterbrechung" des gewohnten Ablaufs in einer Galerie, in der Herstellung eines Denkraums, der stärker die Hintergründe des Kunstbetriebs in die Betrachtung einbezieht. Zum anderen nutzt Petra Reichensperger die Gelegenheit, ihr eigenes Prinzip einer stark von dramaturgischen Überlegungen geprägten Gestaltung zu verfolgen, was keineswegs zu verwechseln ist mit einem Hang zu didaktischen Vorgaben. "Ich bin niemand, der das Publikum erzieht, ich versuche nicht, das Rezeptionsverhalten im Vorhinein einzuengen, sondern Korridore zu schaffen, die noch einmal eine bestimmte Intensität haben. Damit gebe ich die Möglichkeit einer starken Perspektive vor."

In der aktuellen Ausstellung ergeben sie sich aus ihrer Erfahrung insbesondere durch die Anordnung von Objekten, die Begehrlichkeiten auslösen - künstliche Requisiten aus Keramik von Hella Gerlach oder "der wunderschöne Lippenstift in der Installation ,Entre deux actes (loge de comédienne)' der Iranerin Nairy Baghramian; Manche malt sich da ganz schnell die Lippen an, aber niemand hat ihn bis heute mitgenommen, obwohl wir keine Aufsicht haben...", so Reichensperger. "Man muss Auge und Ausstellungserfahrung üben, und deshalb bieten wir verschiedene Momente an, damit Besucher wiederkommen können." Dazu zählen dann in letzter Instanz auch die Handzettel, die etwa aus der Vermutung einer mobilen Umkleide eine "begehbare Säule" machen, aus einer Art Strandzelt einen "Faltraumkörper" und aus wie zufällig herumliegenden roten Kugeln die Anspielung auf ein ägyptisches Ritual. Man kann diesen Anregungen folgen oder auch nicht, aber wenigstens von Fall zu Fall sollte man es tun, um für die restlichen die eigene Fantasie und Neugier zu beflügeln. Denn meist sind die Arrangements eher sparsam und luftig, lassen sehr stark die Räume wirken respektive beziehen sich sehr stark auf diese. Petra Reichenspergers Ausstellungen sind kein Schwelgen in künstlerischen Vorlieben, noch liefern sie lediglich Illustrationen.

Schon bei ihrer Dissertation über die früh verstorbene Avantgarde-Künstlerin Eva Hesse sei es ihr darum gegangen, "ein Buch zu schreiben und nicht einzelne Kapitel". Genauso müsse eine Ausstellung als Ganzes funktionieren. "Dabei ist es mir wichtig, gemeinsam mit den Künstlern etwas zu entwickeln. Bei mir gibt es kein Name-Dropping, keine Parallelschaltungen, es ist immer auf das einzelne Werk und den Ort der Präsentation ausgerichtet. Dementsprechend wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern", erklärt Reichensperger. Einen Hang zum Spielerischen weist sie beinahe entrüstet von sich, wenngleich sie auch einräumt, dass nicht alle Ergebnisse mit den ursprünglichen Erwartungen übereinstimmen. In jedem Fall sei aber ein sehr kommunikationsintensiver Prozess vorausgegangen.

Wie Petra Reichensperger erklärt, bleibt ihre Ausstellungsreihe einen eigentlich zwingend logischen vierten Akt schuldig, nämlich die Untersuchung der ökonomischen Bedingungen beim Entstehen von Kunst. Sie hätte ihn unbedingt inszeniert, wenn ihre Leitung des Hauses nicht auf ein Interim von 25 Monaten beschränkt gewesen wäre, versichert sie. "Es hätte bedeutet, noch einmal richtig ein Fass aufzumachen im positiven wie im kritischen Moment, denn insgesamt könnte in diese kleine Schatztruhe von allen Seiten mehr investiert werden. Es ist hier im Kunsthaus Dresden viel zu tun, und es würde mich freuen, wenn Stadt und Bürger es mehr schätzen." Wenn z.B. Publikationen des Hauses ausschließlich über Drittmitteleinwerbung möglich seien, bedeute dies einen unglaublichen Aufwand, der die übrige Arbeit sehr belaste.

Dass man über solche Sachverhalte einfach mit einem Schulterzucken hinweggeht, schreckt Reichensperger nicht ab. "Ich hoffe, dass wir in der Kultur wieder mehr zur kritischen Theorie kommen. Das ist im gegenwärtigen konservativen Backlash lange in Vergessenheit geraten." Reichensperger sieht sich dabei durchaus als privilegiertes Kind der 60er Jahre in der BRD. Sie habe enorm von der damaligen Bildungspolitik profitieren können, bis hin zu vielen Stipendien und Forschungsaufenthalten, u.a. in Ungarn, Südostasien und den USA. "Ich sehe das nicht als selbstverständlich an, zumal wenn ich aus dem Ausland zurückkomme und an die Stellung der Frauen dort denke oder die der Künstler. Ich denke, auch hier gilt es, für ,Unterbrechungen' zu sorgen."

Bevor Christiane Mennicke-Schwarz nach ihrer Elternzeit das Zepter wieder übernehmen wird, stehen noch zwei von ihr kuratierte Einzelausstellungen an, mit Dominik Lang (8.11. bis 20.1.) und der bereits jetzt vertretenen Künstlergruppe FORT (28.2. bis 28.4.). Und natürlich das Festival, bei dem wie schon bei den Salons einige der "Various Stages" tatsächlich belebt werden. "Das englische Wort Stages bedeutet sowohl Bühne als auch Stadium, und beides wollen wir in der Ausstellung zusammenbringen. So wird Adam Linder in seiner Performance im großen Parkettsaal einige der Posen aus den Fotografien des italienischen Designers Carlo Mollino nachstellen und Yael Davids in verschiedenen Akten bildnerische Auslöschungen in ihrer Installation vornehmen. Die Farb-Raster-Arbeit von Channa Horwitz, die seit der "How to Make"-Ausstellung das Geländer im vorderen Aufgang zum Blickfang macht, wird zur Partitur für Performances von Sarah Balzat und Susan Schubert.

Während der Dauer von drei Tagen findet zudem ein umfangreiches Filmscreening statt sowie ein Roundtable, Initiativen, Lesungen und Food Performances. Insgesamt soll das Festival eher einen einzelnen Erzählstrang bieten, an dem man nach Belieben und verfügbarer Zeit teilhaben kann. Nach der Erfahrung der Salons hofft Reichensperger, dass sich über den Tag vielleicht 200 Besucher einfinden. Viel mehr als ein solches intimes Festival würde das Kunsthaus mit seinen zum Teil sehr kleinen Räumen ja auch gar nicht verkraften.

Ausstellung bis 14. Oktober. Di.-Do. 14-19 Uhr, Fr.-So. 11-19 Uhr, Kunsthaus Dresden, Rähnitzgasse 8

Freitag Eintritt frei, 16.30 Uhr Führung

"Salon Rähnitz" noch einmal am 9. Oktober; Szenarien 20.30 Uhr, Mobile Bar 20-23 Uhr

TEST RUN - Festival in Kooperation mit MS | Muzeum Sztuki, Łodz (PL)

Part I, "Test Run", Kunsthaus Dresden, 12.-14. Oktober

Part II, "Testing (Re-)Production", Muzeum Sztuki, 11.-13. Januar

www.kunsthausdresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.10.2012

Tomas Petzold

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