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Arne Retzlaff, Schauspieldirektor an den Landesbühnen, nimmt sich nach zwölf Jahren eine Auszeit - in Kuba

Arne Retzlaff, Schauspieldirektor an den Landesbühnen, nimmt sich nach zwölf Jahren eine Auszeit - in Kuba

Es war kein besonderer Schocker, aber doch eine nicht alltägliche Stückwahl, mit der Arne Retzlaff sein letztes Zeichen als Schauspieldirektor der Landesbühnen Sachsen setzte.

Mit Bertolt Brechts Bühnenerstling "Baal" zog er noch einmal alle Register seiner Inszenierungskunst. In der phantasie- und lustvoll bebilderten, aber nicht schockierend zugespitzten Aufführung brilliert ein auch dank seiner kontinuierlichen Arbeit bestens eingespieltes, versiertes Ensemble mit stilisierten und dabei doch treffend empfundenen Milieustudien, die den historischen Gegebenheiten angemessen und zugleich ganz auf der Höhe unserer Zeit sind. Dazu mit René Geisler ein kurzfristig eingesprungener Protagonist, der die unverhoffte Chance beim Schopfe packen kann als der hochbegabte Einzelgänger, der sich verrennt, mit seinen besonderen Talenten an der eigenen rücksichtslosen Lebensgier scheitert, aber dabei doch zu wichtigen, allgemein gültigen Einsichten kommt.

Ein Stück, das einst wie eine Bombe einschlug, wird zu einem "annehmbaren" Angebot, nicht zuletzt zum Nachlesen. Theater in einem nicht einfachen Umfeld als Kunst des Möglichen, mit kritischen Ansätzen, ohne in Unverbindlichkeit zu verfallen - ein Anspruch, dem sich Retzlaff immer stellte, wenngleich er in einem resümierenden Gespräch gesteht, dass er in den fast zwölf Jahren in Radebeul das eine oder andere Thema hätte politischer, zupackender angehen können.

Begonnen hatte er seine Theaterlaufbahn als Schauspieler, war bis 1985 Mitglied des Dresdner Studios und ging dann für drei Jahre ans Deutsch-Sorbische Volkstheater nach Bautzen, wo man ihm bereits erste Regieaufgaben übertrug. Es folgten einige Jahre als Regieassistent am Staatsschauspiel Dresden, wo er insbesondere von der Zusammenarbeit mit Horst Schönemann profitieren konnte. Seither hat der 1960 im brandenburgischen Heckelberg geborene und in Freital aufgewachsene Regisseur nicht zuletzt in verantwortlicher Position an der Geschichte der Dresdner Theaterlandschaft mitgeschrieben.

Gemeinsam mit seinem Regie-Kollegen Gerald Gluth machte er als Oberspielleiter (1991 bis 1996) das Theater Junge Generation zur interessantesten Bühne der Stadt für junge Menschen bis ins frühe Erwachsenenalter. Dann zog es ihn für einige Jahre nach Westsachsen und zu einem längeren Studienaufenthalt nach Kuba, bevor er 2001 als Schauspieldirektor der Landesbühnen Sachsen antrat, in einer schwierigen Situation, nachdem diese sich im Konflikt von dem äußerst engagierten Andreas Knaup getrennt hatten und Jost-Ingolf Kittel kommissarisch eingesprungen war. Empfohlen hatte sich Retzlaff mit Inszenierungen von Arthur Millers "Scherben" und - in der Ausweichspielstätte Megadrom - Shakespeares "Was ihr wollt".

Das war aber nun gerade nicht das angesagte Motto, sondern Fingerspitzengefühl, Gespür für die Situation waren gefragt, wie er es bei der fordernd typgerechten Besetzung der Komödie bewiesen hatte: In angespannten Situationen, unter immer neuen Sparzwängen waren das künstlerische Niveau hochzuhalten und der Ensemblegeist, zugleich war das Publikum zufriedenzustellen, ohne es zu unterfordern. "Es gab Spielzeiten, die wurden einzig nach den Kosten geplant", sagt Retzlaff unverblümt, "da durfte einfach nichts schiefgehen, und die Publikumsrenner mussten sich auch als solche erweisen." Vor allem von daher rührt wohl das zeitweise Übergewicht von Komödien und Boulevard in der Vita des Regisseurs, denn Zugstücke wie "Amadeus" konnte man nicht der Experimentierfreude eines mit den Verhältnissen weniger vertrauten Gastes überlassen.

Dann doch lieber, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, ein Stück wie Georg Kaisers "Gas I", das in der Inszenierung von Axel Richter "immerhin neun oder zehn Aufführungen erlebte, im Unterschied zu einem ,Othello' mit einer sehr heutigen Konzeption, bei dem der Intendant nach fünf Vorstellungen die Notbremse zog", wie sich der Schauspielchef erinnert. "Aber trotz der geringen Freiräume konnten wir doch auch schöne Projekte machen wie 2004 das zur Antike mit ,Medea' und die ,Umbrüche' 2009" - mit Heiner Müllers ,Umsiedlerin'", für die Retzlaff eine weit über die konkre- te historische Situation hinausblickende Deutung fand. In den letzten Jahren seiner Radebeuler Zeit, auf deren Dauer er sich noch mit dem langjährigen früheren Intendanten Christian Schmidt geeinigt hatte, brachte er noch die Ur-Klassiker "Nathan" und "Faust" auf die Bühne, allerdings zu einer Zeit, als der wieder enorm gewachsenen Anziehungskraft des Dresdner Staatsschauspiels schwer etwas entgegenzusetzen war.

Retzlaff mag das Wort Provinz nicht, weil es meist im abschätzigen Sinn gebraucht wird, aber er weiß sehr wohl, dass die Einstellung zum Theater außerhalb der Großstädte doch eine andere ist, selbst wenn heute auch an kleineren Bühnen hoch professionell gearbeitet wird. "Unser Publikum hier ist älter, und es ist sehr schwer, jüngere Leute zu gewinnen, wenn man nicht gerade Musicals spielt oder ,Theatersport' anbietet", weiß er. Wenn er seine Stärke darin sieht, dass er gut mit Bildern arbeiten kann und mit der Vielschichtigkeit von Texten, wenn er beklagt, dass heute mehr über Konzeptionen geredet wird als über darstellerische Leistungen, dann wirkt das vielleicht schon etwas konservativ. Mit dem Begriff vom postdramatischen Theater jedenfalls kann er wenig anfangen. "Das wirkt auf mich meist wie Praktikum im vierten Studienjahr, und überhaupt halte ich nicht viel von Theater, das in erster Linie für die Theaterleute gemacht scheint", gesteht er. "Da werden oft 80 Prozent gestrichen und der Rest nur aufgebläht, alles auf einen einzigen Aspekt konzentriert, statt die Zusammenhänge durchschaubar zu machen". Allerdings findet auch er, dass man bei "Schiller mit seinen wundervollen Plots" gut und gern "ein paar Äste rausnehmen kann", zumal die betonte Religiosität, um ihn heute so recht zur Wirkung zu bringen.

Und um noch einmal auf Brecht zu kommen: Hier stört ihn besonders, wie der Autor mit Etiketten versehen und in Schubladen gesteckt wird, wie verkrampft - aufgrund der unterschiedlichen Rezeption in den beiden deutschen Staaten - der Umgang mit ihm ist. Er selber schätzt neben dem der Zeit vorausgeeilten Scharfblick vor allem auch die tiefe Menschlichkeit, das Poetische - und weniger die didaktischen Stücke.

Wenn der Regisseur nun eine langjährig bewährte Bindung aufgibt, eine Auszeit nehmen und sich noch einmal neuen Horizonten zuwenden will, hat das unmittelbar weniger mit den jüngsten Umbrüchen an den Landesbühnen Sachsen zu tun. Er weiß sehr wohl "die seit dem Umbau ganz ordentliche Infrastruktur und gute Kapazität des Ensembles" zu schätzen, empfindet Radebeul und die Nähe zu Dresden als sehr lebenswert. Doch er ist mit einer kubanischen Malerin und Kunsthistorikerin verheiratet, und der mittlerweile achtjährige Sohn soll nun auch den anderen Teil seiner kulturellen Herkunft kennenlernen. Wenn er sich gut einlebt, will die Familie, die sich in Manzanillo im Südosten der Insel ein Haus mit Meerblick gekauft hat, demnächst für ein ganzes Jahr auf Kuba leben. In einem Land, das von vielen eher kritisch gesehen wird, dem Retzlaff aber doch eine Art von Stabilität, "eine gewisse Ruhe, einen gewissen Frieden" bescheinigt. "In Sachen Bildung, Lebenserwartung, Kindersterblichkeit gibt es immer noch gute Zahlen, und solange sie selbstbestimmt bleiben, habe ich keine Angst. Man darf die Zustände nicht mit denen in Deutschland oder der Schweiz vergleichen, sondern muss es tun mit Ländern der Region. Das ist natürlich keine Demokratie in unserem Sinne, aber man macht es sich in der Beurteilung oft viel zu leicht. So wie etwa bei Hugo Chavez, der in Südamerika eine ganz überragende Persönlichkeit darstellte, hier aber einfach als Linkspopulist abgestempelt wird." Dass die Kunst in dem multikulturell geprägten Land vielerlei Anregungen bietet, hat Retzlaff schon erfahren und kann mit Begeisterung davon berichten, wie sich etwa aus einer einfachen Tanzdarbietung ein faszinierendes Ereignis entwickelt, das am Ende einen ganzen Saal geradezu in Trance versetzt.

Auch wenn so etwas wohl nicht sein Stil werden wird: Für Anregungen aus dem wirklichen Leben ist er nicht nur offen, sondern vielleicht jetzt geradezu hungrig darauf, denn er sieht das Theater wie die Gesellschaft im Umbruch und möchte sich schon bald wieder in die Diskussion einbringen, dabei auf jeden Fall "politischer werden, egal bei welchem Genre", sich noch mehr auf die soziale Komponente konzentrieren. Die erste bereits abgemachte Gelegenheit wird Friedrich Dürrenmatts sarkastische Banker-Komödie "Frank der Fünfte" sein, mit der er sich in der übernächsten Spielzeit als freier Regisseur an den Landesbühnen zurückmelden will.

Letzte Aufführung des "Baal" in dieser Spielzeit am heute in Radebeul

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2013

Tomas Petzold

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