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Auf Augenhöhe mit dem Publikum

Festspielhaus Hellerau Auf Augenhöhe mit dem Publikum

Die Aufführung beginnt mit der „Verschiebung“ von Grenzen und Konstellationen im Raum. Das Publikum hat sich im nur schwach ausgeleuchteten Saal im Festspielhaus Hellerau quasi an alle Randpositionen zurückgezogen und am Boden Platz genommen.

Szene aus dem Abend von Lia Rodriguez
 

Quelle: Sammi Landweer

Dresden.  Die Aufführung beginnt mit der „Verschiebung“ von Grenzen und Konstellationen im Raum. Das Publikum hat sich im nur schwach ausgeleuchteten Saal im Festspielhaus Hellerau quasi an alle Randpositionen zurückgezogen und am Boden Platz genommen. Auch die von den Tänzern aufgeschüttete Markierungslinie aus Kaffee signalisiert, sie seien am rechten Ort. Doch schon wenig später werden die Besucher mit Gesten freundlich dazu eingeladen, weiter zur Mitte vorzurücken, die Linie quasi zu überqueren. Und das geschieht immer wieder, bis sie inmitten des Raumes sind.

Wenn die räumliche Trennung zwischen Darstellern und Zuschauern aufgehoben ist, begegnen sich auf Augenhöhe, und das Betrachten wie auch Betrachtetwerden hat sich deutlich verschoben. Da beäugt man sich nicht aus der Ferne, über Grenzen, sondern erlebt den anderen jeweils nah und unausweichlich. Eine Art des szenischen Aufeinandertreffens, mit der die brasilianische Choreografin Lia Rodriguez das Publikum in Hellerau beileibe nicht zum ersten Male konfrontiert. Sie forciert solche Irritationen, mischt die Karten immer wieder neu auf. In ihrem „Spiel“ ist nichts beliebig, nichts zufällig. Lia Rodriguez kennt die Menschen. Diese für manche ungewohnten Abläufe braucht es, wenn die Tänzerinnen und Tänzer, zunächst mit Kaffee, Mehl (später auch Farben und Gewürzen) in befremdliche Wesen verwandelt, immer mehr heranrücken. Wenn sie sich in ihrer erdig-verwandelten Blöße durch die Menge drängen. Da ist bald jede räumliche Distanz aufgehoben, wird es nahezu unmöglich, auf diese „Eindringlinge“ unbeteiligt, nur so von außen zu schauen. Und das mehr oder weniger bewegte Publikum reagiert sehr unterschiedlich. Einige sind erstaunt („Du kriegst die Tür nicht zu!“), manche kichern fortwährend, andere fühlen sich gegängelt oder ihr Ausblick ist verstellt. Letztlich aber, so scheint es, hat keinen diese Aufführung gänzlich kalt gelassen.

Dabei ist das Geschehen sehr verschieden zu interpretieren, hat jeder seine eigene Sicht darauf. Da kann man zum Beispiel an Totengeister denken, die mahnend bei den Lebenden erscheinen, an ein Austreiben böser Mächte oder erinnert sich auch an Beispiele schleichender Grenzverschiebungen, spürt das Ausmaß von Gruppendynamik und Ausgrenzungen. In ihrem Titel „For the sky not to fall“ bezieht sich die brasilianische Choreografin bei dieser Arbeit, die als Uraufführung in Koproduktion mit HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden entstanden ist, auf Worte des Schamanen Davi Kopenawa aus dem Volk der Yanomami: „Es gibt nur einen Himmel und wir müssen ihn beschützen. Erkrankt er, wird alles enden.“

Dass Lia Rodriguez immer wieder in unvergleichlicher Weise den Finger auf Wunden legt, sich selbst und den Tänzern alles abverlangt, weil sie Visionen und Überzeugungen hat, zeigt jede ihrer Arbeiten. Sie will Menschen zueinander bringen, macht dabei behutsam, aber dennoch mit großer Beharrlichkeit darauf aufmerksam, dass jeglicher mit dafür in der Verantwortung ist, dass „der Himmel nicht auf uns niederstürzt“. Ein Gleichnis, ein sehr beredtes. Weil es ja bekanntlich kein Glück gibt, das auf dem Unglück anderer beruht.

So ist es auch kein Zufall, dass sich die Choreografin mit dem Schamanen-Wort unmittelbar auch auf dieses bedrohte Ureinwohnervolk bezieht, in dem Mensch und Natur in einer Einheit gesehen werden, die keiner achtlos zerstören darf. Doch mit den neuen politischen Ereignissen in Brasilien ist auch deren zeitweiliger Schutz in der Form ethnischer Gleichstellung wieder in Frage gestellt. Und ebenso jegliche Freiheit und Förderung unabhängiger künstlerischer Arbeit in Brasilien. Da bekommt diese physisch erschöpfende Szene als Höhepunkt im neuen Stück der Choreografin einen Kontext, wie er aktueller nicht hätte sein können. Die Tänzer – nun mit freiem Raum inmitten der Zuschauer – suchen in der Gruppe immer wieder nach Orientierung, bewegen sich in rhythmisch aufbegehrender Weise auf das Publikum zu, verlieren kraftloser werdende Mitglieder der Formationen, nehmen sie wieder auf. Da ist jeder für sich, sind alle gemeinsam verzweifelt und entschlossen zugleich. „Wir tanzen, um am Leben zu bleiben, um in dieser Welt zu überleben, die auf dem Kopf steht.“ Das sind Worte von Lia Rodriguez.

Von Gabriele Gorgas

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