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Auf nach Süden mit Bouzuki - Andreas Zöllner, Gitarrist beim Blauen Einhorn, ist mal losgewandert

Auf nach Süden mit Bouzuki - Andreas Zöllner, Gitarrist beim Blauen Einhorn, ist mal losgewandert

Schlicht, entschlossen ist der Aufbruch, wie im Grimmschen Märchen. Nach mehr als 20 Jahren Familienleben verlässt Andreas Zöllner an einem Frühlingsmorgen im März 2014 das selbst gebaute Haus in Liegau-Augustusbad mit einem Rucksack, darin nur das Allernötigste: Schlafsack, Wechselsachen, Blasenpflaster, Tagebuch und die Bouzuki, eine griechische Laute mit langem Hals.

Geld und EC-Karte lässt er daheim. Er tritt aus dem Gartentor, geht nach rechts zur Elbe und weiter Richtung Süden, ohne Ziel. Geld fürs Essen will er mit Straßenmusik verdienen. Ein billiges Nachtlager wird sich finden. Da ist er 51, 23 Jahre Gitarrist des Blauen Einhorn, einer bekannten Dresdner Folkband, die sich Ende 2013 aufgelöst hat, auf seinen Anstoß hin. "Ich hatte den Drang, ganz neue Dinge zu tun, die parallel mit dem Einhorn nicht möglich gewesen wären", erzählt er. "Unvernünftig war es in jedem Fall. Die Gruppe war intakt, wir hatten Ideen und hätten noch ein paar Jahre weitermachen können."

Für Andreas Zöllner soll damit seine zweite Lebenshälfte beginnen. Mit 24 hat er geheiratet. Tochter und Sohn sind aus dem Haus, haben selber Kinder. Seine Frau hat sich für ein Jahr in einen Yoga-Ashram zurückgezogen. "Jetzt ist das Alter, meinen Beruf so umzugestalten, dass ich ihn bis ins hohe Alter gern mache. Ein radikaler Bruch. Es war wie eine Erfrischungskur", resümiert er. "Eine raue allerdings." Ein halbes Jahr soll die dauern, ist aber nach einem Vierteljahr abrupt zu Ende. Etwa 2500 Kilometer ist sie lang, von denen er rund 1500 zu Fuß zurücklegt. Durch die Tschechische Republik, Bayern, Österreich, meist an der Donau entlang durch Ungarn, Serbien bis Bulgarien. Er übernachtet auf Bahnhöfen, in Obdachlosenasylen, Klöstern oder unter freiem Himmel. Manchmal spricht er jemanden an, bittet um ein schlichtes Schlafplätzchen in der Wohnung - oft vergebens. Zu groß ist heute das Misstrauen. Eine der vielen Erfahrungen, die er auf seiner Reise sammelt. Eine andere: dass sich tiefgründigere Gespräche unterwegs kaum ergeben. In Großstädten wie Prag klappt es noch recht und schlecht mit Straßenmusik, auf dem Land kaum, in Südosteuropa gar nicht. In Budapest gibt er die Bouzuki ab, lässt sich von seiner Frau Geld schicken. Täglich fünf Euro für Essen gesteht er sich zu. In Wien hat ihm jemand ein kleines Zelt geschenkt. "Von da an lief es mit dem Nachtlager entkrampfter. Manchmal ergibt sich was dann, wenn man aufgibt, es selbst schaffen zu wollen." Auch eine Erkenntnis.

Er lernt die Angst kennen. In einem Wald, wo er übernachten will, springt vor ihm eine Gestalt ins Gebüsch. Da zieht er lieber weiter. Seltsame Typen trifft er. Im österreichischen Krems etwa rafft ein Betrunkener das Geld aus Andreas Zöllners Hut, flüchtet, kehrt um, lädt ihn in eine Kneipe ein, erzählt ihm vom Verlust seines Bauernhofes, schiebt ihm dabei Euro für Euro zurück über den Tisch. Bis Bulgarien kommt er. Im Alten Gebirge, auf dem "Europäischen Wanderweg" ist Schluss. Wegweiser fehlen, auch die auf der Karte eingezeichnete Berghütte. Andreas Zöllner packt der Zorn, er schreit - und findet sich dabei gleichzeitig so komisch, dass er losprusten muss. In konsequenter Kleinschreibung notiert er in sein Tagebuch: "in diesem augenblick habe ich den taoistischen zustand erreicht, bin gleichzeitig hundert prozent wut und hundert prozent lachen." Er reist mit Zug und per Autostop zurück.

Viel hat er gelernt, über ein Stück Welt, das Leben als Ahnungsloser auf der Straße, über fremde Menschen, über Geld und Besitz, über sich selbst. Dass es ihm zum Beispiel unmöglich ist, konsequent ziellos zu wandern. Wie man gehen und sich zugleich dabei erholen kann, wie die russischen Pilger, innerlich betend. Und dass man so seine Arbeit gestalten müsste: als Anstrengung, die einen nicht in Erschöpfung stürzt.

All das hat er notiert und jetzt als Buch veröffentlicht. In Vorträgen mit Musik berichtet er. Das nächste Mal am Sonnabend in der evangelischen Bethlehemkirche. Jetzt fühle er sich jünger als zuvor. "Ich habe mich wieder in einen Anfänger verwandelt. Obwohl ich von dem Rückenwind lebe, den mir das Blaue Einhorn gegeben hat. Ich bin ein Pioniertyp, fühle mich lebendiger, wenn ich was Neues auf die Beine stellen kann." Auch wenn erst mal alles offen ist. Eins weiß er zumindest: "Musiker will ich bleiben."

Andreas Zöllner: Hans im Glück oder Die Erlaufung des Südens. Im Eigenverlag. 216 S., 10,80 Euro. Reisebericht Sonnabend, 19.30 Uhr, Bethlehemkirche, Marienberger Str. 65.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.01.2015

Tomas Gärtner

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