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Auftakt der neuen Spielzeit in der St. Pauli Ruine Dresden mit "Diener zweier Herren"

Auftakt der neuen Spielzeit in der St. Pauli Ruine Dresden mit "Diener zweier Herren"

Tot oder nicht tot? Das ist die eine Frage, die sich den Mitgliedern der alles andere als ehrenwerten Gesellschaft in dem Stück "Diener zweier Herren" stellt. Es besteht Klärungsbedarf, hat doch plötzlich eine Frederike Rasponi in einem Hotel eingecheckt, fünf Wochen, nachdem man dieses störende Element aus der Welt geschaffen wähnte.

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Alexander Keller (Frederike Rasponi, vorn l.) und Anke Pokorny Kropp (Arlecchino, vorn r.) und weitere Akteure der Komödie.

Quelle: PR

Aber ist die Dame überhaupt eine Dame? Das ist die andere, nicht minder wichtige Frage. Leandro soll die Sache prüfen. Ausgerechnet dieser Warmduscher. Wo ein Crocodile Dundee, durch Erfahrung klug geworden, beherzt in den Schritt greift, um sämtliche Unklarheiten zweifelsfrei zu klären, bleibt dieses Weichei beim Abtasten in den oberen Gefilden, lässt sich von Oberweite vortäuschenden Einlegearbeiten blenden.

Zur Eröffnung der neuen Spielzeit der nun überdachten und generalsanierten St. Pauli Ruine hat sich das St. Pauli Ensemble also für den Komödienklassiker von Carlo Goldoni entschieden - und doch wieder nicht, denn gezeigt wird die Bearbeitung des Stoffes durch Peter Turrini.

Dessen Veränderungen erschöpfen sich allerdings weitgehend in recht oberflächlichen Aktualisierungen und zotigen Anzüglichkeiten. Bis auf die eine, entscheidende: Während bei Goldoni der gewiefte Diener Truffaldino nach einigen Wirrungen und Hieben triumphiert, lässt Turrini seinen Arlecchino (Anke Pokorny Kropp) als begossenen Pudel dastehen, ausgebeutet von allen Seiten. Das Tricksen beherrschen die "noblen" Herrschaften viel besser als der überforderte Diener.

Das Fatale dabei und damit auch in dieser Inszenierung (Regie: Jörg Berger): Man hat einfach kein Mitleid mit Arlecchino. Man muss noch nicht mal Zyniker sein, um dem Diener hinterher zu höhnen: "Dummheit muss einfach bestraft werden, du Opfer!" In der Debatte um "neue Armut" und Mindestlöhne hätte die Geschichte um Arlecchino, der als neuzeitlicher Vertreter des Prekariats sich auf dem Billiglohnsektor durchschlagen muss, eine spannende Sache sein können, ist es aber nicht. Turrini hat eine schmierig-schlüpfrige Schmonzette verfasst, deren aufklärerischer Habitus bloße Attitüde ist. Mag ja sein, dass in heutiger Zeit Goldonis Lustspiel bei aller Lustbarkeit nicht lustig enden kann, aber Turrini macht es sich etwas arg einfach. Er verlegt das Geschehen ins Venedig der Karnevalszeit (womit das überladene und gleichzeitig bei aller propagierten Frivolität seltsam verklemmt rüberkommende sexuelle Treiben irgendwie am Platz wäre) - und ins Mafia-Milieu. Arlecchino wird zum Spielball der Interessen von Geschäftsleuten respektive Gangstern, die wissen, dass alles käuflich ist, notfalls auch Zeugen vor Gericht. Aber letztlich gehen die flauen (sozial-)kritischen Töne unter. Dass der große Lustmolch Pantalone, pardon in diesem Fall also Frau Sacci (Ilka Knigge), auch "Vorsitzender der katholischen Moralkommission" ist? Geschenkt.

Auch die Idee, einige wichtige Figuren gegen das Geschlecht zu besetzen, überzeugt nicht. Wie fast immer bei diesem (Regie)-"Einfall" wird mehr verschenkt als gewonnen, auch wenn es wohl die fromme Absicht war, das Verwechslungsspiel um Geschlecht und Identitäten, um Tarn-, Deck- und Kosenamen noch ein bisschen mehr auf die Spitze zu treiben.

Wie in allen Inszenierungen der vergangenen Jahre vermag das St.-Pauli Ensemble mit seiner unbändigen Spielfreude für sich einzunehmen, aber dieses Mal geht der Inszenierung ab, was ein gutes Sommerspektakel mit am meisten ausmacht: Witz. Gut, es gibt ein paar krachlederne Zoten und sogar zwei oder drei hübsche Wortspiele ("Wenn ihr mir an die Wäsche geht, kann ich die eure nicht machen, sagt etwa Karl Weber als Dienerin Smeraldina), aber besser wird's leider nicht in der mehr leichtfertigen, als leichtfüßigen Aufführung.

Nächste Vorstellungen: Heute und 1. Juni, 19.30 Uhr,

Karten unter: Tel. 0351/272 14 44

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.05.2012

Christian Ruf

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