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Arne Retzlaffs Uraufführung von "Sehnsucht Kuba" als binationale Kooperation am Projekttheater

Fluch(t)ort Flughafen Arne Retzlaffs Uraufführung von "Sehnsucht Kuba" als binationale Kooperation am Projekttheater

Das Dresdner Projekttheater als Sehnsuchtsoase: Vier Tage lang beherrschte karibisches Flair das selbsternannte Kulturschutzgebiet im Herzen der Neustadt. Genauer gesagt: kubanisches, inklusive Lesenacht und Vortrag.

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Illustres Flughafen-Völkchen mit diversen Befindlichkeiten.

Quelle: Hagen König

Dresden. Das Dresdner Projekttheater als Sehnsuchtsoase: Vier Tage lang beherrschte karibisches Flair das selbsternannte Kulturschutzgebiet im Herzen der Neustadt. Genauer gesagt: kubanisches, inklusive Lesenacht und Vortrag über das Theater als Spiegel der Gesellschaft.

Vortragender war am Sonntagmorgern Freddys Núñez Estenoz, trotz relativer Jugend seines Zeichens Autor, Regisseur, Dozent der Kunsthochschule in Camagüey und Präsident eines kubanischen Theaterfestivals. Als Leiter des Teatro del Viento war er auch verantwortlich für den Höhepunkt, er schrieb den Text für die Uraufführung von "Sehnsucht Kuba", die am Freitag zur Uraufführung kam.

Dabei treffen sechs Leute am Frankfurter Flughafen aufeinander, um nach Havanna zu fliegen. Dienstlich, halbdienstlich, urlaubend oder auf Familienbesuch. Der Flug verzögert sich, die Zufallstruppe kommt sich näher und offenbart die Motive: Die prekär lebende Fotografin Silvia (Dörte Dreger), Tochter eines Pharmaziemagnaten, die per Magazinauftrag die "letzten Dinosaurier", also die kubanischen Proletarier in ihren Stadtrandvierteln, fotografieren soll. Sie ist ebenso noch auf der Suche nach dem Lebensinhalt wie der Architekturdoktorand Martin (René Geisler), der mit 33 in Liebesdingen noch ein absoluter Beginner ist und Rat von Bernhard aus Thüringen (Olaf Hörbe) will. Doch der, Ex-Maschinenbauingenieur und Bayern-Fan, hasst Kommunisten und hatte mit 65 auch nur eine Frau: Seine Maria (Julia Vincze), nicht nur von ihm enttäuschte Lehrerin, die den Urlaub unbedingt will. Sie wird bestärkt von der heißen Ingrid (Sophie Lüpfert), die als 49-jährige Singlelady aller halben Jahre nach Kuba fliegt, um sich vom herrlich gebauten Roberto (24) verwöhnen zu lassen. Nur Lena (Anna Tarkhanova) ist Kubanerin, seit neun Jahren in Deutschland und war seither nur einmal zu Hause.

Die Kooperation von Projekttheater, Landesbühnen Sachsen, der Dresdner Theatertruppe Meridian sowie dem Teatro del Viento Camagüey initiierte Arne Retzlaff, der nun als Regisseur drei Akteure mitbrachte und die drei anderen aus seiner Zeit als Schauspieldirektor an den Landesbühnen gut kennt. Er vertraut der Vorlage des kubanischen Kollegen, weil die Figuren durchaus mit interessanten Facetten ausgestattet sind, wobei der Kubaner "seinen" Deutschen die weicheren Klischees unterjubelt - und das härteste Schicksal seiner Landsmännin Lena belässt, die schon mal als Liebesdienerin in Garmisch-Partenkirchen aushilft und das Geld für den Flug von ihrem reifen Ex-Ehemann bekam.

Sie symbolisiert - als Seglerin übersetzt - jene junge Generation, die die Insel verlässt. Aber nicht aus politischen Motiven, sondern weil es alle tun: Aus ihrer Klasse sind noch zwei von 22 zu Hause, der Rest um die Welt verstreut. Sie segeln mit dem Wind genau dahin, wohin er sie weht. Aus Prinzip, aber ohne einen Hauch von politischem Widerstand, sondern um die Familie bestmöglich zu unterstützen. So wie hunderte Millionen junger Menschen weltweit - ausgestattet mit einer unbestimmten Sehnsucht nach Heimat, die aber nie in Rückkehr mündet.

Dieser große dramatische Monolog von Anna Tarkhanova bleibt als Ausbruch ebenso wie der herb-dramatische Ehestreit von Julia Vincze und Olaf Hörbe in Erinnerung. Ebenso überzeugend - wie schon als Tochter von Herodes bei "Salomé" als erster Kooperation zwischen Landesbühnen und Projekttheater an dieser Stelle - agiert Sophia Lüpfert mit ihrem energischen und genauen Zugriff. Ihr Recht auf Glück fordert sie emanzipiert ein - ergo Kuba statt Dubai.

Dörte Dregger und René Geisler, beide in Radebeul noch gut bekannt - so als fulminante Antigoné und ihr Hämon - lässt Retzlaff hingegen sehr schön als unausgeglichene Neuzeitnervis - und damit entgegen aller Erinnerung - agieren. Ausstatter Stefan Wiel tat nicht viel für dieses portable Stück: ein paar Stühle, ein paar Koffer, dahinter eine große Leinwand für stumme Videosequenzen und viele farbige Urlaubsdias.

Nach der ausverkauften Premiere am Freitag, der bis gestern noch zwei weitere Vorstellungen folgten, gab es eine ausgiebige Feier, bei der selbst das große Bierfass zur Neige ging. Nun geht diese Uraufführung auf Reisen: Ende Oktober zum 16. Internationalen Theaterfestival nach Havanna, mit anschließenden Gastspielen in Camagüey und Holguin im Osten der Insel. Dann nach Radebeul zum Theaterspektakel "Irrtümer II", wo es aus Publikumssicht dem Namen widerspricht, denn für Freunde des klassischen Theaters, die auf Story, Figuren und den Verzicht auf Firlefanz Wert legen, bietet es warme und herzliche siebzig Minuten reines Schauspiel.

nächste Vorstellungen beim Radebeuler Theaterspektakel am 13., 14., 15., 21. & 22.11.www.landesbuehnen-sachsen.de

Andreas Herrmann

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