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Auf verlorenem Posten: Die Unterwasseroper geht baden

Auf verlorenem Posten: Die Unterwasseroper geht baden

"Auf dem Wasser zu singen" ist ein bekanntes Lied von Franz Schubert, gleichen Titels, nicht so bekannt, eine Etüde für Klavier, von Franz Liszt.

Der Berliner Sängerin Claudia Herr reicht es nicht, auf dem Wasser zu singen, sie will unter Wasser singen. Die schwimmende Künstlerin experimentiert seit etlichen Jahren im nassen Element und brachte ihre Unterwasseroper "AquaAria_PALAOA" letztes Jahr im Berliner Stadtbad Neukölln zur Uraufführung.

Inspiriert durch authentische Aufnahmen in den Tiefen der Antarktis, Gesängen der Robben und Wale, produzierte Monika Rinck ein Libretto, dessen gestelzte Lyrismen ziemlich peinlich raspeln, etwa wenn junge Robben singen: "Kommt! Helft! Raspelt! Robbt!" Auf der Suche nach einer Antwort darauf, ob sich "die junge Menschheit wieder im Alter der Welt" finden wird, meditieren eine jüngere und eine ältere Frau (Elizabeth Neiman und Claudia Herr), vornehmlich über Wasser, über "kalte Seelen", "Schmetterlinge aus Eis", "frostige Schwingen" oder "gutes Gelingen". Eine Art Gegenspieler ist ein Schwertwal namens Schwermut, "Här Här Här" oder "Bleich, bleich, bleich. Es bleibt sich gleich" warnt Anders Kamp die wassersüchtigen Damen, die im Ertrinken und Versinken wohl so etwas wie höchste Lust empfinden mögen.

Dazu hat Susanne Stelzenbach etwas für Chor, zwei Frauenstimmen, ein Schlagzeug unter Wasser, ein hinter den Zuschauern agierendes Trio mit Cello, Trompete und Tuba komponiert, die originalen Tondokumente werden collagenartig eingefügt, die Natur spielt auch mit, die Technik leider nicht - oder nur bedingt. Und letztlich ist das, was rudimentär oder gar nicht zu vernehmen ist, bei einem als Welturaufführung angekündigten Projekt - werbewirksam zum Elbehochwasser vor zehn Jahren in Beziehung gesetzt, obwohl es in seiner Ursprungsidee überhaupt nichts damit zu tun hat - eine Abfolge peinlicher Pannen.

Was in einem Berliner Jugendstilbad funktionieren mag oder in der heimischen Badewanne, lässt sich eben nicht so einfach auf die Dimensionen einer offenen Naturszene an beiden Ufern der Elbe unterhalb der Saloppe übertragen. Zumal auch die optischen Übertragungen auf eine Leinwand mitunter mehr als zufällig wirken, kaum Stringenz in der Bildregie, Fehlanzeige bei der Tonregie, die live agierenden Musiker sitzen zwar auf dem Trockenen, aber akustisch auf verlorenem Posten. Wenn es mal wieder klappt mit dem Ton und man nicht nur einen Stummfilm mit blubbernder, plätschernder Untermalung wahrnimmt, ist der Notruf einer Sängerin zu vernehmen: "Es grämt mich, es schmerzt". Steht aber so tatsächlich im Text, nicht mal ein originelles Improvisationsmoment.

Nach der Pause ein erlösender und einzig störungsfrei funktionierender Eventbeitrag mit Feuer und Trommlern an Ölfässern, der aber nun ganz und gar nichts mit dem Stück zu tun hat. Und die groß angekündigte Unterwasseroper? Claudia Herr taucht wirklich für einige Minuten ab und lässt sich dabei filmen. Zu vernehmen sind Vokalisen unter Wasser samt blubbernden Blasen. Wieder aufgetaucht, deklamiert die nasse Sängerin: "Je tiefer ich sinke, je süßer ich trinke". Und ihre ältere Kollegin "taut" dem Wasser ihres Lebens entgegen, wie das unter Wasser klingen mag, bleibt uns erspart.

Das Libretto kann man im Programmheft der Neuköllner Uraufführung nachlesen, für ein Dresdner Heft hat es nicht gereicht, leider nicht mal für einen Abendzettel.

Die unbewältigte technische Realisierung des ehrgeizigen Projektes war das ärgste, aber nicht das einzige Problem des Abends im Rahmen des 20. Dresdner Kunstfestivals ORNÖ. Für Regisseur Holger Müller-Brandes war es sicher keine leichte Aufgabe, das feuchte Kammerspiel aus Berlin in äußerst knapper Zeit in die Dresdner Dimensionen an der Elbe zu übertragen. Was jedoch auf der Leinwand in Nahaufnahmen zu sehen war, zeugte nicht gerade von angemessenen Fähigkeiten, etwa im Hinblick auf seine sehr vagen choreografischen Organisationen des Chores und der Darsteller. Riesen- aufwand für eine Frau und ih- ren Traum vom Gesang unter Wasser. Sie hat ihn sich erfüllt. Claudia Herr hat in der Elbe gesungen. Der Fluss fließt weiter. Ein illuminierter Dampfer zieht vorbei. Freundlicher Applaus. Dresdner sind höflich.

Boris Michael Gruhl

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.08.2012

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