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Ausstellung "Sekundogenitur" von Reinhard Stangl und Hans Scheib in der Galerie Ines Schulz

Ausstellung "Sekundogenitur" von Reinhard Stangl und Hans Scheib in der Galerie Ines Schulz

Haus am Waldsee im Westberliner Zehlendorf hieß es in einer Eröffnungsrede: "... Künstler einer Generation, dreißig bis sechsunddreißig Jahre alt. [-] Stangl und Scheib kennen sich aus Kindheitstagen.

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Reinhard Stangl: "An der großen Straße", Öl auf Leinwand, 2013.

Quelle: Repro: Galerie Ines Schulz

bis 27. Haus am Waldsee im Westberliner Zehlendorf hieß es in einer Eröffnungsrede: "... Künstler einer Generation, dreißig bis sechsunddreißig Jahre alt. [-] Stangl und Scheib kennen sich aus Kindheitstagen, sie treffen aufeinander in den 70er Jahren, der Zeit ihres Studiums an der Dresdner Kunsthochschule. Sie entdecken Gemeinsamkeiten, diskutieren und agieren zusammen mit anderen einzelnen, befreunden und bekämpfen sich, machen Rockmusik und Free Jazz, Super-8-Filme, Kunstaktionen, Bücher (auch nach dem Studium), kommen in ein Gegenverhalten zur offiziellen Kunstauffassung, treffen sich wieder in Westberlin als Übersiedler. Sie stellen sich nicht als Künstlergruppe dar, doch sie sind eine. Sie haben keinen Gruppennamen, doch sie könnten einen haben, zum Beispiel 'Die Brühlsche Terrasse'."

"Die Brühlsche Terrasse" - nicht nur Adresse der Kunsthochschule, sondern ein Ort, der eine Anbindung an die Kunst bot, an Kokoschka, Dix und Kirchner, ebenso wie an frühere Meister, und überdies eine Anlage, von der sich weg von der Enge der Stadt auf den Elbfluss blicken ließ, ein Ort, der Geschichte hatte und Weite. "Die Brühlsche Terrasse", ein Name also mit gutem Klang für die Künstler, aber der Vergangenheit angehörend.

Beinahe dreißig Jahre später lässt sich zur Doppelausstellung Stangl/Scheib beziehungsweise Scheib/Stangl dieser ersten Einordnung des Kurators Thomas Kempas kaum etwas hinzufügen. Obgleich er in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Malstrom" auch Ralf Kerbach, Cornelia Schleime und Helge Leiberg meinte, die neben Stangl und Scheib in der Gruppenausstellung vertreten waren, ist doch seine Beschwörung der Dresdnerischen Traditionslinie bis heute evident, die engen Verbindungen untereinander nie recht abgebrochen.

So besteht die Künstlerfreundschaft des Malers Reinhard Stangl und des Bildhauers Hans Scheib bis heute fort, unzählige gemeinsame Projekte und ein reger künstlerischer Dialog erzählen davon. Seit den Studienjahren in Dresden in den 1970er Jahren funktioniert dieser enge künstlerische Austausch und überdauerte zum Beispiel in bewegenden Gemeinschaftsbildern, die in Prag und am sogenannten "Mückenturm", direkt hinter der Grenze bei Zinnwald, im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet, entstanden, auch die Zeit zwischen Stangls Ausreise 1980 nach Kreuzberg und Hans Scheibs Ausreise fünf Jahre später aus dem Prenzlauer Berg.

Für ihre Ausstellung bei Ines Schulz haben die beiden Künstler nicht "Die Brühlsche Terrasse" als Titel gewählt, aber wer sie kennt, weiß, dass die "Sekundogenitur" sie quasi konstituiert, verweist sie doch explizit auf Graf von Brühl, der in dem Vorgängerbau der heutigen Sekundogenitur residierte und der Promenade seinen Namen gab.

Sekundogenitur, ebenfalls ein zentraler Ort, unmittelbar neben dem Brühl, dem Akademiegebäude der Maler gelegen, Ort des gemeinsamen Kaffeetrinkens beider Künstler, ein Ort, an dem sich Professoren, Assistenten und Kommilitonen der Hochschule für Bildende Künste trafen. Zugleich wird bei dem Titel gleichermaßen der gesamte Traditionshorizont der Dresdner Kunststadt aufgerufen und ist folglich auch Programm der nun zu sehenden Ausstellung hier.

Dresden-Bezüge wohin man sieht, Bildtitel und Sujets verweisen auf das "Schokoladenmädchen" von Jean-Étienne Liotard in der Gemäldegalerie Alte Meister, auf den "Goldenen Reiter" auf der Neustädter Seite, und die vielen grotesken und herrlichen Figuren und Cafészenerien rufen Erinnerungen an die Zeit der beiden Künstler im Café in der Sekundogenitur wach. Rund 35 Jahre sind seit der Studienzeit des Malers und des Bildhauers in Dresden vergangen, doch die Erinnerung an Dresden bleibt in den künstlerischen Arbeiten bestehen. Der Titel der Ausstellung lässt sich so auch als Hommage an ihren Ausbildungsort, an die Zeit in Dresden und die bis heute existierenden Verbindungen und Freundschaften lesen.

Die gezeigten Arbeiten umfassen einen Zeitraum von den späten 1980er Jahren bis heute, ganze Zeitläufte sind ihnen eingeschrieben. Unmittelbare Reminiszenzen an die Erinnerungen an die Ausreise, das Berlin vor und nach der Wende, die 2000er Jahre bis in die Gegenwart. Ihre figurative Bildsprache, malerisch und skulptural, ist ein Moment der Gemeinsamkeit, die bild- und formgewordene "Zeitheimat", von der der früh verstorbene Schriftsteller W. G. Sebald immer wieder spricht, zeigt sich in einer charakteristischen Farbigkeit der immer wiederkehrenden Nacht- oder Traumsequenzen, die Wahl der Figuration bei der Darstellung häufig biografisch motivierter Sujets, die Dominanz bei der bildgewordenen Verarbeitung von Wirklichkeitserfahrungen, die sich durch nahezu alle Arbeiten zieht, und die ganz eigene traurig-kindliche Verlorenheit der Blicke der Bildprotagonisten, die sich in vielen der gemalten oder aus Holz gehauenen Gesichter wiederfindet.

Die "Bildverortung" beider Künstler lässt sich in ausgeprägt autobiographischen Bezugnahmen vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte verankern. Folgt man ihren Bildern und Skulpturen, gerät man unweigerlich in Sphären des Vorder- und Hintergrund-Denkens, wie viele und welche Wirklichkeiten stecken hinter ihren künstlerischen Arbeiten? In der hier gezeigten Überblicksschau ihres Schaffens offenbart sich eine Schule des Sehens in Deutschland, in einer unübersichtlichen Zeit.

bis 27. Oktober, Galerie Ines Schulz, Obergraben 21, Montag bis Freitag 11 bis 19 Uhr, Sonnabend 11 bis 16 Uhr geöffnet, www.galerie-ines-schulz.de

Gwendolin kremer

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