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Arcade Fire reflektierten in der Jungen Garde Dresden die Begeisterung von mehr als 5000 bewegten Fans

Arcade Fire reflektierten in der Jungen Garde Dresden die Begeisterung von mehr als 5000 bewegten Fans

Ein verschwörerisches Flirren liegt in der lauen Sommerluft dieses Abends, es raschelt im Parkgebüsch, Schritte knirschen über schattige Wege, die meteorologische und geistige Bewölkung des Tages weicht einem lauten Herzklopfen, das im von den Erwartungen an dieses Konzert erzeugten Unterdruck keinerlei Hysterie gebiert.

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"Reflektor" heißt ihr jüngstes Album, und reflektierten Kreativrock boten Arcade Fire um Frontmann Win Butler auf nahezu unnachahmliche Weise.

Quelle: Dietrich Flechtner

Man stellt sich an, lauscht in einer wunderlichen Ruhe vor dem potentiellen Sturm letzten Gerüchten, freundschaftlichen Begrüßungen, geheimen Wünschen und prozessiert in luftiger Erleichterung: Ja, Arcade Fire sind wirklich in Dresden. Wo ist der Veranstalter? Man will ihm die Hand schütteln und irgend etwas Rühriges sagen, für das man sich später vielleicht schämt. Aber Schämen fällt an diesem Abend grundsätzlich aus, weil alles, was dafür Anlass geben könnte, plötzlich meilenweit entfernt scheint: die aufgeblasene Enge der Büroschreibtische, das Nazi-Gegröhle von der Ostra-Allee und die ganze Scheißmusik. Und schon ist man mittendrin im schönsten Widerspruch, den Arcade Fire grundsätzlich bieten: Trotz der musikalischen Fluchtbewegung vieler Songs liegt der Band nichts ferner als Eskapismus. Der Kern des entsprechenden inhaltlich-emotionalen Konstrukts könnte lauten: Sich dem permanenten Bewegtsein hingeben und es reflektieren statt davonzulaufen. Immer.

Dass also der eine oder andere schon vor dem ersten Ton weniger unsentimental, mehr gerührt entlang der Sitzreihen auf und ab wankt, macht schließlich das violinierte, feine Artpop-Patchwork von Owen Pallett im Vorprogramm nicht besser. Exzellente, melancholische, hüpfende Heiterkeit in selbsterzeugten und akkurat gestapelten Spur-Schleifen. Vielleicht hat es ja sonst niemand bemerkt, aber die Vögel des Parks lassen sich auf den noch unbesetzten Sitzreihen nieder und lauschen gebannt.

Alle anderen Besucher, seien es die mit den bunten Ballmasken und Hüten, die sich vorn langsam warmwackeln, oder die mit den besonderen Hosenträgern, die sich für diesen popmusikalischen Festakt ein besseres Hemd angezogen haben als ihr bestes fürs Büro, oder die, deren Springsteen- und Joy-Division-Platten seit ein paar Wochen im Regal festklemmen, oder die letzten Skeptiker, die gleich ein Erweckungserlebnis haben werden, kommen pünktlich 20.15 Uhr zu ihrer Gänsehaut.

Zu zwölft (!) erzeugen Arcade Fire in tumultartiger Erscheinung mit dem Titelsong ihres aktuellen Albums "Reflektor" einen waschechten Dammbruch. So schnell hat man den Kopf nicht nach vorn gedreht, wie der Maestro der bunten Truppe, der hagere Ex-Vorstadt-Texaner Win Butler, aufs Podest gesprungen ist und sich die discolastige Grandezza dieses stampfenden Openers pulsierend gen Himmel schraubt, reflektiert in unzähligen spiegelnden Flächen, blitzenden Instrumenten und freudig erregten Gesichtern im ausverkauften Rund. Auf der Bühne scheint jeder ohne Halt aus sich herauszufinden, es hüpft, trommelt und spektakelt, dass es eine Freude ist; vor der Bühne geschieht das mit individueller Verzögerung. Ungemein hilfreich beim Hemmungsabbau ist das gleich an dritter Stelle platzierte "Neighborhood #3 (Power Out)", ein wild klingelnder, schrammelnder, nahezu atemloser Indierock-Ritt. "Joan of Arc" und "Empty Rooms" halten diese köstliche Raserei für zwei weitere Nummern. Dann setzt sich Butler ans Piano und Arcade Fire widmen sich mit dem wunderschönen "The Suburbs" einem ihrer wiederkehrenden Motive: Adoleszenz in der Vorstadt und alles, was das nach sich zieht samt der juvenilen Gefühlswelt, die einem zu entrinnen droht.

Für nicht ganz zwei Stunden inszeniert das hochkreative Kollektiv in nahezu grenzenloser Musikalität und verspielter Multiinstrumentalität ein Wechselbad aus unpathetischer Melancholie und ausgelassener Euphorie mit einer Rezeptur, die das meisterhafte, immer hymnische Indiepop-Konzentrat der Band, das sich für kein Glockenspiel, kein Saxophon, keinen wilden Basslauf und keine Brechung zu schade ist, zum emotionalen Vollbad kürt. Darin tummeln sich unter anderem eine sonnigst aufgelegte Régine Chassagne bei bester Stimme, eine vielköpfige Percussion-Crew zwischen Bongo-Gewitter und Paukenschlag, ein "Reflektor Man" als wandelnde Discokugel, der plötzlich mitten im Publikum auftaucht, ein sich physisch völlig verausgabender kleiner Butler-Bruder, dazu: bunte Bänder, Publikumsgesang, ein falscher Bowie samt falscher Arcade Fire als illustrer Pausengast, und im übertragenen Sinne - jede Menge wehende Fahnen.

Zur Zugabe gerinnt der Americana-Stampfer "Normal Person" zur Hüpforgie. Normal ist nun niemand mehr. Wer bislang nicht wutgeheult hat, darf bei "Rebellion (Lies)" nochmal alle Tränen wegdrücken, bevor uns die Truppe aus Montreal zum befreiend zurückgelehnten "Here comes the night time" mit Konfettikanonen den Nachthimmel buntballert und sich über den großen Mitschmachter "Wake up" verabschiedet. Für die, die nicht gehen wollen, hält der DJ die Tanzfläche und etliche Bänke weit über die Zeit am Lodern.

Und was nimmt man nun von dieser musikalisch und emotional überbordenden Veranstaltung mit auf den Weg? Auf alle Fälle eine Hosentasche voll Konfetti und die Gewissheit, dass man wieder ein paar Meter weiterkommt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.06.2014

Niklas Sommer

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