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Armin Mueller-Stahl war mit Band im Dresdner Schauspielhaus

Armin Mueller-Stahl war mit Band im Dresdner Schauspielhaus

Gerade bringt Christian Redl eine neue Platte heraus. Prahl, Liefers, Tukur singen, Dominique Horwitz ist mal Jacques Brel, mal Robert Mitchum. Dagmar Manzel macht es richtig gut, Katja Riemann sollte es besser lassen, Lars Rudolph liebt das schräge Experiment, Robert Stadlober den erdigen Rock, Julia Hummer versuchte lange Zeit, mit der Musik glücklicher zu werden als mit dem Spiel vor der Kamera.

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Armin Mueller-Stahl bei seinem Auftritt im Dresdner Schauspielhaus, hinten Bassist Tom Götze.

Quelle: Dietrich Flechtner

Und doch ist das, was Armin Mueller-Stahl 2010 als 80-Jährigen zur ersten Platte brachte, etwas sehr Eigenes. Die alten Lieder waren es, in den 1970ern getextet und ab und an aufgeführt, um "ein bisschen aus dem Theater zu flüchten", wie er sagt. Um Momenten das Poetische abzuringen, Abschiede zu verarbeiten, skurrile und ernste Metaphern zu finden für das, was ihn bewegte und bedrückte. Diese Lieder gab es also. Erst Ehefrau Gabriele aber sorgte dafür, dass sich ihr Mann derer noch einmal annahm. "Ja, die Gaby war schuld", weiß Günther Fischer. Er hatte schon damals Melodien für einige Texte komponiert, mit Klavier und Saxophon arrangiert und sie Jahrzehnte später der Altersstimme des Interpreten angepasst. Man kann sich schwarzweiße TV-Aufnahmen besorgen, die die beiden einst bei der Arbeit zeigen. Heute ist das Wilde dem Milden gewichen, aus Weitsicht wurde Nachsicht.

Armin Mueller-Stahl war mit seiner Band - neben Fischer gehören weiterhin Tobias Morgenstern am Akkordeon sowie Tom Götze an Standbass und Tuba dazu - zum zweiten Mal im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus. Was ist passiert seit 2011? Er hat doch noch mal, was eigentlich nie seine Absicht war, seine Geburtsstadt besucht, die Tilsit hieß und Sowjetsk heißt. Er hat ein Orchester dirigiert und damit bekräftigt, dass "-wenn ich noch mal von vorne beginnen könnte, die Musik an erster Stelle käme, an zweiter die Malerei und dann die Schauspielerei". Auch "Es gibt Tage..." als Programm hat die Zeitlosigkeit des Materials noch einmal in die Verlängerung geschickt. Mueller-Stahl muss und wird nicht nachlegen. Behutsam verschieben diese vier Künstler miteinander nur Nuancen. Sie, die so wunderbar zusammen passen, weil sie auf sich hören können, sich zusehen dabei, lächeln oder in sich hineinkriechen, ohne Druck, sich überraschen zu müssen. "Man kann auch mal hinterm Klassenziel bleiben", meint Günther Fischer, der auch schon 70 wird. Stehen und sitzen da in ihren schwarzen Anzügen und Hüten, die - der Dresdner Götze sei höflich ausgenommen - das Silber lichter werdender Haare bedecken. Auch dafür hat Armin Mueller-Stahl Worte: "Nun ja, der Mensch wird alt und mangelhaft, die Locke wird hinweggerafft. Kiekt, da qualmt mein Feuer zum Himmel hin, da oben die verbeulte Wolke, da steck ick mit drin". Dieses melancholische, zartbittere "Abschiedsfeuer", geschrieben vor seiner DDR-Ausreise, hat kaum Patina angesetzt. Ebenso wenig wie Texte, die Mueller-Stahl, der Schauspieler, rezitiert, während er den eher passiven Sänger in ihm galant in die Ecke schickt. Texte, in denen schon mal das Eingeweckte der Mutter im Krieg ein Leben rettet, in denen François Villons rotes Frauenhaar den Mohn ersetzt, Hüte neue Köpfe suchen, blaue Kühe sich selbst wegtrinken, salzlose Tränen von vergangener Liebe künden. Zeilen auch über große Nasen, Ohren und Münder, die Mueller-Stahls verbale Zuordnung zur Stasi noch immer nicht nötig haben.

Mit "Bin schon Gaukler 50 Jahr" begann er, seine Gedichte musikalisch begleiten zu lassen. Längst sind 60 Jahre daraus geworden. Er genießt es, sich jetzt in einer festen Band zu betten. Wenn Armin Mueller-Stahl in den Geigenkoffer greift, weiß er, dass die tatsächliche Reihenfolge der Berufswahl seinem Spiel auf dem geliebten Instrument keine Virtuosität verleihen konnte, ebenso wenig wie dem Gesang. Der Gelassenheit bekommt das gut.

Berührend ist die Reminiszenz an die zwei Flöten aus Jim Jarmuschs "Night On Earth", als mit Taxifahrer Helmut Grokenberger eine von diesen so vielen ost- und westdeutschen sowie internationalen Filmfiguren aufersteht, die das Publikum automatisch mit ihm verbindet, sei es Buddenbrock, Detjen, Thomas Mann oder Vater Helfgott aus "Shine". Filme marmorieren den Abend auch durch zurückhaltende Instrumentals aus der Feder Günther Fischers, dem "Hautnah"-Tango, einem "Nightkill"-Thema, dem unvermeidlichen "Solo Sunny"-Sax. Hier ist es Armin Mueller-Stahl, der lächelt. Wissend. Nicht gehärtet.

"Es gibt Tage, da bin ich so unversöhnt. Da hätt ich mir am liebsten die Menschen abgewöhnt." Kein Tag wie dieser war der Donnerstag.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.03.2014

Andreas Körner

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