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Aus der Sammlung Finkbein: Zirkusbilder des 20. Jahrhunderts im Stadtmuseum Pirna

Wenn der Zirkus kommt... Aus der Sammlung Finkbein: Zirkusbilder des 20. Jahrhunderts im Stadtmuseum Pirna

„Wer aber sind sie, die Fahrenden?“ fragt der Dichter Rainer Maria Rilke in seiner 5. Duineser Elegie nach den Akrobaten, Clowns und Artisten, die auch ihm begegnet sind. Nun zeigt das Stadtmuseum Pirna unter dem Titel „Wenn der Zirkus kommt...“ eine Auswahl von Zirkusbildern aus der Sammlung des Dresdner Galeristen und Sammlers Wolfgang Finkbein.

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George Grosz. Aus dem Zirkus Medrano. 1924.

Quelle: Sachsenfoto, Frank Füssel

Pirna. „Wer aber sind sie, die Fahrenden?“ fragt der Dichter Rainer Maria Rilke in seiner 5. Duineser Elegie nach den Akrobaten, Clowns und Artisten, die auch ihm begegnet sind. Es war Picassos Gemälde „Les Saltimbanques“ (Die Gaukler), das der Dichter bei seiner Freundin Hertha König 1915 in deren Haus sah und einen ungewöhnlichen Eindruck auf ihn hinterließ. Im 20. Jahrhundert erreicht diese Form der Volksbelustigung ihren Höhepunkt. Damals wurde auch das Chapiteau (Zirkuszelt) eingeführt. Die „Fahrenden Leute“ ziehen bis heute von Ort zu Ort, wie Entwurzelte, aber auch unendlich Freie, die nirgendwo zu Hause sind. Für Rilke sind sie Geschöpfe, die zum Außerordentlichen gezwungen sind, die mit ihrem Leben für den Genuss des Publikums haften. Die Tragik des Zirkuslebens bedeutet Aufopferung, eine Grenzerfahrung, die die Menge erzittern lässt. Alles ist Show, Kribbeln und ein Spiel mit der Gefahr. Mit ihren Tieren verbindet sie eine besonders liebevolle Freundschaft. Schon die Kinder der Artistenfamilien werden in die harte Arbeit als Akrobat, Jongleur, Trapezkünstler, Dompteur oder Clown eingeführt. Als Erfinder des Zirkus nennt die Zirkusgeschichte den Engländer Philip Astley. Pferde waren die ersten dressierten Tiere, die in der Arena Kunststücke aufzuführen hatten. Nach und nach entwickelte sich der Zirkus aus dem Hippodrom zu einem Unterhaltungsunternehmen mit Artisten, Clowns, Dompteuren und Körperkünstlern.

Sowohl in der Literatur als auch in der bildenden Kunst spielt das Thema Zirkus eine gewichtige Rolle. Man denke in der Literatur nur an Franz Kafka mit seiner Erzählung „Der Hungerkünstler“. Die Bandbreite ist groß: Sie reicht von Bewunderung bis hin zur Ablehnung. Nun zeigt das Stadtmuseum Pirna unter dem Titel „Wenn der Zirkus kommt...“ eine Auswahl von Zirkusbildern aus der Sammlung des Dresdner Galeristen und Sammlers Wolfgang Finkbein. Die etwa 80 Arbeiten von bekannten und unbekannten Künstlern in den wichtigsten Techniken der Grafik und Malerei geben einen außergewöhnlichen Einblick in die vom Zirkus beeinflusste Kunst des 20. Jahrhunderts. Das Thema Zirkus ist in dieser Zeit in der bildenden Kunst äußerst beliebt und weit verbreitet. Künstler aller Couleur haben das Thema zu einem eigenen Genre gemacht, das sich für das Leben und Tun der Artisten begeistert.

Gleichsam verwandt mit dem „vogelfreien“ Leben des Artisten, schwingt in vielen Bildern die Faszination Zirkus, die den Manegenkünstler in voller Aktion im Rund des Zirkuszeltes zeigt. Hier spürt man die Sympathie des bildenden Künstlers für das fahrende Volk, das ihm in Leben und Kunst so ähnlich ist. Es herrscht eine besondere Atmosphäre. Zu Pferde, am Trapez oder im Löwenkäfig, Dressuren mit Pferden und Elefanten, aber auch skurrile Bildlösungen, wie der Fuchs als Löwendompteur (Andreas Paul Weber, 1972) oder Victor Vasarelys „Harlekin mit Ball“ (1987) reihen sich abwechslungsreich (in der 2. Etage) Bild für Bild aneinander. George Grosz’ Blatt „Aus dem Zirkus Medrano“ (1924) zählt zu den feinsten Litho-Blättern der Ausstellung. Josef Hegenbarths beide Blätter „Elefantendressur“ (1956) und „Pferdedressur“ (o.J. ) sowie Wilhelm Lachnits „In der Manege“ (Aquarell, 1951) beweisen, dass es auch unter der Dresdner Künstlerschaft große Zirkusverehrer gab. Geheimnisvoll umschauert wirken dagegen Marc Chagalls Lithografie „Der weiße Clown“ (1956) sowie Marino Marinis surreal anmutende Radierung „Die Gaukler“ (1978). Neben den puren Zirkusdarstellungen ist das Thema oft auch gesellschaftskritisch und philosophisch gefärbt. Der Zirkus wird zum Gleichnis für die Verwerfungen der Gesellschaft und ihre Paradoxien.

Der Sammler Wolfgang Finkbein wurde 1939 in Quedlinburg geboren und wuchs umgeben von Büchern und Kunst auf. Der Großvater war Buchhändler. Nach dem Schulabschluss arbeitete er zunächst in der Industrie und danach als Berufskraftfahrer. Von 1990 bis 2005 betrieb er in Gotha ein Antiquariat und eine Galerie, in der er ab 1995 auch Kunstausstellungen zeigte. 2005 zog er nach Dresden und unterhielt hier bis 2011 eine Galerie. Finkbein sammelt seit 1965 Kunstwerke zum Thema Zirkus. Die erste Arbeit in der Sammlung Finkbein zum Thema Zirkus „Der Affe als Dompteur“ war eine sozialkritische Radierung der jüdischen Expressionistin Sascha Kronburg-Roden (geb. 1893 in Wien), die mehr oder weniger zufällig 1965 in seinen Besitz kam und auch in der gegenwärtigen Ausstellung zu sehen ist. Es ist bedauerlich, dass Künstler hierzulande in unmittelbarer Gegenwart kaum noch Bilder vom Zirkus schaffen und ihr Interesse für das Medium Zirkus abhanden- gekommen scheint.

Bis 31. Oktober. Stadtmuseum Pirna, Klosterhof 2, 01796 Pirna. Kontakt: 03501/556 461 www.museum-pirna.de geöffnet: Di-So, Feiertag 10-17 Uhr.

Von Heinz Weißflog

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