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"Asoziale Pottsau": Der Dresdner Comedian Olaf Schubert in der Saloppe

"Asoziale Pottsau": Der Dresdner Comedian Olaf Schubert in der Saloppe

Der Mann ist ein Phänomen. Das musste bereits neidlos anerkennen, wer am Freitagabend auch nur kurz in die proppevolle Saloppe blickte. Teile des Publikums hatten den Übertritt ins Pullunder-Fan-Universum offenbar schon längst vollzogen und dem Ziel ihrer Comedy-Anbetung Ausflüge als Werbefigur oder ins Öffentlich-Rechtliche verziehen.

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Wireless war irgendwie anders: Olaf Schubert beim Tätigsein.

Quelle: Dominik Brüggemann

In die Saloppe war Olaf Schubert mit seiner "Hörspiel-Gala" gekommen. Texte via Puppenspiel und der Meister live am Mikro im Wechsel. Eine Art "Kasperle-Woodstock", wie es Schubert selbst bezeichnete, das sich Richtung Derbheit steigern sollte ("jetzt wird's dirty"), ohne aber ins Zotenhafte abzugleiten, zumindest fast. Die Krönung an Interaktion unter den Handspielpuppen ist dann auch die Bezeichnung "asoziale Pottsau", gebraucht von einer Hotelangestellten gegenüber einem Gast, gedacht als Illustration des Servicestandortes Dresden. Da stellt sich die Frage, woher die immer neue Höhen erklimmenden Touristenzahlen für die Stadt wohl stammen. Vielleicht sind ja doch weniger Wiederholungstäter unter den Besuchern als gedacht. Wer mit Sätzen wie "Der Stuhl, auf dem Sie saßen, riecht immer noch!" von der Rezeptionsdame in die Niederungen seines Alltagslebens zurückgestoßen wird, der fährt nächstes Mal doch lieber mit dem Wohnmobil in den Wellness-Urlaub nach Weißrussland.

Eins gilt klar von Anbeginn des Abends: Schubert ist Schubert bleibt Schubert. Man bekommt den praktizierenden Kunsthandwerker des gesprochenen Schwurbels exakt so geliefert, wie man ihn erwartet hat.

Was Schubert ebenfalls hinbekommt, sind Ausflüge ins Politische. So bezeichnet er die devote Einstellung der handelnden Personen hierzulande gegenüber den USA und vor allem deren Abhörgewohnheiten äußerst treffend mit "Zäpfchenmentalität" - und dieses Personal vergleicht er mit dem "den Torso blank ziehenden" Wladimir P. aus M. an der M. (vormals D. an der E.). Natürlich folgen die Lacher prompt, als Schubert meint, mancher würde sich eine solche Geste auch von der Kanzlerin wünschen. Doch als das Lachen verebbt war, blieb im Kopf immer noch dieses (Phantom-)Bild Angelas. Grauslig. Da ist man dankbar dafür, dass die Beschreibung doch noch einmal zu Russlands Präsident zurückkehrt, der "Elefanten erwürgt, einhändig, und mit der anderen Hand Todesurteile unterschreibt". Wie gesagt, Schubert kann's auch politisch. Selbst wenn nach spätestens zwei Sätzen irgendwo eine Pointe zwischengeklöppelt werden muss.

Natürlich gibt es Szenen, die das teilweise tief im Schubert-Kanon wohnende Publikum schon bei Ankündigung begeistert begrüßt. So der Treff zweier Sachsen im Zug zwischen Manchester und Liverpool. Bei den Kosmopoliten aus Dippoldiswalde und Mohorn knarzt das Englisch in rostiger (ost-)deutscher Manier. Aber was kann schließlich Schubert dafür, dass ihm seine sächsischen Landsleute solche Steilvorlagen liefern? Dieses hier weit verbreitet verklumpte Verhältnis zu Fremdsprachen lässt ja auch das eigenartige Gemisch aus Knuffigkeit, Charme und tiefster Provinzialität entstehen, dem man sich tagtäglich ausgesetzt sieht. Wäre all das der Duft eines Deos, würde auf der Dose "Moschus und angejahrter Raucherteppich" stehen.

Dagegen zählt die Autoklau-Geschichte in Bretterverhau-Lyrik eindeutig zum Schwächeren, selbst wenn das Publikum johlt. Schlicht grandios ist aber Schuberts Interpretation eines Krankenzimmer-Schausbildes, von der "riemigen" Mutter Bärbel über den Arztschrank voller Barbiturate bis hin zur "Kindstauche" für unkontrolliert wachsende Knirpse. Das ist Kunstvermittlung zum Anfassen. Vielleicht sollte Schubert gelegentlich Themenführungen in den Alten und Neuen Meistern machen. Ein Aufruf, der hiermit ausdrücklich an die Staatlichen Kunstsammlungen geht.

Als gnadenloser Puppenspieler, Ansager, Conferencier und Inspizientenanschnauzer in Personalunion kommt Olaf Schubert jedenfalls Lichtjahre besser rüber als beim MDR. Aber da ist er nicht der erste.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.06.2014

Torsten Klaus

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