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Ausstellung "Die Dinge des Lebens / Das Leben der Dinge" in der Festetage des Dresdner Residenzschlosses

Ausstellung "Die Dinge des Lebens / Das Leben der Dinge" in der Festetage des Dresdner Residenzschlosses

Genau einhundert schalenförmige Gefäße paradieren in eigenartig vielfältig-einfältiger Parallelformation auf mehr als 60 Meter langer Flucht durch die zweite Etage im Nordflügel des Dresdner Residenzschlosses.

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Arbeiten des italienischen Fotografen Franco Vimercati (hinten) und einige der 99 Einzelobjekte aus den Beständen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Quelle: Dietrich Flechtner

Zum einen handelt es sich dabei um den als Hauptwerk des italienischen Fotografen Franco Vimercati geltenden, 99 Aufnahmen umfassenden Zyklus, der über zehn Jahre hinweg immer wieder nur aus kaum veränderter Perspektive dieselbe leicht beschädigte Suppenterrine zeigt, zum anderen um 99 Einzelobjekte, die insbesondere aus den ethnographischen Beständen, aber auch aus der Porzellansammlung, dem Kunstgewerbemuseum und dem Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) stammen.

Bewusste Umkehrung oder Missverständnis

Der Prozess einer scheinbaren Wandlung durch Zeit und äußere Umstände wird in Beziehung gesetzt zu dem objektiven Wandlungsprozess der gemeinsam zugrunde liegenden Form, der sich aber auch nur scheinbar nachvollziehen lässt. Die Abfolge der dreidimensionalen Objekte auf der nüchtern weißen Tafel entlarvt letztlich jedes Ordnungsprinzip als willkürlich, gerade in Bezug auf die, getrennt durch einen schmalen Gang, jeweils parallel dazu gehängten Fotografien.

Wie der Münchner Philosoph und Kurator Wolfgang Scheppe erklärt, führt seine Installation mit Bedacht vom einstigen Ballsaal über das Turmzimmer an den Ort, wo im 18. Jahrhundert die versammelten Stände die Vorschläge und Forderungen ihres Kurfürsten ehrfürchtig zu Beratung und Beschluss entgegennahmen. Bewusste Umkehrung oder Missverständnis - jedenfalls ist es nun Scheppe, der hier dem Anspruch nach ganz unautoritär seine "Proposition I" unterbreitet, einen Vorschlag oder ein Experiment zu der Frage, ob bzw. wie museale Objekte grundsätzlich anders als bisher üblich gesehen werden können - oder gar müssen.

Dahinter steckt durchaus ein philosophisches Konzept. Anderseits will der Kurator ein "reines Angebot an die Anschauung" machen, ganz im Unterschied zum benachbarten Riesensaal, wo Hunderte von Spotlights die Blicke der Besucher lenken und eine ausgeklügelte Inszenierung offenbar mehr der Herstellung einer ehrfurchtsvollen Aura als der unvoreingenommenen Befragung historischer Zeugnisse dienlich ist. Allerdings verkörpert auch gewollte Nüchternheit einen Machtanspruch, und zumal die Überdimensionierung in Raum und Fläche geht an die Grenzen, der Minimalismus beginnt zu wuchern und entäußert sich schließlich in den zugehörigen Katalogwerken jedweder Anspruchslosigkeit. Ein Schuber vereint 99 Kartons, die jeweils drei Ansichten der ausgestellten Schalen und die Kommentare der zuständigen Museumsfachleute enthalten. Der Fotograf Vimercatin und sein Zyklus werden in einem fast 400-seitigen Katalog (mit einer etwa 100-seitigen Erläuterung von Scheppe) vorgestellt - eine zumal gedankenschwere Opulenz. Selbstverständlich steht es jedem frei, sich in die Phänomene der Vergeblichkeit - der Annäherung, der Vergewisserung, der Wiederholung zu versenken, die ganze traurige Absurdität des Lebens an einem einzigen Gegenstand abzuhandeln. Doch die Dinge selbst haben daran keinen Anteil. Ohne vorgegebene Wertung oder Interpretation stehen sie "demokratisch" auf einer Höhe und offenbaren nur dem Kundigen oder Einfühlsamen ihren Wert oder eine Botschaft.

Generaldirektor Hartwig Fischer lässt keine Zweifel daran, dass es bei der von den SKD im Rahmen der Museum Research Foundation initiierten Ausstellungsreihe unter dem Arbeitstitel "Forschungsreisen im Depot" um mehr geht als um ein bloßes Experimentieren mit Darbietungsformen. Scheppe, indem er durchaus auch den Künstler sieht, ist dabei offenbar der Wunschpartner, der von vornherein darauf aus ist, eingefahrene Gleise zu verlassen. Mit der Übernahme der Ethnographischen Sammlungen in Leipzig, Dresden und Herrnhut sei für die Staatlichen Kunstsammlungen die großartige Aufgabe entstanden, sämtliche Bestände in einen Dialog zu bringen. Dass dieser sinnvoll nur auf einer Ebene funktionieren kann, auf der sämtliche Gegenstände als gleichrangig betrachtet werden können, liegt auf der Hand, aber benötigt würden dazu "eine neue Grammatik", neue Formen des Zeigens und des Verstehens. Der Verzicht auf künstliche Beleuchtung und Vitrinen mag emotionale Distanz verringern, setzt damit aber auch wieder ein Vorurteil voraus und erleichtert nicht unbedingt die Betrachtung.

Scheppe, der die nun vorgestellten Schalen aus einer vielfach größeren Zahl ausgewählt hat, setzt als Anfang und Ende jeweils die Schale einer Walzenmuschel, erst die Urform als vielleicht frühestes Aufbewahrungsgefäß eine ozeanischen Kultur, schließlich die "Erhebung" zum kunstvoll verzierten Pokal aus der Barockzeit. Dazwischen finden sich Gefäße aus den unterschiedlichsten Zeiten und Kulturen, vorzugsweise aus Keramik, aber auch aus natürlichen Materialien wie Holz oder Gewebe, aus Fruchtkörpern wie Kokosnüssen oder Kürbissen, selten aus Metall. Kostbares Porzellan aus China, Japan und Sachsen steht neben einer Souvenirschüssel aus Bulgarien, die wie Scheppe meint, einst nach den Wünschen ostdeutscher Urlauber designt wurde und daher "in jedem DDR-Haushalt zu finden war".

Sicht auf die Welt als Ganzes

Dafür räumt der Kurator mit einem anderen Vorurteil auf, dass nämlich jedem Gegenstand verlässlich Geschichte und Bedeutung zugewiesen werden könne. Flagrantes Beispiel sei eine prähistorische Steinschale aus Papua-Neuguinea, von der man weder das genaue Alter kenne noch die ursprüngliche Bedeutung und schon gar nicht die zur Einfärbung verwendeten Pigmente. Das Zusammentreffen von Experten der einzelnen Fachmuseen habe schon zu zahlreichen Einordnungsdiskussionen geführt - ein ziemlich sicheres Zeichen, dass eine solche Form von Zusammenarbeit nur von Vorteil sein kann. Eine moderne Museologie scheint kaum denkbar in der Beschränkung auf tradierte Sammlungsstrategien und Interpretationsansätze. Sie benötigt mit Sicherheit eine Sicht auf die Welt als Ganzes.

bis 27. Juli täglich außer Di 10-18 Uhr im Dresdner Schloss, Zugang über den Riesensaal.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.05.2014

Tomas Petzold

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