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Archiv der Kulturen - Dresden zeigt Völkerkunde im 21. Jahrhundert

Archiv der Kulturen - Dresden zeigt Völkerkunde im 21. Jahrhundert

Wer ins Depot des Dresdner Völkerkundemuseums gelangt, erlebt eine Weltreise auf engstem Raum. In klimatisierten Räumen, Rollschränken, Kisten und Vitrinen lagern hier ethnografische Schätze aus allen Ecken der Welt.

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Quelle: dpa

Die Araukaner Chiles sind genauso präsent wie Inuit aus dem hohen Norden, Maori aus Neuseeland, Mansen und Jakuten aus Sibirien, Ainu aus Japan oder Somali und Zulu aus Afrika, und selbst aus dem spanischen Baskenland und von den Samen Lapplands gibt es Sammlungen. „Wir sind ein Archiv der Kulturen“, sagt die Ethnologin Petra Martin. Sie ist Expertin für Indonesien und kennt die dortige Inselwelt wie ihre Handtasche.

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Petra Martin (l) und Silvia Dolz im Großformate- Depot der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in Dresden an einem Arbeitstisch

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Das Archiv wirkt penibel aufgeräumt, keine Spur von Rumpelkammer. Die Depots enthalten Gegenstände aus allen Lebensbereichen, die bei unseren Vorfahren und vielerorts auch heute noch eine Rolle spielen. Da gibt es Schmuck, Schamanengewänder, kostbare Stoffe, Kleidung aus Fischhaut, Teppiche, Keramik und religiöse Kultgegenstände, Streitäxte, Samurai-Schwerter und japanische Säbellanzen, aber auch Zeugnisse friedlichen Lebens wie Ritualmasken, Musikinstrumente oder Schattenspiel-Figuren. Wer weiß denn heute noch, was ein Dechsel ist? Das Querbeil der Inuit gelangte 1605 in den Vorläufer des Völkerkundemuseum - die Kurfürstliche Kunstkammer.

Damit unterscheidet sich Dresden - 1875 als drittes Museum dieser Art in Deutschland gegründet - von den meisten Kulturarchiven der Welt. Denn das Sammelfieber sächsischer Herrscher brachte schon früh Raritäten an die Elbe. Damals ging es darum, mit exotischen Exponaten zu glänzen und Neugier zu befriedigen. So kamen bereits 1590 die ersten Kunstwerke eines anderen Kontinents nach Dresden - filigran geschnitzte Elfenbeinlöffel von der westafrikanischen Küste. Kurfürst Christian I. erwarb sie auf der Leipziger Messe. Erst im 19. Jahrhundert hatten Forschungsreisen einen wissenschaftlichen Anspruch. Alexander von Humboldt (1769-1859) gilt als Paradebeispiel.

Er leistete wesentliche Grundlagen für die moderne Völkerkunde - ein Begriff, den die Dresdner Ethnologin Silvia Dolz gar nicht so mag. „Er hat irgendwie einen kolonialen Touch.“ Denn das Verständnis vom Fach und die Aufgaben hätten sich im Laufe der Zeit gewaltig verändert. Die 52 Jahre alte Forscherin sitzt in ihrem Zimmer in einem modernen Gebäude am Rande Dresdens, und sofort wird klar, in welcher Welt sie wissenschaftlich unterwegs ist. An den Wänden hängen Plakate von der „Benin“-Kollektion, dem Herzstück der Afrika-Sammlung, oder aber von Burkina Faso. Die Dresdnerin hat das westafrikanische Land erst im Frühjahr bereist, nun bereitet sie Vorträge darüber vor.

Silvia Dolz weiß, dass die Einheimischen mit ihren kulturellen Traditionen Kasse machen wollen - und hat Verständnis dafür. Bei einer Reise ins Dogonland von Mali 2010 sollte sie als Zuschauerin für einen Maskentanz 100 US-Dollar zahlen. Sie hat verzichtet und später bei den Bwaba und Bobo in Burkina Faso doch noch authentische Rituale erlebt. „Es gibt heute kaum noch weiße Flecken - nur Dinge, mit denen sich noch keiner beschäftigt hat.“ In einer globalisierten Welt würden Völkerkundemuseen immer mehr zum Dienstleister. „Wir schicken unser Wissen in die Welt“, sagt die Kustodin der Afrika-Sammlung und verweist auf Anfragen ausländischer Kollegen.

Petra Martin und Silvia Dolz haben die Zeit nicht vergessen, als Ethnografie in erster Linie ein theoretisches Fach war. Beide haben in der DDR studiert. Doch mit Forschung in der Fremde war nicht viel los. Nur selten durften DDR-Ethnologen an die Schauplätze ihres Interesses reisen. Vielleicht hat das den Blick besonders geschärft - gut ausgebildet waren die Kollegen aus dem Osten allemal. Martin sind erst nach der Wende Anfragen in die Hände gefallen, die sie im Laufe der Jahre aus dem Westen erhielt. Ihr Chef hatte sie diskret zurückgehalten. Jahre später hat sie die Briefe beantwortet, viele Kontakte geknüpft und sogar Freunde gewonnen.

Martin (52) hat später bei ihren Reisen in die entlegensten Winkel des indonesischen Archipels viel Respekt für ihr Wissen gespürt. „Auf den Talaud-Inseln war ich die Attraktion im Ältestenrat.“ Stammesvertreter hätten sich gewundert, wie gut die Fremde über Leben, Rituale oder Dinge des Alltages Bescheid wusste. „Viele haben geglaubt, die westliche Kultur wäre ihrer eigenen überlegen.“ Aber inzwischen gebe es so etwas wie eine Rückbesinnung. Die Dresdner haben den Dayak - der indigenen Bevölkerung auf der Insel Borneo - inzwischen Vorlagen für alte Webmuster geliefert. Eine Kooperative von 250 Weberinnen verdient damit den Lebensunterhalt vieler Dayaks.

„Man bemüht sich um die Revitalisierung von Traditionen“, erzählt die Kustodin für Südostasien. Textilien mit den alten Mustern würden auch von Einheimischen getragen und seien nicht nur für Touristen bestimmt. Martin muss es wissen, sie kommt dorthin, wo sonst kaum ein Tourist sein Haupt bettet. Dabei bleibt viel dem eigenen Engagement überlassen. Die Reisen der Dresdner Ethnologen werden zum größten Teil aus eigener Tasche bezahlt, meist reicht der Zuschuss gerade für die Flugkosten. Schon im Vorfeld versuchen die Völkerkundler, Kontakt mit einheimischen Kollegen aufzunehmen. Was für Humboldt mit langen Korrespondenzen verbunden war, lässt sich heute oft per Mail regeln.

Die oft beschwerlichen und auch nicht ungefährlichen Reisen dienen vor allem dazu, den kulturhistorischen Kontext der eigenen Exponate besser verstehen zu lernen, beispielsweise die Symbolsprache von Textilien und deren Wandel, die Herstellung und Verwendung von Holzskulpturen im religiösem Ritus oder die Bedeutung einer Maske bei Totenfeiern. Die Dresdner richten den Fokus dabei vor allem auf außereuropäische Kunst - eine weitere Besonderheit des Dresdner Museums. „Das ist zwar ein kontrovers diskutiertes Thema, aber auch ein möglicher Türöffner zum Verständnis fremder Kulturen - und das auf Augenhöhe mit der westlichen Kunst“, betont Dolz.

Petra Martin öffnet die Tür zu einem ganz besonderen Depot - es enthält die große Objekte, die in keinen Schrank passen. Dazu zählen viele Boote der früheren Bewohner Ozeaniens, aber auch die legendären Palau-Balken. Der Neffe von Baumeister Gottfried Semper, der Naturforscher Carl Gottfried Semper, war 1861 auf den Palau-Inseln gestrandet und brachte die beschnitzten und bemalten Balken aus einem Männerhaus später nach Dresden. Auch für den „Brücke“-Maler Ernst Ludwig Kirchner wurden die Balken zu einer Inspirationsquelle. Heute gehören sie zu den Objekten, die Petra Martin auf keinen Fall herausrückt, wenn andere Sammlungen anfragen.

Momentan ist sie mit einer Bitte aus den Philippinen beschäftigt. Der Gouverneur der Provinz Ilocos Sur fragte nach historischen Fotos für ein Buchprojekt an. Das Bildarchiv in Dresden umfasst rund 70 000 Fotos, darunter fast 400 von den Philippinen. „Die Anfragen von Museen aus aller Welt nehmen zu“, berichtet auch Afrikanistin Dolz. Doch das Dresdner Museum ist in den letzten Jahren personell arg geschrumpft. Als die drei sächsischen Völkerkunde-Sammlungen in Leipzig, Dresden und Herrnhut 2004 zu den Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen (SES) fusionierten, war ein Stellenabbau die Folge. In Dresden gibt es nur noch drei volle Forscherstellen.

Dabei wäre so viel aus dem weltumfassenden Fundus herauszuholen. Dresden besitzt außer den Fotos rund 100 000 Exponate. Doch nur ganz wenige sind in Wechselausstellungen zu sehen. Nur 1000 Quadratmeter Fläche haben die Völkerkundler zur Präsentation im Japanischen Palais Platz. „Wir wären in der Lage, das ganze Haus zu bespielen“, sagt Martin. Das Palais ist seit der Wende nur notdürftig gesichert, die Zukunft des Hauses steht in den Sternen. Dabei belegte die Völkerkunde zu DDR-Zeiten in der Beliebtheitsskala der Dresdner mehrfach den 1. Rang: Wer nicht reisen konnte, musste sein Fernweh hier befriedigen.

Während in Dresden der Kampf um jeden Quadratmeter geführt wird, sind die Völkerkundler in Sachsens von einem anderen Ungemach bisher weitgehend verschont: Restitutionsansprüchen. Die Exponate wurden damals auf Forschungsreisen gesammelt. Auch Diplomaten, Missionare, Geschäftsleute und Abenteurer brachten Objekte mit. Nicht immer sind die Umstände des Erwerbs völlig klar. Silvia Dolz glaubt aber, dass nur ein Bruchteil der Sammlung nicht redlich erworben wurde. „Es hat in der Vergangenheit einige Rückforderungen gegeben, die sich jedoch als Privatinteressen vor dem Hintergrund des Kunstmarktes erwiesen“, berichtet SES-Direktor und Amerika-Spezialist Claus Deimel.

Anders könnte der Fall bei Teilen der Anthropologischen Sammlung liegen, zu der Schädel und verzierte Knochen gehören. Zusammen mit dem Deutschen Museumsbund versuche man derzeit, Richtlinien für die berechtigten Rückforderungen von Familien und Stämmen der First Nations aufzustellen“ Deimel plädiert auf Transparenz. „Ein modernes Völkerkundemuseum thematisiert die Kolonialzeit und den Hegemonialanspruch der westlichen Politik, ihrer Geschichtsschreibung und Begriffe gegenüber indigenen Völkern. Es zeigt Parallelen der Kunstentwicklung in allen Kulturen, benutzt nicht Begriffe wie „Hochkultur“ und „primitive Kunst“.“

Silvia Dolz geht davon aus, dass immer mehr Museen offen mit der Provenienz umgehen. Tatsächlich wurden für die Völkerkunde auch Exponate unter fragwürdigen Umständen erworben. In den Kolonien befand sich der Stärkere im Recht. Dennoch macht für Fachleute eine Rückführung wenig Sinn. Nicht nur, weil sie dort auf dubiosen Kanälen sofort wieder in den privaten Kunstmarkt gelangen könnten. „Es fehlt einfach an geeigneter Unterbringung und Technik, um die Exponate sicher und konservatorisch gut aufzubewahren und auszustellen“, sagt Dolz. „Die Experten dort wollen nicht die Stücke zurück, sondern das Wissen darum“, pflichtet Petra Martin bei.

Das ist in Sachsen reichlich vorhanden. Nach den Ethnologischen Museum Berlin sind die Ethnografischen Sammlungen Sachsen, die seit 2010 zu den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehören, mit 350 000 Objekten die zweitgrößte von bundesweit 31 völkerkundlichen Sammlungen. Die Dresdner Kollektionen Ozeanien, Südamerika, Afrika und Südostasien besitzen internationales Gewicht. Auch die Orient- Sammlung bietet einen seltenen Schatz: Das Damaskuszimmer - 200 Jahre alte reich verzierte Holzvertäfelungen aus eine Damaszener Wohnhaus - wird derzeit restauriert und soll im kommenden Jahr endlich in einer eigenen Ausstellung im Japanischen Palais neu inszeniert werden.

Jörg Schurig, dpa

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