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Armin Petras inszeniert Brecht – Am Sonnabend ist Premiere im Dresdner Schauspielhaus

Armin Petras inszeniert Brecht – Am Sonnabend ist Premiere im Dresdner Schauspielhaus

Seinen Inszenierungen wird oft eine gewisse Atemlosigkeit nachgesagt – er selbst sitzt völlig entspannt in einer Probenpause und gibt Auskunft zu seiner Arbeit.

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leArmin Petras inszeniert "Das Leben des Galilei" am Dresdner Schauspilehaus.

Quelle: dpa

Dass er gerade einen Marathon absolviert hat, um „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht für die Premiere am Sonnabend am Staatsschauspiel Dresden sowie als Koproduktion für das Maxim-Gorki-Theater Berlin vorzubereiten, sieht man ihm nicht an. Ohnehin steht Armin Petras derzeit in einem großen Spagat – noch Gorki-Intendant in Berlin, wird er im Sommer ans Schauspiel der Staatstheater Stuttgart wechseln. Vorher steuert er aber noch die Uraufführung eines eigenen Stücks in den Abschiedsreigen des am Schauspiel Leipzig scheidenden Intendanten Sebastian Hartmann bei. Michael Ernst sprach mit ihm.

Frage: Brecht in Dresden und in Berlin – ist das Ihr Abschied vom Osten?

Armin Petras: Ja, sowohl thematisch mit Brecht als auch von diesen beiden Häusern, denen ich ja seit Jahren verbunden bin. Das ist für mich eine schöne und zugleich etwas wehmütige Angelegenheit. Aber ich hoffe natürlich, es ist kein Abschied für immer.

„Galilei“ ist die dritte Kooperation von Dresdner Staatsschauspiel und Maxim-Gorki-Theater. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Das sind ganz tolle Erfahrungen. Zwar werden die Anstrengungen, die an einem Theater nie so ganz ohne sind, erst einmal vergrößert. Reisestrapazen, das Kennenlernen der beiden Ensembles, gleichzeitig ist so ein paritätischer Probenprozess aber auch sehr befruchtend und anregend. Der Erkenntnisdrang wird bei einer solchen Produktion natürlich viel größer. Damit wären wir schon mitten im Thema des Stückes – die Neugier.

Bleiben wir erst einmal noch bei Ihnen: Wie neugierig sind Sie auf Stuttgart, Ihr künftiges Haus? Wird es da ebenfalls Kooperationen geben?

Das wird die Zeit bringen. Ich finde erst einmal richtig, dass es einen Schnitt gibt. Aber natürlich bleibe ich Dresden und überhaupt dem Osten sehr verbunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für immer vorbei ist.

Was haben Sie denn empfunden, als Sie gehört haben, dass die Leipziger Intendanz frei wird?

Dass Leipzig auch eine sehr schöne Stadt ist, sonst nichts. Ich bin kein Mensch, der irgendwelchen verpassten Gelegenheiten nachtrauert. Das ist in meinem Charakter nicht drin.

Wird denn auch Fritz Kater mit nach Stuttgart gehen, Ihr Autoren-Pseudonym als Stückeschreiber?

Ich hoffe! Es gibt sogar schon ein neues Stück, das in einer Leseprobe präsentiert worden ist, und ich hoffe, dass ich es inszenieren werde. Da geht es um Science Fiction, der Titel ist „5 Morgen“. Also fünf verschiedene Morgen.

Sie sind als Autor ebenso wie als Regisseur und Intendant ein gesellschaftlich denkendes und engagiertes Wesen...

Das wird mir vorgeworfen, ja. So ist es und ich kann’s nicht ändern. Mich interessiert Gesellschaft. Aber ich finde, dass Botho Strauß ein absolutes Recht hat, in seinen Texten Wassertropfen zu beschreiben und sich überhaupt nicht mit Gesellschaft zu beschäftigen. Vielleicht ist das heute auch die richtigere Variante? Aber ich kann nicht anders, als mich mit Gesellschaft zu beschäftigen.

Ist es da zwangsläufig, dass Sie sich mit Brecht befassen?

Für mich ist das sehr ambivalent, weil ich Brecht extrem schätze als Theoretiker, besonders mit seiner Theatertheorie. Da finde ich ihn großartig bis heute. Anders geht es mir mit seiner Dramatik und mit deren Energie. Wie da scheinbar die Welt durcherklärt wird, das ist so – zumindest in Teilen – heute wohl nicht mehr gültig.

Trotzdem inszenieren Sie „Galilei“. Interessiert Sie da mehr Brechts Herangehen oder der historische Forscher?

Ich finde diesen konkreten Fall enorm spannend. Was ist Galileo Galilei für ein Mensch, wie hat der sich in seiner Zeit verhalten, wo ordnet der sich neben Michelangelo oder Da Vinci ein? Diese radikale Trennung in Wissenschaftler und Privatmensch mit völlig verschiedenen Seiten, das ist auch heute sehr spannend.

Als Wissenschaftler ist er ein Genie, aber privat lehnt er jegliche soziale Verantwortung vollkommen ab. Auch in unserer Gesellschaft ist das ja in vielen Bereichen geradezu eine Bedingung, sonst könnte man kaum arbeiten. Ein Banker oder Konzernchef, der tagsüber 5000 Leute entlässt und abends seine Tochter auf den Schoß nimmt – der muss seine Arbeit doch total ausblenden.

Das dürfte bei Militärs nicht anders sein. Wie ist das beim Künstler, der sich in seinem Schaffen doch mit menschlichen Abgründen befasst?

Ein spannender Gedanke. Das ist schon interessant, wie diese spezifische Radikalität geradezu gefordert wird. Als ob man sonst nicht als Künstler gilt. Denken Sie an Maria Callas, Marlene Dietrich oder Rainer Werner Fassbinder, die wurden ja auch durch die extreme Radikalisierung ihrer Lebensweise anerkannt.

Bei „Galilei“ denkt man sofort an Inquisition und die unheilvolle Rolle der Kirche.

Das gehört bei diesem Text selbstverständlich dazu. Interessant ist, dass diese scheinbare Klarheit – hier die Fortschrittlichen und da die Klerikalen, die Rückschrittlichen – bei Brecht aber gar nicht so drinsteht. Man muss das sehr genau lesen, dann erkennt man, dass die Mönche zum Beispiel von tiefstem Humanismus durchdrungen sind. Da steht der Mensch viel mehr im Mittelpunkt der Welt. Als ob sich die Ideen plötzlich umdrehen! Wenn ich an meine puritanisch-kommunistische Erziehung denke, sehe ich, dass dieses Schwarz-Weiß, das Brecht immer angehängt wird, überhaupt nicht im Text steht. Heiner Müller meinte sehr treffend, der Text sei oft klüger als der Autor. Das spürt man auch hier. Was ich damit sagen will: Zweifel auf allen Seiten sind durchaus angebracht.

Also kein Bekenntnis für ein Zurück zu klerikaler Reglementierung?

Ich will gar kein Bekenntnis abgeben. Ich bin immer dafür, dass ich Sachen untersuche und sie auch mal umdrehe. Den Menschen die Rückseiten der Steine zeigen, was da für Moos dran ist, wie die Flechten aussehen. Wenn das interessant genug ist, sollten die Zuschauer animiert sein, selber nachzudenken, was das für sie bedeutet.

Ist das Ihr Credo vom Theater als moralischer Anstalt?

Das würde ich umdrehen. Ein bekannter Physiker hat mal die Frage, ob er an einen Gott glaube, so beantwortet: „Ich glaube, dass dieser Arbeitsplatz noch eine Weile erhalten bleibt.“ Und ich hoffe, dass der Arbeitsplatz des Theaters als moralische Anstalt noch eine Weile bleibt. Man muss das immer wieder neu erarbeiten. Dieser Spagat ist mir wichtig – was interessiert die Leute und mit welchen Verfahren kann ich sie in diese Diskussion einbeziehen?

Mit „atemlos“ machenden Mitteln?

Die Geschichte des Galilei ist in der Tat atemlos. Es ist die Biografie eines Mannes, der rudert, der forscht, der lügt und betrügt, der aber auch liebt – ein ruheloser Mensch. Und als Mensch kann ich ihn verstehen.

Spielt es für Sie eine Rolle, dass Ihr „Galilei“ Teil der Jubiläumsspielzeit ist?

Nur insofern, dass ich die Aufregung hier spüre. Solche Feste sollte man auch feiern, es ist völlig rechtens, dass sich das Theater mit einem tollen Spielplan selber würdigt. Allein die Arbeit bleibt die gleiche, ob 100 oder 199.

Anschließend werden Sie noch einmal in Leipzig tätig sein?

Dem Haus bin ich ja lange verbunden und werde ganz kurzfristig zur Abschiedsserie von Sebastian Hartmann eine eigene Bearbeitung des „Ion“ von Euripides beisteuern. Das habe ich schon seit längerem in der Schublade, ein ganz großartiges Material. Euripides beschreibt eine Art Rassismusgeschichte, in der ein junger Mann von einem Gott gezeugt und von seiner Mutter ausgesetzt wird. Ohne um seine Eltern zu wissen, arbeitet er als Diener bei diesem Gott, während die reale Mutter und ihr neuer Mann sich erfolglos um Kinder bemühen. Eigentlich ein Krimi, ein Psychodrama. Ich habe zehn Tage Zeit zum Proben. Das wird also mehr eine Skizze, macht aber viel Spaß. Hoffentlich.

Michael Ernst

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