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Auf Spurensuche nach Europa

Interview Auf Spurensuche nach Europa

Beate Heine kommt für ein Jahr als Chefdramaturgin von Hamburg nach Dresden – mit einem spannenden Spielplan und viel Neugier im Gepäck

Christian Clauß gibt sich als Naukaram die Kugel: Trojanows „Weltensammler“ fert am Sonntag seine Uraufführung – der Autor schwänzt dafür sogar das Olympiaende.

Quelle: Krafft Angerer

Dresden. Beate Heine kennt viele wichtige Theater von innen wie außen sowie aus verschiedenen Betrachtungswinkeln: als Theaterwissenschaftlerin, Kritikerin, Dramaturgin und Autorin. Nun hat sie als Chefdramaturgin für die schwierige hiesige Interimsspielzeit zwischen zwei „echten” Intendanten einen maßgeblichen Anteil an der Spielplangestaltung und Personalauswahl und ist für ein reichliches Jahr elbaufwärts gen Dresden übergesiedelt. Über den heißen Spielzeitstart mit fünf Premieren an den zehn kommenden Abenden, der dank der Renovierung im Schauspielhaus neben dem Kleinen Haus auch an verschiedenen anderen Orten in der Stadt erfolgt, sprach die Hamburgerin mit den Dresdner Neuesten Nachrichten.

Frau Heine, sie waren einst als Journalistin selbst Theaterkritikerin?

Beate Heine: Ja, ich habe in Berlin an der Freien Universität studiert: Theaterwissenschaft, Romanistik und Germanistik. Nebenher arbeitete ich als freie Journalistin für verschiedene Kulturredaktionen. Es war ja damals, Mitte der Neunziger auch eine gute Phase für die Branche mit vielen Neugründungen. Nach einem Volontariat bei den Kieler Nachrichten kam ich wieder nach Berlin und habe dort weiter als Kulturkorrespondentin für Kiel und für den Tagesspiegel, Die Welt und die Berliner Zeitung geschrieben – auch viele Theaterkritiken.

Was war denn Ihr schlimmster Verriss und von wem haben Sie damals geschwelgt?

Der schlimmste Verriss? Das war eine Boulevardkomödie am Kurfürstendamm, an den Titel kann ich mich nicht mehr erinnern. Faszinierend zur der Zeit war für mich vor allem Frank Castorf und die Volksbühne – der mit alten Sehgewohnheiten brach. Ich erinnere mich da an meine erste große Kritik, an die „Rheinischen Rebellen“ von Arnolt Bronnen, das Ereignis schlechthin. Castorf nahm hier den deutschen Nationalismus brachial aufs Korn.

Und ab da hatte Sie das Theater wieder?

Das war eine aufregende Zeit – Matthias Lilienthal, der Chefdramaturg der Volksbühne, hat mich dann gefragt, ob ich bei ihm arbeiten möchte. An der Volksbühne unter Frank Castorf war ich ein Jahr, dann verließ Lilienthal die Volksbühne. Ich habe aber gemerkt, dass ich dabei bleiben will. Und habe nebenher weiter für Zeitungen und Theatermagazine geschrieben.

Hannover, Hamburg und nun Dresden sind als Ihre jüngsten und langwierigen Stationen bekannt – aber wo führte Sie Ihre Theaterwanderschaft zuvor überall hin?

Nach der Volksbühne war ich kurz in Bremen, wo ich auch Joachim Klement – die Welt ist klein– kennenlernte. Danach bin ich ans Maxim-Gorki-Theater in Berlin gegangen und war an Theatern in Paris. Thomas Ostermeier holte mich an die Berliner Schaubühne, von dort ging es ein paar Jahre später nach Hannover.

Also immer wilde Ost-West-Wechsel. Aber als Wilfried Schulz von Hannover nach Dresden wechselte, sind Sie lieber ans Thalia nach Hamburg gegangen?

Das hatte auf der einen Seite private Gründe, außerdem ist das meine Heimatstadt. Thalia-Intendant Joachim Lux, den ich auch schon seit Bremer Zeiten kenne, machte mir das Angebot, als Chefdramaturgin mit ihm zu arbeiten – das hat mich sehr gereizt. Die gute Verbindung zu Wilfried Schulz ist aber keineswegs abgerissen – ich war zu Premieren immer wieder in Dresden und bin mit ihm im Gespräch geblieben.

Dann haben Sie das zuschauerreichste Schauspielhaus Deutschlands verlassen – schon vor dem Dresdner Angebot?

Ja, nach sechs Jahren wollte ich noch einmal eine Veränderung, ich war mit anderen Häusern konkret im Gespräch. Doch dann kam das Angebot aus Dresden – von Jürgen Reitzler, den ich aus Hannover kenne. Da habe ich dann spontan zugesagt.

Was ist denn für eine Hamburgerin, die vom ersten Haus im Lande kommt, an einer Interimsspielzeit in Dresden so spannend?

Ganz ehrlich? Ein Profil für solch ein Theater in solch einer Stadt zu erstellen – da sagt man nicht nein. Das ist einfach eine Herausforderung, die man gerne annimmt.

Ich nehme an, Sie meinen das besonders politisierte Klima in der Stadt?

Natürlich. Und das Besondere daran: Wie macht man in der gebotenen Kürze einen Spielplan ein dreiviertel Jahr im Voraus – ohne zu wissen, was genau bis dahin alles passiert? Erinnern Sie sich einfach an die Zeit im Sommer und Herbst 2015 – da geschah so viel gleichzeitig, vieles schien möglich, aber wir planten ein oder anderthalb Jahre weiter.

So etwas bekommt man ja in Hamburg nicht geboten?

Hamburg ist da schon etwas anders. Genau das ist ja das Reizvolle: Dieselben Stücke geraten derzeit hier wie da in völlig verschiedene Kontexte und sind daher unterschiedlich in der Wirkung. Genau wie unser eigentliches Hauptthema: Europa – in all seinen Facetten.

Haben Sie bei der Auswahl Ihres Teams besondere Kriterien?

Also: kreativ, klug (lacht beim Fingerabzählen) … es muss einfach passen. Wir sind alle sehr unterschiedlich und ergänzen uns gut. Das ist – vor allem, wenn man so schnell wie hier arbeiten muss – wichtig und drückt sich auch in den vorhandenen und gepflegten Arbeitsbeziehungen zu Autoren und Regisseuren aus. Jeder bringt seine vorhandenen Arbeitsbeziehungen produktiv ein. Das spiegelt sich auch in den vielen Uraufführungen, die wir zeigen, wider.

Erstaunlich ist dabei die Premierenanzahl: 34 neue Inszenierungen, darunter 14 Uraufführungen bieten Sie mitsamt Bürgerbühne dem Publikum. Dabei hat Wilfried Schulz ja einiges hier gelassen…

Normalerweise hat ein Haus dieser Größe ungefähr 60 Inszenierungen im Repertoire. Viele Inszenierungen können nicht gespielt werden, weil einige der Schauspieler inzwischen in anderen Städten sind. So ein Spielplan ist ein komplexes Gebilde.

Gut. Reden wir über das Neue, also „Europa“ als Reise- wie Kernabendland. Was subsumieren Sie denn alles darunter – zum Start gar Außerirdische als Einwanderer?

Genau, jener Alf aus der Serie ist in dem Stück von Lisa Danulat ein Flüchtling. Und „Ralf – Die Abenteuer in 60 Minuten“ ist ein Text einer jungen Autorin, für die sich die Kollegen und ich schon länger interessiert haben. Hier landet der Fremde aus dem All jedoch nicht in einer amerikanischen, sondern in einer deutschen Familie. Diese stellt sich durch die Begegnung auf einmal selbst in Frage.

Am Sonntag folgt dann schon der „Weltensammler“ von Ilija Trojanow als zweite Uraufführung…

Wir müssen uns in der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation schon grundsätzlich fragen: Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? Auch als Recherche, um einige Ursachen zu begreifen. Und um festzustellen: Wo stehen wir? So kommen wir auch schnell zu Horváths „Zur schönen Aussicht“, unserer dritten Premiere, die durchaus als Folie dafür taugt, wie schnell aus Narzissmus und Empathielosigkeit Nationalismus erwachsen kann. Ödön von Horváth ist für mich ohnehin der Autor der Stunde.

Der „Weltensammler“ stellt uns alle vor die Frage: Wie begegnen wir dem Fremdem? Also wie können Menschen unterschiedlicher Herkunft aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen miteinander leben? Trojanows „Weltensammler“, jener Sir Richard Burton aus dem viktorianischen Zeitalter, der 29 Sprachen gelernt hat und die ganze Welt, Syrien, Indien und – verkleidet auch als erster Europäer – Mekka bereist hat, zeigt die eine extreme Seite – man kann ihn fast als „Weltenfresser“ bezeichnen, indem er sich anderen Kulturen anverwandelt. Sein Gegenpol in dieser Spielzeit ist Karl May, der die Geschichten in der Fremde nicht selbst erlebt, sondern erfindet. Also Realist versus Phantast.

Für letzteres, also die Uraufführung „Der Phantast oder Leben und Sterben des Dr. Karl May“, haben Sie den RTL-Winnetou-Filmregisseur Philipp Stölzl verpflichtet – kommt im Januar das Stück zum Film?

Philipp Stölzl ist ja darüber hinaus ein bekannter Opern- und Theaterregisseur. Er wollte nach dem aufwändigen Filmdreh nun die Geschichte des Menschen dahinter beleuchten: die des Phantasten und Hochstaplers, aber auch Kosmopoliten. Die hat ihn fasziniert.

Auch die vierte Premiere am Samstag nächster Woche ist eine Uraufführung mit Lokalbezügen: Peter Richters „89/90“ ist sicher eine echte Herausforderung?

Ja, da sind wir in der jüngsten Vergangenheit. Dieses Ereignis hat Europa verändert. Es ist – wie der „Weltensammler“ – kein dramatischer Text. Da sind die Theatermacher gefordert, eine Umsetzung auf der Bühne zu finden. Es sind beides Uraufführungen – und ist es üblich, die Theaterfassungen mit den Autoren abzustimmen. Das war in beiden Fällen sehr unkompliziert.

Nach dem heutigen Eröffnungsfest und „Zur schönen Aussicht“ am Donnerstag kommt im Oktober noch Lars von Triers „Europa“ im Palais im Großen Garten?

Das ist eine Fiktion, die ein düsteres Europa entwirft und in der es darum geht, wie es in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg hätte weitergehen können. Der Deutsch-Amerikaner Leopold, der beim Wiederaufbau helfen will, muss entdecken, dass die Nationalsozialisten noch immer im Untergrund wirken – die dunklen Mächte sind geblieben.

Von Andreas Herrmann

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