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Auftakt zur etwas anderen Schlösser-Tour: Sachsens Landesbühnen mit "Clavigo" auf Weesenstein

Auftakt zur etwas anderen Schlösser-Tour: Sachsens Landesbühnen mit "Clavigo" auf Weesenstein

Was schreibt man als Journalist über ein Stück, in dem der Journalist nicht gut wegkommt, Schurke, Versager, Lügner ist? Der schwankt zwischen persönlichem Glück und dem, was heute Karriere heißt? Der den Einflüsterungen erliegt, die ihm beständig versichern, man wolle nur sein Bestes? Ich kann sagen, was ich tue: über Goethe schreiben und mir versichern, mit mir hätte das gar nichts zu tun.

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Clavigo (Marc Schützenhofer, l.) will viel und erreicht doch herzlich wenig, woran auch Carlos (Mario Grünewald) gewaltigen Anteil trägt.

Quelle: Detlef Ulbrich

Zumindest nicht so viel...

"Clavigo" also, der immer noch gespielte Goethe-Fünfakter, dem die Literaturwissenschaft ein Ensemble aus eher moderaten, sprich mittelmäßigen Figuren zugesteht. Ein Stück zudem, das im Original ein reichlich übersteigertes Finale enthält, mit einem bewaffneten Clavigo, der sich am Grab seiner von ihm verstoßenen Geliebten Marie ein Duell mit ihrem Bruder Beaumarchais liefert - und natürlich auch stirbt. Hach ja.

Dieses Ende lässt Regisseur Arne Retzlaff bei der Premiere auf Schloss Weesenstein (der Auftakt für eine auf mehrere Jahre angelegte Zusammenarbeit der Landesbühnen mit Sachsens Schlössern, Burgen und Gärten) glücklicherweise außen vor. Und auch sonst werden, trotz stimmiger Kulisse und der Entstehungszeit des Textes entsprechenden Kostümen, Zuschreibungen nicht so übernommen, wie sie von Goethe einst vorgesehen waren.

Denn Clavigo (Marc Schützenhofer), Autor einer erfolgreichen Wochenzeitschrift, der es zudem zum königlichen Archivar am Madrider Hof gebracht hat, ist in der Vorlage äußerst ehrgeizig. Die Inszenierung setzt aber stärker auf die romantische Seite des Titelhelden. Außerdem hatte Goethe Clavigos Freund Carlos (Mario Grünewald) ursprünglich mit einem rationalen Impetus ausgestattet: Er sollte "den reinen Weltverstand mit wahrer Freundschaft gegen Leidenschaft, Neigung und äußere Bedrängnis wirken lassen", wie Goethe selbst in "Dichtung und Wahrheit" schrieb. Auf der Bühne wird Carlos zu einer Art Einpeitscher, er beschwatzt und beschwört den Freund, sich nicht wieder der mittellosen und schwindsüchtigen Marie zuzuwenden, sondern der Karriere und auch den zahlreichen anderen Frauen am Hofe die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

Grünewald gibt dagegen einen manchmal höhnischen Carlos, einen, der keine Gefangenen macht, der aber gerade dadurch gewinnt. In meinen Augen zumindest, denn das blasse Entschuldigungsparlando, das der deutsche Dichterfürst über diese beiden männlichen Figuren absonderte, erschien mir schon immer suspekt. Mit Sicherheit auch deshalb, weil Goethe selbst andeutete, durchaus sein eigenes (Fehl-)Verhalten der jungen, schönen Elsässerin Friederike Brion gegenüber in "Clavigo" zu thematisieren. Und es - romantisch-kitschig überhöht, siehe das erwähnte blutige Finale an Maries Grab - zu reparieren. Was die Textvorlage so schwer verdaulich macht. Die Uhren lassen sich eben nicht zurückdrehen, Schuld ist auch durch Schreiben schwer zu tilgen.

Außer dem etwas romantisch verbrämten Titelhelden hat die Aufführung noch eine andere gefühlsbetonte Note: die Musik. Das kurze Klavierstück von Cyril Moisson (bekannt aus dem Programmkino-Trailer "50 Jahre Liebe zum Kino"), zu Beginn und zwischen den Aufzügen eingespielt, bedient die emotionale Ebene. Sie umklammert das Geschehen, in dem die Männer vor allem in ihren Auseinandersetzungen leben: Clavigo contra Carlos, Clavigo contra Beaumarchais (Michael Berndt). Wie dieser Bruder für seine verlassene und gedemütigte Schwester Marie kämpft, dem Neu-Höfling Clavigo die Hölle heiß macht, überzeugt auf ganzer Linie. Auch seine Idee der Selbstaufopferung angesichts des zweiten Verrats Clavigos ist nicht nur ein Sittenbild damaligen Verhaltens, sondern beschreibt zeitlos so manche männliche Reaktion heutzutage: ein Abbild von Hilflosigkeit in Situationen, aus denen es Auswege gibt, die man sich aber nur schwer eingestehen mag.

Die Frauen kämpfen an gegen die (Bühnen-)Dominanz der Männer. Dörte Dreger wird als Marie umso stärker, je körperlich schwächer ihre Figur wird. Ihr stiller Tod, während sich ihre Schwester Sophie (Sophie Lüpfert) und Beaumarchais streiten, ist der dramatische Höhepunkt. Leider endet das Stück hier nicht, es folgt noch ein eher verwirrendes, kurzes Finale, das die fünf Protagonisten wieder zentral auf der Bühne zusammenführt und damit den Beginn des Abends spiegelt. Allein der Grund für dieses Schließen eines imaginären Kreises bleibt diffus.

"Clavigo" ist ein frühes Werk Goethes. Und zweifellos eins seiner schwächeren. Nichtsdestotrotz entwickelt es speziell im Kammerbühnen-Rahmen eine ausgesprochene Dichte. Das Premierenpublikum zeigte sich jedenfalls zufrieden und spendete ausgiebig Applaus. Für die nun noch mehr reisenden Landesbühnen dürfte "Clavigo" als höfisches Stück, vor allem mit Blick auf die weiteren möglichen Aufführungsorte, zu denen sich diverse Schlösser gesellen, eine gute Wahl gewesen sein. Diese Kulissen werden den Hauch der Authentizität, der der Inszenierung durchaus innewohnt, noch verstärken. Torsten Klaus

nächste Aufführungen: 27.10., 9. & 24.11. Studiobühne Radebeul, 14.11. Burg Meißen, Wendelsteinkeller, 12. & 13.1.2013 Schloss Rammenau, 18.1.2013 Schloss Weesenstein

www.dresden-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.10.2012

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