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Ausblick: Die Zukunft der Scheune als Kultur- und Stadtteilzentrum

Ausblick: Die Zukunft der Scheune als Kultur- und Stadtteilzentrum

Es ist das zweite Jahr, in dem das Feuer auf dem alternativen Weihnachtsmarkt "Neustädter Gelichter" auf dem Gelände der Scheune knistert. Drum herum stehen kleine Buden, lokale Handwerker, Schmuckdesigner und Künstler verkaufen ihre Waren, es gibt Glühwein, Alternatives, Vegetarisches.

Auch Magnus Hecht, Geschäftsführer des Scheune e.V., schlendert zur Eröffnung über den Weihnachtsmarkt vor seiner Bürotür. Der Chef verkauft dort seinen Schwippsbogen, die Neustadt-Variante des erzgebirgischen Kerzenständers mit Scherenschnittmotiven. Der Subtext dieser Chefsache lautet: Wir sind ein traditionsreiches Kulturhaus. Wir sind ein bisschen schräg, aber für alle da.

Zum 60. Geburtstag der Scheune, mittlerweile ein Kulturzentrum in freier Trägerschaft, stellt sich der Verein noch einmal die Frage "Was soll das Haus in der Zukunft sein?" Für Magnus Hecht ist es ein langwieriger Prozess, an dessen Beginn 2007 die Privatisierung stand, die Wiederaufnahme ehemaliger Netzwerke, Stichwort Besuchervollversammlung, und der Austausch mit dem Publikum und einer Fachöffentlichkeit. "Die Scheune hat also über ihre Programmarbeit eine gesellschaftliche Funktion vor allem für das sie umgebende Stadtviertel. Dieser Verantwortung ist nicht nur genüge getan mit inspirierenden Kultur- oder gar Kunstereignissen, er kann auch durch unterhaltsame Auseinandersetzung mit intellektuellen Themen passieren." Dieser inhaltliche Anspruch auf Komplexität erklärt ganz gut, warum sich das Angebot in den letzten Jahren noch weiter aufgefächert hat. Wer bei der Scheune nur an hedonistischen Musikkonsum denkt, der ignoriert die Hälfte des Programmplans. Neben Konzerten, Lesungen, Poetry Slams und diversen Unterhaltungsformaten stehen immer häufiger auch Einladungen zu politischen Debatten, musiktheoretischen Workshops oder sozio-kulturellen Veranstaltungen. "Der Schwerpunkt ist unser Stadtteil. Dazu gehört auch das Philosophiefestival im nächsten August zum Thema Werte und das Kinderliederfestival Trollwiese." Für manchen ist das zu viel des Guten, für Andere bietet es eine Möglichkeit, sich mitten im Herzen der Neustadt in die Gesellschaft einzumischen.

Musikreihen für schärferes Profil

Die Musik spielt dennoch keine kleinzuredende Rolle. Seit September hat das Kulturzentrum einen neuen musikalischen Programmplaner. Markus Altmann bringt jahrelange Erfahrung im Metier mit, beim Chemnitzer Label Raster Noton, einer Plattform für experimentelle elektronische Musik, bot er die Künstler an, jetzt bucht er sie. Für zukünftige Abwechslung ist gut, dass sich Altmann durch viele Musikrichtungen lebte. "Ich war schon immer HipHop-Fan, hab aber in der Pubertät Heavy Metal gehört, dann Hardcore, Soul und Funk. Ich bin offen, was Musik angeht, ich spiele ja selbst in einer Roots Americana-Combo mit (und zwar am Cello bei Calaveras, Anm. d. Redaktion)." Aus familiären Gründen suchte er den Ortswechsel und stolperte beinahe zufällig über den Scheune-Job. Da war die Bewerbungsfrist bereits abgelaufen, doch der Vereinsvorstand war schnell überzeugt, die Sympathien stimmten. "Vielleicht ist es auch ganz gut, dass ich kein Dresdner bin. Mit mir wird nichts identifiziert, die Leute lassen mich erst mal machen." Was genau er seit vier Monaten tut, wird jetzt langsam sichtbar, die ersten Bookings sind durch, mit den Besucherzahlen ist Altmann aber noch nicht ganz zufrieden.

Weil sich durch die Vielfalt im Angebot kein Stammpublikum aufbauen kann, setzt auch Altmann auf die Profilschärfung mittels Musikreihen. HipHop nennt er an oberster Stelle, dafür gäbe es in der Scheune eine Tradition und wenig andere Locations, die diese Linie führen. Auch Harcdcore soll wieder gespielt werden, in der kleinen Lounge im Erdgeschoss des Hauses. "Insgesamt mehr DIY (Do It Yourself), Underground und kleinere Partyformate mit speziellen Mottos." Doch auch für den großen Saal sucht Altmann nach neuen Konzepten, redet von der Wiederbelebung des Baikaldance, von Singer/Songwriter- und von elektronischer Musik. "Um das zu bündeln, bedarf es eben Serien und Reihen, damit die Leute wissen, was sie erwartet."

Nach eineinhalb Jahren zog sich sein Vorgänger Christian Meyer in sein künstlerisches Schaffen beim The Fuck Hornisschen Orchestra und nach Leipzig zurück. Er hinterlässt einen guten Draht zum Hamburger Elektropunk-Label Audiolith, dessen Acts in seiner Amtszeit auffallend häufig zu Gast in der Scheune waren. "Egal, was man davon hält, ich will die Brücken nicht kappen." Aber Altmann benennt die dazu gehörende Reihe um. Aus Electro Now! wird TODAYelectric!. Nun hofft er, dass die Leute nach und nach auch zu ihnen unbekannten Acts kommen, wenn sich die Reihe ein wenig etabliert hat.

Neuer Sound mit neuer Anlage

Gerade hat die Scheune eine moderne Musikanlage gekauft. "Die alte wurde bei der großen Sanierung 1993 schon gebraucht eingebaut und von der Stadt an uns vermietet." Wie alt sie wirklich ist, weiß auch Magnus Hecht nicht. Auf die Frage nach einem Ersatz bekam er die Antwort: Nie! "Aber zum Glück wurde für uns beim Kulturraum Strukturförderung beantragt und genehmigt. Die neue Anlage wird also zur Hälfte vom Freistaat bezahlt." Die andere Hälfte der rund 72 000 Euro übernahm ihr Hauptsponsor, für den Rest nahmen sie einen Kredit auf. Dass dies im Jahr der institutionellen Kürzungen geschah, macht es umso einschneidender.

Denn trotz jährlicher Förderung durch den Kulturausschuss, die circa ein Viertel des Bedarfs deckt, regnet es kein Gold, sondern immer noch Wasser durch die Löcher im Scheune-Dach. "Die sollen seit letztem Winter gestopft werden, aber bisher ist noch nichts passiert." Auch die Toiletten sind in einem fragwürdigen Zustand. Magnus Hecht ist trotzdem zufrieden mit der Entwicklung, die das Haus genommen hat, und weiß um die Unterstützung, die ihm zuteil wird. "Die Motivation bei uns stimmt und wenn wir jammern, dann auf einem hohen Niveau." Und woran sollen die Leute zuerst denken, wenn sie das Wort Scheune hören? "Was für ein lebendiges Haus!"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.12.2011

Juliane Hanka

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