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Archäologe, Reformer, Netzwerker Ausstellung "Blicke in die Vorzeit" im Japanischen Palais erinnert an Karl Benjamin Preusker

Archäologe, Reformer, Netzwerker Ausstellung "Blicke in die Vorzeit" im Japanischen Palais erinnert an Karl Benjamin Preusker

Nicht mit uns! Nicht hier in (Großen-)Hain! "Viel Undank und Widerspruch" erntete Karl Benjamin Preusker (1786-1871), als er anno 1838 die Gründung eines Frauenvereins "zur Errichtung einer Kinderbewahranstalt" in seiner Heimatstadt anregte.

Festgehalten hat er seinen letztlich erfolgreichen Kampf in seinen Erinnerungen. Und Jahre später wurde er dann aufgrund seiner doch unbestreitbaren zahlreichen Verdienste um die Stadt Hain, wie Großenhain einst hieß, zum Ehrenbürger ernannt.

1842 war Preusker Mitglied von mehr als 40 gelehrten und gewerblichen Vereinen, und es wurden im Laufe der Jahre noch ein paar mehr. Trotzdem ist der Name Preuskers, der am 22. September 1786 in Löbau geboren wurde, auf deren Stadtschule er "unzweckmäßigen Unterricht" bekam, in Vergessenheit geraten. Auch in Sachsen, das anlässlich des 225. Geburtstages und 140. Todestages des großen Archäologen, Bildungsreformers und Chronisten ein Jubiläumsjahr ausrief, um den Kenntnisstand über Preusker im Land aufzufrischen.

1841/44 veröffentlichte Preusker, der in 21 Geschichts- und Altertumsvereinen nicht nur Karteileiche war, sein Hauptwerk "Blicke in die vaterländische Vorzeit", die den "gebildeten Lesern aller Stände" geistreiche Unterhaltung und nützliche Belehrung bieten sollte. Die Ausstellung "Blicke in die Vorzeit" des Landesmuseums für Vorgeschichte erinnert nun an diesen Archäologen, Reformer, Freimaurer, Netzwerker, Soldaten, Familienvater... Grundlage ist nicht zuletzt Preuskers 22 Bände umfassende Autobiographie, laut Kurator Jens Schulze-Forster die (handschriftliche) "Quelle schlechthin", beinhaltet dieser "wunderbare Schatz" doch Briefe, Manuskripte, Zeugnisse. Preusker hat von Kindheit an alle seine Lebenszeugnisse gesammelt.

Die Einbindung der Biografie in den historischen Rahmen zeigt dem Besucher, dass Preuskers Lebenszeit durch fundamentale Umbrüche geprägt war. Er war Buchhändler, dann zwischen 1813 und 1824 Soldat, anschließend Rentbeamter am Finanzkollegium in Großenhain, wo er laut Schulze-Forster "die älteste deutsche Stadtbibliothek" gründete. Die revolutionären Unruhen des Vormärz oder auch die beginnende Industrialisierung sind einige der einschneidende Entwicklungen, deren Auswirkungen Preusker in seinem Amt wie im Privatleben sehr bewusst wahrnahm.

Die Altertumskunde bildet einen Schwerpunkt der höchst informativen Ausstellung. Sie war Preuskers "Lieblingswissenschaft" und in 1820er Jahren sein erstes großes Betätigungsfeld, so- zusagen sein Start-up als Wissenschaftler und Publizist. 150 Jahre nach der erstmaligen Präsentation ist seine wenigstens in Fachkreisen berühmte Sammlung vaterländischer Altertümer auszugsweise zu sehen. Der Rest immerhin (und zwar in chronologischer Reihenfolge des Eingangs in die Sammlung) auf Fotos, die in einem Raum die halbe Wand bedecken. Die 900 Objekte versetzen den Besucher in die Pionierphase der modernen Archäologie, die Preusker als Sammler, Ausgräber und Forscher wesentlich geprägt hat.

Ein "Netzwerkraum" dokumentiert den umfangreichen Briefwechsel Preuskers. Sage und schreibe 915 Personen wie König Johann von Sachsen sowie Institutionen wie der Sächsische statistische Verein oder die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaft sind darunter. Vom oberen Ende eines Briefstapels führen rote Schnüre in verschiedene Richtungen. Von ihnen baumeln Briefe, die man nachlesen kann. Sie helfen dem Ausstellungsbesucher, Preusker in der geistigen Welt des 19. Jahrhunderts zu verorten.

Im anderen Teil der Schau geht um die Altertumssammlung, die Preusker ab den 1820er-Jahren aufbaute. Ausgestellt ist etwa ein erheblicher Teil des Schatzfundes von Weißig (bei Diesbar-Seußlitz), der rund 300 Objekte umfasst und laut Schulze-Forster in keiner Ausstellung fehlt, die die sächsische Archäologie dokumentiert. Viele der Gegenstände sind vor 3000 Jahren vermutlich aus rituellen Gründen zerstört und den Göttern geopfert worden, darunter auch zehn Lanzenspitzen und mindestens fünf Schwerter.

Die elbgermanische Situla (Trichter- urne) "mit stark einziehendem Fuß", schwarz-glänzend poliert und mit geometrischer Strich-Punkt-Verzierung in einer anderen Vitrine im Saal, ist ebenfalls eine Rarität ersten Ranges, die näherer Betrachtung wert ist. Preusker, der laut Schulze-Forster schon als Schüler Urnen sammelte, "gelangen noch drei weitere Coups". So kaufte er - und zwar günstig - zwischen 1825 und 1828 erhebliche Teile der Funde aus der Römerzeit umfassenden Sammlung Emele aus Alzey.

Seine angehäuften Schätze übergab er später dem Königlichen Antiken- Kabinett, Grundstock der Bestände des heutigen Museums für Vor- und Frühgeschichte. In seinen Schriften formulier- te Preusker grundlegende Methoden und Ziele der modernen Archäologie bzw. Denkmalpflege, sein Credo lautete: "Nicht Aufschichtung von Urnen ohne Zweck und Ordnung ist das Ziel, sondern die sorgfältige Sammlung der Überreste, um ... wissenschaftliche Ergebnisse zu erlangen."

Ausstellung bis 18. März im Japanischen Palais. Die-So 10-18 Uhr

Begleitprogramm: z.B. Vortrag am Donnerstag, 19 Uhr: "Archäologie der alt- und mittelsteinzeitlichen Jäger- und Sammlerkulturen in Sachsen" (Ingo Kraft)

Lesung: 4.11., 19 Uhr: Jens Wonneberger "Heimatkunde Dresden"

geboren am 22.9.1786 in Löbau

1805: Beginn einer Ausbildung zum Buchhändler in Leipzig

1809-1811: Arbeit als Gehilfe des Pädagogen und Gelehrten Joachim Heinrich Campe in Braunschweig

1813-1815: Teilnahme an den Befreiungskriegen gegen die Franzosen

1822: Heirat mit Amalie Agnes Löwe

1824: Ehrenvolle Entlassung aus dem Militärdienst, danach Verpflichtung als "adjungierter Rentamtmann" beim Finanzkollegium. Das Amt lässt ihm viel Zeit für seine wissenschaftlichen Interessen.

1839 erscheint Heft 1 "Über öffentliche, Vereins- und Privatbibliotheken" - die Schrift wird in Preußen den Provinzialregierungen offiziell empfohlen.

1844: Wahl in den Vorstand der Großenhainer Gustav-Adolf-Stiftung

1853: Pensionierung im Alter von 58 Jahren mit einer Pension in Höhe von 5/6 des bisherigen Gehalts (719 Taler)

1854 erwirbt der Gelehrte den bronzezeitlichen Schatzfund von Weißig

1860 wird Preusker Ehrenbürger von Löbau

17. April 1871: Preusker stirbt in Großenhain

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.10.2011

Christian Ruf

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