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Ausstellung "Vergessene Rekorde" im jüdischen Gemeindezentrum erinnert an das Schicksal jüdischer Sportler im Dritten Reich

Ausstellung "Vergessene Rekorde" im jüdischen Gemeindezentrum erinnert an das Schicksal jüdischer Sportler im Dritten Reich

Wie sehr auch der Sport im Deutschland der 30er Jahre von der natio-nalsozialistischen Rassenideologie durchdrungen war, führte vor wenigen Jahren der Spielfilm "Berlin '36" vor Augen.

Erzählt wird die Geschichte der jungen jüdischstämmigen Hochspringerin Gretel Bergmann, gespielt von Karoline Herfurth, die sich längst im englischen Exil befindet, von den Nazis aber vor den Olympischen Spielen 1936 zur Rückkehr nach Deutschland gezwungen wird. Nach außen, so das Kalkül der Nazis, sollen auf diese Weise faire Chancen für jüdische Athleten vorgespiegelt und Boykottdrohungen abgewendet werden. In Wirklichkeit aber ist die Sportlerin nur neuen Schikanen und Drohungen ausgesetzt. Vierzehn Tage vor Beginn der Spiele wird der Favoritin schließlich die Teilnahme verweigert. Ihr Sieg, das weiß sie genauso wie die NS-Funktionäre, würde die behauptete Überlegenheit der angeblichen "arischen Rasse" konterkarieren.

In Dresden ist die Geschichte Gretel Bergmanns nun Teil der von Sporthistorikern der Universität Potsdam initiierten Wanderausstellung "Vergessene Rekorde - jüdische AthletInnen vor und nach 1933", die bis zum 5. Juni im Jüdischen Gemeindezentrum gastiert. Und liest man die Texttafeln, sieht die Fotos und zitierten Originaldokumente, wird schnell klar, dass ihre Ausgrenzung, auch wenn Gretel Bergmann 1937 die Emigration gelang und sie in Amerika an ihre sportliche Karriere anknüpfen konnte, keineswegs ein Einzelfall ist.

Ob der Turner Alfred Flatow, der bei den ersten olympischen Spielen der Neuzeit 1896 am Barren Gold errungen hatte und 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt verhungerte, ob der Fußballnationalspieler Gottfried Fuchs, der bei Olympia 1912 zehn Tore schoss und nach Frankreich, dann Kanada emigrieren musste, ob Lilli Henoch, die mit zehn deutschen Meistertiteln und vier Weltrekorden die erfolgreichste deutsche Leichtathletin der 20er Jahre war und 1942 nach Riga verschleppt und ermordet wurde, ob Martha Jacob, die 1929 deutsche Meisterin im Speerwerfen wurde und über London 1936 ins Exil nach Südafrika gehen musste: Jüdische Athletinnen und Athleten waren ein Teil des deutschen Sports und der Sport ein wichtiger Bereich ihrer Emanzipation. Vor Entrechtung, Vertreibung und Ermordung bewahren konnte sie das - wie Erfolge und Leistungen auf anderen Gebieten auch - aber nicht.

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 begannen Sportvereine oft aus eigenem Eifer und in vorauseilendem Gehorsam damit, jüdische Mitglieder auszuschließen. Jüdische Vereine wurden von Sportplätzen verdrängt, sie und ihre Athleten von Wettkämpfen mit Nichtjuden ausgeschlossen. Einzig vor den olympischen Spielen erlegten Behörden und NS-Apparat sich und ihren Helfern Zurückhaltung auf.

"Eine generelle Regelung des jüdischen Sports", so zitiert die Ausstellung ein bayerisches Polizeidokument vom September 1935, "wird nach den olympischen Spielen erfolgen". Die schrittweise Ausgrenzung der frühen 30er Jahre war Teil einer Entwicklung, die in Vertreibung und Vernichtung mündete und diese mit ermöglichte und vorbereitete. Gleichzeitig aber, das macht die Ausstellung ebenso deutlich, gaben der Sport und die Gemeinschaft in den jüdischen Sportvereinen vielen Verfolgten auch einen wichtigen Halt. Athleten sahen den Sport als Möglichkeit zur Selbstbehauptung an, als eine Gelegenheit, die Rassenideologie der Nazis durch eigene Leistungen zu widerlegen. Nach der Ausschlusswelle aus "allgemeinen" Sportvereinen verzeichneten die beiden jüdischen Sportorganisationen - das deutsch-patriotische "Schild" und der zionistische Makkabi - Rekordmitgliederzahlen. Die des Schildes stieg von 7000 im Jahr 1933 auf 21 000 1936, bevor zunehmende Repressalien nach Olympia die Emigration beförderten und mit den Novemberpogromen 1938 auch die Auflösung jüdischer Sportvereine erzwungen wurde.

Die Ausstellung zitiert die spätere Schriftstellerin Inge Deutschkron, die die jüdischen Sportfeste als einzige angenehme Erinnerung an ihre Schulzeit im Berlin der 30er Jahre behielt. Und in einem der Zeitzeugeninterviews berichtet Nathan Goldstein, durch das Leben im Verein könne er selbst im Schatten des Hakenkreuzes von einer recht glücklichen Jugend sprechen.

So textorientiert die Schau insgesamt ist, darin besteht ihre Stärke: Sie stellt die Menschen und ihre Lebenswege ins Zentrum. Die Dresdner Gastgeber, die Jüdische Gemeinde in Kooperation mit dem Sportklub Makkabi Dresden und dem Verein Hatikva, haben die Ausstellung um eigene Recherchen zum jüdischen Sport und Sportlern in Dresden ergänzt. Texttafeln berichten vom jüdischen Sportverein Bar Kochba Dresden und der Dresdner Bergsteigerin Ilse Frischmann, die 1942 in das Lager Hellerberg im Norden der Stadt und 1944 nach Auschwitz deportiert wurde. Sie überlebte, weil sie zu krank war, um auf einen Todesmarsch geschickt zu werden.

Der Bergsportler Adolf Schilling, Angehöriger der "Naturfreunde-Opposition", später selbst Häftling und Helfer jüdischer Häftlinge, wurde 1934 beim Schmuggel verbotener Literatur entdeckt und inhaftiert. 1944 wurde er nach Auschwitz verschleppt und dort aufgrund falscher Verdächtigungen bis 1947 festgehalten.

Verstörend ist, wie lange eine Würdigung der Verfolgten durch den offiziellen Sport nach dem Krieg auf sich warten ließ, Unrecht teilweise fortgesetzt galt. Der von Gretel Bergmann zur Verärgerung der NS-Machthaber im Vorfeld von Olympia bei der württembergischen Landesmeisterschaft 1936 aufgestellte deutsche Hochsprungrekord von damals 1,60 Meter wurde vom Deutschen Leichtathletikverband erst im Jahr 2009 anerkannt - mit 73 Jahren Verspätung.

"Vergessene Rekorde", bis 5. Juni im Jüdischen Gemeindezentrum Dresden, Hasenberg 1, So-Do 12-18 Uhr (nicht Pfingstsonntag- und montag). Eintritt frei.

Das Begleitbuch ist für 4,50 Euro im Internet erhältlich: www.vergessene-rekorde.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.05.2012

Robert Schröpfer

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