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Aufruhr einer Frau: "Medea"-Gastspiel vom Schauspiel Frankfurt in Dresden

Aufruhr einer Frau: "Medea"-Gastspiel vom Schauspiel Frankfurt in Dresden

die sichtbaren der Lebenden wie die verborgenen der Toten - sind in dieser Vorstellung allgegenwärtig. Als zu Beginn die Alte mit ihrem schweren Tritt zu hören, aber noch nicht zu sehen ist, nehmen wir sie über ihren Schatten mit ausgebreiteten Armen schon auf der Palastmauer im Bühnenhintergrund wahr. Und wenn sie im schier endlosen Gang ankommt, vereinen sich die beiden dunklen Wesen in gemeinsamer Balance - die Amme (mit der großartigen Josefin Platt) spricht in abgehackten Sätzen über Medea und deren abgrundtiefen Schmerz.

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Constanze Becker (Medea) und Marc OIiver Schulze (Jason)

Quelle: Birgit Hupfeld

Weit oben, entrückt, liegt diese regungslos auf dem Mauervorsprung. Und aus ihr brechen dumpfe Laute hervor wie von einem Tier in höchster Pein, ein nicht aufzuhaltendes, ansteigendes Grollen aus tiefster Seele.

Es ist die immer wieder verstörende Euripides-Geschichte vom Goldenen Vlies und Medea, der Königstocher aus Kolchis, die Jason nach Griechenland folgte, die ihre Familie verraten, den Bruder getötet hat, ihrem Geliebten den Weg freimachte für die Flucht, die zwei Söhne gebar und nun betrogen, verlassen, gedemütigt ihren Schmerz herausbrüllt. Medea, der die Verbannung droht, ein Leben in Erniedrigung und Elend, die ihre Kinder aufopfert, um ihnen Scham und Gewalt zu ersparen. Ein grauenvolles Geschehen aus der griechischen Mythologie, das uns erschreckend nah ist, und zudem der denkwürdige Aufruhr einer Frau, die sich nicht erniedrigen lässt.

Welch gute Entscheidung, gerade diese im April 2012 herausgebrachte Inszenierung von Michael Thalheimer am Schauspiel Frankfurt als Gastspiel nach Dresden zu bringen. Und das Publikum im ausverkauften Schauspielhaus hat die Gäste mit deutlicher Sympathie und viel, viel Applaus zu würdigen gewusst. Was auch eine Wertschätzung ist für dieses Theater bewusster Kargheit, das letztlich nichts vermissen lässt. Und schon gar nicht provozierte Befindlichkeiten, wo mit allen Mitteln die Seele aufgerührt werden soll, oder literweise Theaterblut wie auch andere effektvolle "Geschmacksverstärker" zum Einsatz kommen.

Thalheimer konzentriert sich auf das Wesentliche, setzt auf Raum, Stimme, Licht, auf die Geschichte in ihrem Kern, vor allem aber auf das Denken. Und da haben sowohl die Zuschauer an diesem Abend einiges zu verarbeiten wie auch die Schauspieler, die im Spiel sehr genau mit dem Text umgehen, ebenso in ihrer reduzierten Körpersprache beredt, aber nicht "geschwätzig" sind. Kein Wort, kein Gedanke, keine Bewegung geht da verloren, und selbst der Chor der korinthischen Frauen (Bettina Hoppe) hat bei Thalheimer nur eine Stimme - eine nachdenkliche, gewichtige.

Allein schon der abschätzende Blick von Jason (Marc Oliver Schulze) in die Menge, wenn er sein Tun rechtfertigt, spricht mehr als jedes Wort. Denn dieser Mann stellt sich und sein Handeln gar nicht erst in Frage, wähnt sich stark in seinem Machtbestreben, dem er alles unterordnet. Da wundert es auch nicht, dass er die Versöhnungsgeste von Medea tatsächlich akzeptiert - er empfindet sich einfach als unwiderstehlich. Und die Zuschauer reagieren erkennbar auf diese vertraute Haltung.

Der Inszenierung liegt übrigens die 1981 in Düsseldorf erstmals auf der Bühne verwendete Übertragung aus dem Griechischen von Peter Krumme vor, und das macht Sinn und Verstand in einer Symbiose mit der schnörkellosen Erzählweise all jener, die an dieser Thalheimer-Inszenierung beteiligt sind, so auch Nehle Balkhausen (Kostüme) oder Johan Delaere (Licht). Wie bei vielen Arbeiten des Regisseurs stammt auch hier die Bühne von Olaf Altmann (ein guter alter Bekannter in Dresden), und es ist unglaublich, wie Altmann immer wieder den Kerngedanken eines Stückes trifft, seine Bauten so zwingend macht, dass sie unverzichtbar sind.

Welch verblüffender Wandel, wenn der komplette Bühnenaufbau schließlich so weit nach vorn "gefahren" wird, bis er in grauer Präsenz das Proszenium vollkommen ausfüllt. Und die zunächst in der Ferne agierende Medea uns nun auf dem schmalen Grat in ihrem Schmerz, ihrer zweifelnden Entschlossenheit ganz nah gekommen ist. Quasi auf Augenhöhe erleben wir den Tod der Kinder in ihrer Schilderung, spüren den verheerenden Zwiespalt, ihre denkwürdige Genugtuung beim Bericht des verstörten Boten (Viktor Tremmel). Und Constanze Becker ist in jeder Nuance dieser Rolle glaubwürdig, überzeugt auf Distanz ebenso wie in der Nähe, ist eine zeitlose, rätselhafte, hin- und hergerissene, im Innern brodelnde Medea. Das Publikum hat sie deutlich mit besonderem Beifall in die Arme genommen.

Trotz der Ungeheuerlichkeit des Geschehens verlässt man aber das Theater nach dieser Aufführung nicht bis in Mark und Bein erschüttert; den Zuschauern war beim Verlassen des Saals nicht unbedingt anzumerken, welch grauselige Geschichte ihnen da gerade aufgetischt wurde. Doch nachdenklich wirken sie schon. Und eine Besucherin meinte anerkennend beim Hinausgehen: "Die Griechen haben es schon damals gewusst".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.02.2013

Gabriele Gorgas

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