Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Google+
Ausstellung „Berge versetzen“ in der Galerie Ursula Walter

Vier Frauen, vier Positionen Ausstellung „Berge versetzen“ in der Galerie Ursula Walter

Ursula Walter, die ehemalige Nachbarin von Patricia Westerholz und Andreas Kempe, ist wieder im Gespräch. Und zwar mit zwei Ausstellungsprojekten, die dieser Wochen mit von sich reden machten.

Raumeindruck mit allen vier beschriebenen Arbeiten: „Jerusalem“, „Landvermessung“, „Bunker“ und „Wandel auf dem schmalen Grad“.
 

Quelle: Andreas Kempe

Dresden..  Ursula Walter, die ehemalige Nachbarin von Patricia Westerholz und Andreas Kempe, ist wieder im Gespräch. Mit zwei Ausstellungsprojekten, die dieser Wochen mit von sich reden machten – mit dem bunten Wappentier und der roten Fahne für den Goldenen Reiter von Beatrice Jugert sowie mit der Ausstellung „Berge versetzen“. Die Galerie Ursula Walter zeigt vier Postionen, vier formal klar zu unterscheidende Ansätze. Vier Künstlerinnen, die Berge versetzen?

„Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“ So steht es im 1. Korinther, Kapitel 13 Vers 2. Und so meint es auch Elly Brose-Eiermann, die Kuratorin der Ausstellung: „Berge versetzen. Grenzen überwinden, Risiko eingehen“, sagt sie und weiter: „Mir geht es um das Fragen stellen, den anderen Blick, das Entwerfen neuer Modelle und den Mut zur Umsetzung.“

Diese Vorgabe lösen alle vier Künstlerinnen ein. Birgit Schuh (Jahrgang 1970) setzt sich mit der zwischen 1862 und 1890 erfolgten Landvermessung des Königreiches Sachsen auseinander, einhergehend mit der gleichzeitigen Erstellung eines trigonometrischen Netzes. Sie überträgt die Maße dieser Landvermessung zurück in eine dreidimensionale Landschaft und erzeugt so mittels Formholz, mit Wasser verdünnte Tusche und Schnüre eine faszinierende politische Arbeit. Denn wenn man versucht, die Kreuzpunkte des Holzes zu entschlüsseln, verweist ihre materialimmanente Erdoberfläche auf Sachsen in Europa, auf Europa in Sachsen. Moritz Stange gab zur Vernissage noch andere Hinweise, die Arbeit „Topografieskelett Triangulierung“ von Birgit Schuh zu lesen: „Holz vielleicht als Sinnbild der Wälder, die gerodet wurden, um das Land zu vermessen, aber auch als Eingriff in die Landschaft beim Bergbau, Schnüre aus dem Bereich der Vermessung. Die nur bedingt steuerbare Verformung des Holzes als Verweis auf in der Konsequenz nur schwer steuerbare Landschaftsveränderungen durch den Menschen. Die Welt in einem Kasten unter Glas. Begrenzt, sichtbar eher als Idee in historischer Grenze und weniger als authentische topographische Wiedergabe.“

Auch Susanne Kessler (Jahrgang 1955) geht es nicht um eine authentische Wiedergabe. Sie wählt für ihr Projekt einen Stadtplan Jerusalems aus dem 19. Jahrhundert. Mit seiner Hilfe webt sie das Gesicht der jahrhundertealten Stadt nach. Auf dem ersten Blick gewundene, verworrene Linien, ein Netz aus verdrillten Plastiktüten, Klebeband, Kabeln und Drähten, auf dem zweiten ein natürlicher Organismus, der sich schlüssig lesen lässt. Das reizvolle gelbrote Rohrgeflecht verweist auf eine Pflanze, die in ihrem Namen Dornen und Jerusalem verbindet: Jerusalemsdorn. Macht man sich das bewusst, nimmt man diese Installation als ein Zeugnis von Schmerzen und Leid wahr, ahnt man die tagtäglichen Kämpfe, die in der Stadt in den judäischen Bergen zwischen Mittelmeer und Totem Meer stattfinden, um die richtige Religion, um die wahre Kultur, ums Überleben. Auch hier lieferte Moritz Stange noch einen weiteren Hinweis: „Vom Jerusalemsdorn ist es allerdings nicht mehr weit zum brennenden Dornbusch, dessen Existenz historischer Exegese folgend gar nicht unwahrscheinlich ist: handelt es sich doch um einen Busch, dessen ätherische Öle unter Sonneneinwirkung spontan zur Selbstentzündung führen können.“

Brigitte Schwacke (Jahrgang 1957) zeichnet mit Draht Linien in den Raum. Auch hier wieder ist es das Dreidimensionale, was fasziniert. Dieses filigrane Netzwerk aus legiertem Draht, verwoben, verknotet, gespannt – es verändert den Raum wirklich. Dieses Gespinst zwischen Zeichnung und Skulptur – es scheint die Leere zu umschließen und sie auszugrenzen. Man möchte dieses fragile Werk berühren, nach den losen Drahtenden greifen. Dieses Wandeln auf einem schmalen Grat, wie die Künstlerin ihre Arbeit nennt, ruft Erstaunen hervor. Ihr „Wie hält dieses Geflecht, warum bestimmt es so sehr den Raum, was ist das, was einen daran reizt? Vielleicht die Fragen, die dahinterstehen. Wie viel braucht der Mensch zum Leben, wie viel Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, wie viel Liebe? Wie dicht, wie genau müssen Botschaften sein, die wir anderen hinterlassen, damit sie uns verstehen können? Was wäre der Einzelne allein? Wie viel zählt das Individuum? Man könnte auch sagen, dieses Wandeln auf dem Grat lässt sich als ein Einblick in eine mikrokosmische Welt lesen, in die Struktur von Zellen.

Patricia Westerholz (Jahrgang 1966), die letzte der Bergeversetzerinnnen, arbeitet sich für ihre Arbeit buchstäblich in die Tiefe. Sie zeigt das Innenleben des Boros-Bunkers in der Reinhardtstraße in Berlin, genauer gesagt, sie arbeitet sich an der gegenläufigen Treppenanlage ab. Mit jeder Stufe entnimmt sie tiefere Lagen des Papiers, der Bildraum erweitert sich von Dimension zu Dimension. Was seit der Renaissance mit der Wiederentdeckung der Zentralperspektive zur hohen Kunst der Augentäuschung weiterentwickelt wurde, stellt die Künstlerin auf den Kopf, wie Moritz Stange richtig feststellt: Tiefe wird nicht über die reine Linie und die farblich gestaltete Fläche hergestellt, sondern Patricia Westerholz greift tatsächlich in den Bildraum ein, indem sie die plastische Komponente bemüht und durch substraktives Vorgehen Räumlichkeit schafft. Dieser Bunker ist eine sehr spezielle, gleichwohl sehr interessante Arbeit.

Das kann man von allen künstlerischen Positionen sagen, die derzeit bei Ursula Walter ausgestellt werden. Mit dieser Gruppenschau setzt die Galerie abermals einige ihrer Programmpunkte um: regionale und überregionale Vernetzung, Präsentation künstlerischer, in Dresden noch weitgehend unbekannter Positionen und inhaltlich kuratierte Ausstellungen. Das ist es, was Ursula Walter so spannend macht, erinnert sei an dieser Stelle nur an die vergangenen Ausstellungen mit Daniel Rode, Britta Jonas und André Tempel, Anja Kempe und Konstanze Böckmann. Ursula Walter, die einstige Nachbarin, wusste offensichtlich, wem sie ihren Nachlass übergibt, nämlich Menschen, die den anderen Blick wagen und sich und anderen schwierige Fragen zumuten. Die Ausstellung „Berge versetzen“ gibt davon beredt Zeugnis ab.

Ausstellung „Berge versetzen“ bis 29.5. Galerie Ursula Walter, Neustädter Markt 10
Lesung, Kurzvortrag und Fotoshow mit Viola Zetzsche über die Forscherin und Lehrerin Maria Reiche am 13. Mai, 18.30 Uhr

www.galerieursulawalter.de

Von Adina Rieckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr