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Aufstieg und Fall eines Dresdner Kindes

Aufstieg und Fall eines Dresdner Kindes

Sie war "die gewagteste Frau ihrer Zeit", so Karl Lagerfeld über diese außergewöhnliche, lange vergessene und seit den 1980er Jahren wiederentdeckte Frau. Dabei war die Zeit ihres Lebens mit gerade einmal 29 Jahren knapp bemessen.

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Skandalumwitterte "Göttin der Nacht": Anita Berber.

Quelle: aus "Anita Berber..."

Gemeint ist die Tänzerin Anita Berber, deren Leben, Aufstieg und Fall der 1932 in Freital geborene, heute in Berlin lebende Kunsthistoriker Lothar Fischer in einem so lesens- wie ansehenswerten Buch vor Augen führt.

"Anita Berber - Ein getanztes Leben" lautet der Titel des knapp 200 Seiten umfassenden Buches mit vielen fotografischen Dokumenten. In zwölf biografischen Kapiteln folgt Lothar Fischer dem Weg der 1899 in Leipzig geborenen, in Dresden aufgewachsenen Frau, die ihrer Zeit voraus war. Mit der Zerbrechlichkeit und Unberechenbarkeit menschlicher, vor allem zunächst familiärer Lebensbezüge musste Anita Berber schon früh lernen umzugehen. Die Mutter, eine Chansonsängerin, soll eine schwierige Person gewesen sein. Felix Berber, der geschätzte Gewandhausmusiker, heiratete sie, weil das Kind Anita unterwegs war. Schon 1902 trennten sich die Eltern.

Anita wächst bei der Großmutter in Dresden auf, sie besucht hier die Städtische Höhere Töchterschule in Dresdens Altstadt, kommt durch Teilnahme an Kursen der Rhythmischen Gymnastik in Hellerau mit den tänzerischen Aufbrüchen von Émile Jaques-Dalcroze in Berührung. In der Lukaskirche wird das künstlerisch begabte und aufgeschlossene Kind konfirmiert. Lothar Fischer lässt Anitas Pfarrer, Hofprediger Johannes Keßler, zu Wort kommen, dessen Kontakt sie immer wieder sucht, der mit außergewöhnlicher Weitsichtigkeit eines Kirchenmannes seiner Zeit bis in die 1920er Jahre die Verbindung hält. Sie nennt ihn "Mein lieber Pfarrerfreund".

Fischer nimmt uns als Leser mit nach Berlin, wohin Anita Berbers Weg führt, wo ihr Aufstieg eigentlich mit dem ersten Auftritt 1916 als Schülerin der Ballettschule Saccetto im Apollo-Saal beginnt. Hier noch in der Rolle des zarten Zephier. Die Zartheit des Herzens wird diese Tänzerin, so lässt sich Fischers Biografie deuten, immer behalten, auch wenn ihre Tänze sie bald zu einer von Skandalen begleiteten "Göttin der Nacht" im Berliner Wintergarten, in Budapest oder in Wien werden lassen. Sie lässt in ihren Tänzen des Lasters den geheimen Wünschen einer verklemmten Generation freien Lauf. Sie führt ihnen vor Augen, was sie gerne sehen, aber eigentlich nur dann, wenn sie sicher sind, dass sie dabei von anderen nicht beobachtet werden. Anita Berber lässt die Hüllen fallen, ihr Tanz bewegt sich im Kontext expressionistischer Kunst, und in dem Tänzer Sebastian Droste findet sie einen Seelenverwandten.

Ein weiteres Kapitel widmet sich der Karriere von Anita Berber im Stummfilm, die 1918 mit Richard Oswalds "Dreimäderlhaus" beginnt, in dem sie die Rolle der Tänzerin Carlotta Grisi spielt, und Höhepunkte findet mit den noch heute beeindruckenden Tanzszenen in Fritz Langs Film "Dr. Mabuse, der Spieler". Sie spielt mit Werner Krauss in "Das Tagebuch einer Verlorenen"; wie sehr dieser Titel ihr Leben beschreibt, sollte sich bald erweisen.

Anita Berbers Kunst überschritt Grenzen, sie machte sich nicht nur nackt, indem sie nackt tanzte, sie machte sich auch nackt im Sinne einer bis dahin nicht gekannten Offenheit und damit einhergehender schutzlosen Verletzlichkeit. Sie benannte Rauschzustände grenzüberschreitender Kunsterfahrungen nicht nur verbal, sie wusste, warum sie mit freien Brüsten ihren Tanz "Kokain" aufführte. Auch in ihrer Art, sexuelle Grenzen zu überschreiten, war sie zumindest in der Art, wie sie es öffentlich machte, ihrer Zeit voraus.

Dass sie immer "mit entblößter Seele" tanzte, mag das Geheimnis ihres Erfolges gewesen sein, aber auch einer der Gründe dafür, dass sie nach etlichen Abstürzen, körperlich und seelisch, 1928 auf einer Tournee in Damaskus einen gefährlichen Zusammenbruch erleidet. Im Berliner Krankenhaus wird Tuberkulose diagnostiziert, am 10. November 1928 stirbt Anita Berber im Berliner Bethanien-Krankenhaus, heute Künstlerhaus Bethanien. Beerdigt wurde sie auf dem Friedhof St. Thomas in Berlin. 1987 wurde er geschlossen, es gibt kein Grab von Anita Berber.

Dass diese Ausnahmekünstlerin zunächst aus dem Gedächtnis verschwand, begründet sich zum einen für Lothar Fischer dadurch, dass der Ton- den Stummfilm endgültig verdrängte, aber stärker noch durch die rigide Kunstdiktatur der Nationalsozialisten. "Zwar war Anita Berber keine Jüdin, aber dennoch eine dekadente Erscheinung: Sie war bisexuell und hatte einen jüdischen Tanzpartner, der schwul war", so der Autor.

Anita Berber. Ein getanztes Leben. Eine Biografie von Lothar Fischer. 192 S. mit Fotografien und Dokumenten. Bäßler Verlag Berlin. 2014

www.baesslerverlag.de

Am Sonntag stellt Lothar Fischer im Rahmen der Tanzwoche Dresden zum Sonntagsbrunch im Filmtheater Thalia sein Buch vor, die filmgalerie phase IV zeigt Rosa von Praunheims filmische Hommage an Anita Berber "Die Tänze des Lasters" mit Lotti Huber.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2015

Boris Gruhl

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