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Aus dem Kinderbuch "Alfons Zitterbacke" wird an der Comödie Dresden ein freches Musical

Aus dem Kinderbuch "Alfons Zitterbacke" wird an der Comödie Dresden ein freches Musical

Wenn er einen Wunsch frei hätte, dann würde der elfjährige Alfons am liebsten seinen Namen ändern. Wobei es mehr noch der Familien- als der Vorname ist, der ihm peinlich ist und der ihn nervt. Zitterbacke - dieser Name lädt die Mitschüler ja geradezu ein, spottend zu reimen.

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Fabian Baecker (r.) in der Titelrolle, sein Freund (Michael Jaeger) offenbar in der Bredouille.

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden. Wenn er einen Wunsch frei hätte, dann würde der elfjährige Alfons am liebsten seinen Namen ändern. Wobei es mehr noch der Familien- als der Vorname ist, der ihm peinlich ist und der ihn nervt. Zitterbacke - dieser Name lädt die Mitschüler ja geradezu ein, spottend zu reimen: "Zitterbacke, hat 'ne Macke, Zitterbacke, Hühnerk..."

An diesem scheinbar ganz normalen Jungen namens Alfons Zitterbacke kam früher in der DDR kaum einer vorbei. Die Kinderbücher von Gerhard Holtz-Baumert waren Kult, ebenso die Verfilmung einiger Abenteuer des aufgeweckten Lausbuben durch Regisseur Konrad Petzold 1966. Entsprechend ist an Omas und Opas, Vätern und Müttern kein Mangel, die versuchen, die Enkel bzw. Kinder ebenfalls für Alfons Zitterbacke zu begeistern. Nun stellt sich natürlich die Frage, inwieweit das, was einst zum kulturellen Kanon gehörte, nicht einfach aus der Zeit gefallen ist. Es könnte ja sein, dass die Eltern oder Großeltern einer Illusion aufsitzen, sie sich nur einreden, dass es die unverwüstliche Qualität der Klassiker ist, die Kinder noch heute begeistert. Aber vermutlich sehen und hören die Kinder, die durchaus auch das Bedürfnis haben, sich von den Eltern abzugrenzen, was ihr Freizeitverhalten angeht, zwar einerseits durchaus gern die Abenteuer Zitterbackes, andererseits aber haben sie auch kein Problem mit unfassbarem Einhorn-Trash wie "Mia and me". Goutiert wird beides; das Neue hat den Vorzug, dass man es ob der Verständnislosigkeit oder Ignoranz der Alten ganz für sich allein hat.

Wie auch immer: Nun hat Christian Kühn, künstlerischer Leiter der Comödie, an seinem Haus "Alfons Zitterbacke" auf die Bühne gehievt. Als "freche Musicalkomödie", wobei Andreas Goldmann die Musik und Sabine Kaufmann, sonst bei den medlz zugange, die Songtexte verfasst haben. Das verleiht dem Stoff dann doch eine ganz neue, durchaus erfrischende Note, zumal die meisten Songs extrem schmissig sind und gut ins Ohr gehen. Die Ausstattung besorgte Ella Späte, wobei das Zimmer der Familie Zitterbacke deutlich bunter ist als die Klamotten (bei denen wird das Farbspektrum von Bitterfeld-Braun und Gittersee-Grau dominiert).

Alfons Zitterbacke, der wie Charlie Brown der ewige Pechvogel ist, der von Heldentaten träumt, aber zuverlässig alles vermasselt und in jedes Fettnäpfchen tritt, das der Alltag bereit hält, wird von Fabian Baecker gespielt. Es ist ja nie unproblematisch, wenn Erwachsene Kinder darstellen sollen, weil es oft zu überdreht wirkt, aber Becker meistert das nicht schlecht. Als Alfons' Eltern agieren Kerstin Ibald und Andreas Köhler. Beide setzen auf ganz eigene Weise Akzente. Ibald kann in einem Solo-Gesangsstück demonstrieren, dass sie eine ungemein gute Gesangsstimme hat, Köhlers Gesichtsakrobatik sorgt mehr als nur einmal für lautes Gelächter, insbesondere dann, als er tapfer die Suppe, die ihm sein Sohn eingebrockt und versalzen hat, auslöffelt. In kleineren, aber nicht minder gewichtigen Rollen zeigen zudem Sonja Beck, Christin Rettig und Michael Jäger, dass sie ihr Handwerk verstehen. Beck beispielsweise spielt zum den "Westbesuch" in Gestalt von Tante Paulette, zum anderen die dauerechauffierte Nachbarin Frau Mattner. Erstere spricht tiefstes Bayrisch (irgendwie schon komisch: in der Regel sprechen "Wessis" auf ostdeutschen Bühnen fast immer den Dialekt, wie er im Süden des weißblauen Freistaats von prägender Kraft ist, nie platt oder hessisch), die andere macht aus jedem weichen Buchstaben einen harten, was vor allem Kinder besonders lustig finden.

Was den Spaßfaktor angeht: Jung wie Alt kommen je auf ihre Kosten, nur in unterschiedlichen Passagen. Ein englischsprachiges Lied sagt Kindern nichts, dafür finden sie Szenen klasse, die die Erziehungsberechtigten an ihrer Seite eher albern finden dürften. Grandios die Kochszene. Da wird Alfons (zusammen mit seinem Freund Bruno) einmal mehr unfreiwillig zum "Master of Desaster". Lerneffekte gibt's auch: "Meerschweinchenaufpasser" ist klar ein Schimpfwort, auf einer Stufe mit "Warmduscher".

Ganz zweifellos spielt das Stück in einer Zeit, die auf heutige Kinder fremd und in Teilen womöglich bizarr wirkt. Es heißt noch "Kosmonaut", man muss Russisch-Vokabeln pauken und Alfons zieht es nicht nach Rom oder London, sondern wie die Tschechowschen drei Schwestern Irina, Mascha und Olga nach Moskau. Zeitlos sind natürlich Fragen, wie sie Alfons an das Leben hat, etwa die, warum Eltern einem Fragen stellen, obwohl sie offensichtlich bereits die Antwort kennen. Und welcher Junge hat es nicht schon erlebt, dass der Vater darauf abzielte, seinen Sprössling zum richtigen Mann zu machen, etwa wenn es um die Frage des Köppers vom Sprungbrett geht (ja, es heißt Sprungbrett und nicht Springbrett, wohl weil man einen Sprung in der Schüssel haben muss, um vom Zehner zu springen).

Ziemlich aus der Zeit gefallen ist das Frauen- und Männerbild. Die Mädels halten sich die Nase zu, wenn sie ins Schwimmbad-Becken hüpfen, (nur) die Jungs setzen zum Kopfsprung an. Zeitlos gültig bleibt aber der Satz: "Versteck Dich nicht, sei einfach Du!" Am Ende gibt es ein Hohelied auf die Familie, die als Ideal über allen Köpfen schwebt, selbst in Patchwork-Formen aller Art.

nächste Vorstellungen: 15. bis 24.12., fast täglich, Karten unter: (0351) 866 410 www.comoedie-dresden.de

Christian Ruf

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