Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
Google+
Arne Retzlaff inszeniert "Die Ratten" an den Landesbühnen als öffentlichen Gemütsreigen

Arne Retzlaff inszeniert "Die Ratten" an den Landesbühnen als öffentlichen Gemütsreigen

Per Fernsehpersiflage lädt die Radebeuler Neuauflage der Landesbühnen Sachsen zu Gerhart Hauptmanns "Die Ratten": Eine knallrote Studioarena mit Glitzervorhang wartet auf dramatische Auf- und Abtritte unter geflissentlich schmieriger Moderation von Quaquaro (Olaf Hörbe) - statt einer verwanzten Mietskaserne am Berliner Alex vor rund 130 Jahren.

Voriger Artikel
Dresdner Philharmoniker spielten Bach in der Frauenkirche
Nächster Artikel
Unheilig begeisterte Publikum im Alten Schlachthof

Verarmte Mütter im Streit um das "Kinneken" unter sich: Dörte Dregger als Dienstmädchen Pauline Piperkarcka und Julia Vincze als Jette John.

Quelle: Detlef Ulbrich

Doch schon hier absolute Kitschentwarnung: Die Grundgeschichte, als Tragikomödie 1911 am Berliner Lessingtheater uraufgeführt, bleibt dennoch gut beisammen (Dramaturgie: Uta Böhme-Girod) und wird gestrafft und durchaus in gebotener Schärfe bis zum bitteren Ende erzählt.

Das ungelegene, eigentlich todgeweihte Baby des polnischen Dienstmädchens Pauline, geboren auf dem Dachboden inmitten des Requisiten- und Liebeslagers vom arbeitssuchenden und -findenden Intendanten Harro Hassenreuter (Michael Heuser), wird zum Streitobjekt. Von der Mutter wird es der ungewollt kinderlosen Putzfrau Henriette John verkauft, die damit den Verlust ihres eigenen Sohnes zu kompensieren und ihren Mann, einen in Hamburg jobbenden kernigen Maurerpolier, zurückzuholen hofft. Die leibliche Mutter bereut kurze Zeit später den Deal, die soziale Mutter - vom kurzzeitig perfekten Familienglück geblendet - dreht ganz durch, ihr halbseidener Bruder Bruno (David Müller) erledigt das Problem, die nahende Gefahr der Aufklärung zerstört den Hausfrieden endgültig.

Garniert wird das Sozialdrama mit dreifachem Frühableben, in dem gesellschaftliche Kälte anhand von simplen Nachbarschaftsbeziehungen dargestellt und die Handlung ganz ohne Helden und Heilsbringer auskommt, von der nichtgeduldeten, aber beständigen Beziehung der Intendantentochter Walburga (Sandra Maria Huimann) mit dem schauspielerisch untalentierten Ex-Theologiestudenten Erich Spitta (Marc Schützenhofer) und dem Drama um Sidonie Knobbe (Anke Teickner), deren minderbemittelter Tochter Selma (Franziska Hoffmann) und deren sterbender Kleinstschwester.

Radebeuls Schauspieldirektor Arne Retzlaff belässt dem Text seine eigentümliche Dialektfärbung, die einerseits heute theaterfremd wirkt, andererseits aber sehr gut zum Sujet passt - proletarisches Deutsch, glasklar gesprochen. Die starke Darstellung der drei Hauptrollen und ihrer beiden Konflikte lässt die Verortung ins TV-Umfeld, deren Stringenz sich fernsehfernen Bildungsnahen nicht leicht erschließt, und die plakative Überzeichnung von drei Nebenfiguren schnell vergessen: Einerseits eskaliert die Krise innerhalb der Familie John: Matthias Henkel ist der kompromisslose Traummann mit klarem Weltbild und eindeutiger Vorstellung vom richtigem Leben in einer falschen Welt. Seine Stärke und sein stetes Moralhandeln zerstören Eheleben samt Frau, die für ihn alles riskiert und nichts gewinnt - in ihrer Einsamkeit und Sehnsucht herrlich gespielt von Julia Vincze. Am stärksten wirken jene Kurzauftritte von Pauline Piperkarcka in Form von Dörte Dreger nach, auch wenn sie noch vor der Pause verschwinden muss: stark in ihrer gebrochenen Sprache mit schlesischem Einschlag und äußerst beweglich - zwischen Zerrissen- und Entschlossenheit wechselnd - kämpft sie um ihr verkauftes Kind.

Der jener Rahmenstory entlehnte Verzicht auf szenische Darstellung der drei verschiedenen Hausetagen und die Verlagerung auf eine schräg nach vorn abfallende, halbrunde Spielfläche mit Gästesofa ganz vorn funktioniert ebenso wie die Kostüme von Ausstatterin Grit Dora von Zeschau wirken. Sie schaffen den hundertjährigen Spagat schlicht und bequem.

Retzlaffs Inszenierung - durchaus auch als tragikomische Ode an die dreifache Liaison der Hauptmann-Brüder mit den Thiemann-Schwestern aus dem Radebeuler Hohenhaus zu verstehen - reist nun Anfang Mai als durchaus spannender Beitrag der Landesbühnen Sachsen zum sächsischen Theatertreffen, welches sich am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz und Zittau dem 150-jährigen Altmeister widmet. Interessant dabei: Die Schauspielensembles im Großraum Dresden (und weiter östlich) spendieren echte Hauptmänner, die anderen Bühnen Sachsens huldigen dem sozialen Drama als Oberthema lieber mit Büchner (Chemnitz), Fallada (Annaberg), Hesse (Plauen), Knut Hamsun (Centraltheater) oder gar Eliam Kraiem (Freiberg).

Das Staatsschauspiel Dresden liefert hingegen "Einsame Menschen", Zittau die "Winterballade" und Bautzen spendiert zum Abschluss seine eigene "Ratten"-Version in Regie von Michael Funke, die zwei Tage vorher Premiere feiert. Auch das Dresdner Theater Junge Generation lässt seine jugendfrische "tjg.akademie" Hauptmann ehren und reist mit einem Naturalismusprojekt gen Südostzipfel.

Allein schon die vier bislang bekannten Produktionen zeigen die bleibende Text- und Stoffqualität des reisefreudigen, manchmal etwas sperrigen Schlesiers, der ab 2016 seine große Renaissance erleben wird. Vier Jahre zuvor nun die starke, unprätentiöse Botschaft aus Radebeul - nicht nur in die Plattenbausiedlungen am Rande: Schaut Euch genau um, die verzweifelten Paulinen und Jetten sind überall und unter uns.

Nächste Vorstellungen: 28. April, 5. und 24. Mai in Radebeul sowie 7. Mai am GHT Zittau.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2012

Elmar Mann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr