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Aufstand oder Auf Sand?: Dostojewskis "Dämonen" als Schauspielpremiere in Dresden

Aufstand oder Auf Sand?: Dostojewskis "Dämonen" als Schauspielpremiere in Dresden

Tierschützer würden eine solche Aktion sicherlich aufs Schärfste verurteilen: Jesus hat den Dämon eines Besessenen in eine Herde Säue gelenkt, die daraufhin in einen See sprang und ertrank.

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Benjamin Pauquet (Mawrikij Wirginskij) und Nele Rosetz (Warwara Petrowna, Gutsbesitzerin)

Quelle: Matthias Horn

So einem trügerischen Errettungsideal hing auch Fjodor Dostojewski nach. Während seines freiwilligen "europäischen Exils" unter anderem in Dresden (hier blieb er am längsten) erfuhr er von studentischen Unruhen in Moskau und einem engagierten Studenten namens Iwanow, der später von dem jungen Nihilisten Sergej Netschajew ermordet wurde. Dies ist der Zündstoff für den Roman mit dem russischen Titel "Bessy", der auf Deutsch als "Die Dämonen", "Die Bösen Geister", "Die Teufel" oder "Die Besessenen" übersetzt wird und den Dostojewski - spielsüchtig, von großer finanzieller Not geplagt und mit Frau und Säugling im Schlepptau - zum Teil in Dresden schrieb. So postulierte er 1870 in einem Brief an den Dichter Apollon Majkow, dass der Teufel aus dem russischen Menschen in eine Herde Säue gefahren sei, in all die Netschajews also, die daraufhin ersaufen würden.

Iwanow widmete Dostojewski eine Figur im Roman: Schatow. Die nihilistische Zerstörungskraft ließ er durch zwei Söhne verkörpern: Nikolaj Stawrogin, Sohn der Gutsbesitzerin Warwara Petrowna, und Pjotr Werchowenskij, Sohn von Stepan Werchowenskij, einem resignierten Intellektuellen, der sich von der Gutsherrin aushalten lässt und ihr seit 20 Jahren den Hof macht. Die radikalen Söhnchen lassen das Provinznest in Flammen aufgehen und hinterlassen eine Leichenspur, inklusive Selbstmord.

Böse Geister sind hier am Werke - und dazu gehören nicht nur politisch radikale Stränge, an denen so mancher Protagonist "hängen" bleibt, sondern auch die privaten Fäden, die vor allem auf der Seite der Frauen gesponnen oder eingerissen werden: die Gutsbesitzerin Warwara, ihre Nichte Lisa und die verkrüppelte Marja, die Nikolaj fünf Jahre zuvor als pseudomoralischen Ausgleich seiner Amoralität geheiratet hatte.

Fallstricke, wohin man blickt - nicht zuletzt der Stoff selbst, der schon in Buchform schwere Kost ist (trotz der einfühlsamen Übersetzung von Swetlana Geier). Der anonyme Ich-Erzähler, der das Geschehen wiedergibt und kommentiert, sorgt für Verwirrung und Spannung zugleich. Als Theaterstoff ist "Dämonen" eine wahre Herausforderung. Albert Camus schrieb 1959 eine eigene Bühnenfassung unter dem Titel "Die Besessenen". Frank Castorf beschäftigte sich mit dem Stoff u.a. in einer fast fünfstündigen Inszenierung 1999, Peter Stein wagte es 2010 mit 26 Schauspielern in zwölf Stunden (mit sechs Pausen). Die drei Stunden der Dresdner Inszenierung, die in der Regie von Friederike Heller im Schauspielhaus Premiere hatte, wirken dagegen "normal" - allerdings ist im Theater Zeitempfinden so subjektiv wie vielleicht sonst nirgends.

Die Inszenierung nutzt den Rahmen des Ich-Erzählers (verkörpert durch Benjamin Pauquet), um am Anfang einzelne Figuren einzuführen und am Ende das zuvor vorgeführte Schrei- und Nebel-Tohuwabohu im Treibhaus (Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt) radikal hinunter zu temperieren zu etwas, das sich zufällig abgespielt habe - durch Leute, die unwissend, betrunken und orientierungslos gewesen seien. Alles nur Theater also. Die Frage ist nur - mit welcher Aussage: Aufstand oder Auf Sand?

Der Trunkenbold und Bruder der unglückseligen Marja, Lebjadkin (Ben Daniel Jöhnk), sprayt die Botschaft auf die durchsichtigen Wände: die Zuschauer auf der einen Seite lesen "Aufsand", während die auf der anderen das draufgesetzte "t" wahrnehmen, das "Aufstand" daraus macht. Welche Seite ist besser "informiert"? Sieht man den Aufstand, die Rebellion der Figuren? Ist Aufstand Weltverbesserungseifer (Schatow), Manipulation als Machtbeweis (Pjotr und Nikolaj), intellektuelles Herummaulen (Stepan), Koketterie-Revolte (Lisa und Warwara), Einnist-Versuch ins Wespennest (Marja), Krakeelen (Lebjadkin)? Oder sieht man den versandeten Versuch, den komplexen Wahnsinn möglichst menschlich darzustellen, indem man ihn teilweise lächerlich macht?

Die Regie und die Darsteller mühen sich redlich darum, aus all den Versatzstücken eine aktuell wirkende, allgegenwärtige Landkarte des Bösen-Geister-Befalls zu zeigen. Doch die Figuren erfahren kaum eine Entwicklung, sie agieren zu oft schreiend und aufgereizt, so dass Nuancen kaum Platz haben. Die Ohnmacht der Älteren etwa bleibt auf der Strecke - das lässt Torsten Ranft als Stepan am Ende spüren, wenn er eindrucksvoll an der Dämonenvertreibung im verwüsteten Glashaus zugrunde geht. In seiner fintenreichen Beziehung zu Warwara (Nele Rosetz) zuvor entsteht leider kein Spannungsfeld des Scheiterns. All zu verwitzelt kommen die textlastigen Dialoge daher, sie tragen nicht, sie verwirren und projizieren nur. Das Geräusch des Glaszersplitterns, das am Ende immer aufdringlicher zu hören ist, intensiviert die Atmosphäre der Bedrohung, die von den Musikern Peter Thiessen und Sebastian Vogel im Hintergrund mit zusätzlich viel Nebeleinsatz in manchen Szenen erzeugt wird. Doch das Musikkonzept enthält auch eine Reihe von Tänzelbeilagen, die die Spannung verwässern.

Darüber hinaus wirkt so mancher Charakterbruch unfreiwillig komisch. So ist nicht nachzuvollziehen, warum Lisa (Schauspielstudentin Nadine Quittner), die zuvor als fesche Göre aufgebaut wird und Männern durchaus die Stirn bieten könnte, plötzlich einem weinerlichen Wahnsinn verfällt und dann hysterisch eine Matratze malträtiert. Die Unruhestifter Pjotr (Thomas Braungardt) und Nikolaj (André Kaczmarczyk) sind eigentlich Spannungsträger mit ihrer mörderischen und dekadenten Aufmüpfigkeit (hier bilden sie Terrorzellen), doch sie albern zu oft herum, als dass man sie oder ihre dämonischen Seelenkämpfe wirklich ernst nehmen könnte.

Die Figuren in der Inszenierung, aus knapp 1000 Seiten auf einige wenige reduziert, suggerieren Verdichtung, die man als Zuschauer selten spürt - etwa bei Kirillow (Duran Özer), der den Unglauben auf der Welt durch Selbstmord beweisen will und sich von den bösen Buben in ihr Spiel verstricken lässt. Und noch eine Darstellung prägt sich ein: die von Cathleen Baumann, die als Marja wie ein lieber Dämon mit der Hüfte schlängelnd die Bühne füllt und kraftvolle Präsenz zeigt.

Schon zur Premiere lichteten sich die Reihen in der Pause. Und der Schlussbeifall hörte sich anerkennend, aber nicht überbrausend an.

Wieder: 4., 14., 20.6.; 11.7., Schauspielhaus Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.06.2014

Bistra Klunker

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