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Arbeiten von Reinhard Springer und Brian Curling in der Kunstausstellung Kühl

Arbeiten von Reinhard Springer und Brian Curling in der Kunstausstellung Kühl

Anregungen findet der Dresdner Künstler Reinhard Springer in seiner vertrauten Umgebung, dem Geber- grund und überhaupt in der Landschaft um Goppeln.

Dieser historische Ort war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Zentrum Dresdner Freiluftmalerei unter Carl Bantzer, später dann zog es auch die Künstler der "Brücke" hierher. Erweitert wird der Landschaftsvorrat mit Motiven aus der Sächsischen Schweiz, immer wieder von der Küste und vom Meer. Nach 1990 erschlossen Reisen nach Skandinavien neue Motive. Dabei spürt Springer neu den Urkräften des Wassers, die die Landschaft formen, oder den wechselnden atmosphärischen Erscheinungen in den Wolkenballungen nach.

In allem aber sieht der Künstler "elementare Gleichnisse menschlicher Befindlichkeit", wie Diether Schmidt bereits 1990 feststellte. So ist die Genese der Gemälde in ihrer Vielschichtigkeit mit den übereinanderliegenden Farbschichten den suchenden Linien des Graphikers durchaus nahe. Springer dringt vor zu existentiellen Fragen einer menschlichen Befindlichkeit gerade auch in der Landschaft.

Das ist vor allem in den graphischen Blättern mit den Themengruppen der Behinderten und Ausgestoßenen seit den ausgehenden 1980er Jahren geschärft worden, als er sich mit den weithin kaum beachteten Motivgruppen menschlicher Existenz neue Themen erschloss und in eindrücklichen Radierungen und Aquatinta-Blättern graphisch umsetzte.

Die Landschaften sind für Springer ebenso Bilder des Wirkens und Vergehens, nicht nur in den jahreszeitlich unterschiedlichen farbigen Ausdrucksformen und im Spiel der atmosphärischen Kräfte. Denen stehen die sehnsuchtsvolle Räume ausstrahlenden Küstenlandschaften gegenüber. Zumeist mit tiefliegendem Horizont wird der Betrachter "in Augenhöhe" mit dem Meer gestellt und damit in das Bild einbezogen. Die Farbe entwickelt ihren Klang, der meist mit einem linearen graphischen Gerüst eine zweite Stimme erhält. Hier spürt man die Herkunft des Künstlers aus der Graphik.

Hervorzuheben sind zwei Architekturstücke, so das rot aus dem Gestrüpp leuchtende Bauernhaus oder die Darstellung des alten Zentrums von Dresden-Leubnitz mit den kleinen, sich um die Kirche herum duckenden Häusern. Nicht die exakte Topographie wird wichtig, sondern der verdichtete Eindruck mit seiner beinahe mittelalterlichen Enge klingt hier an. Gerade diese Arbeiten lassen an Springers frühe Bilder mit schrundigen verfallenden Häusern der Dresdner Neustadt der ausgehenden 1980er Jahre denken.

Auch auf die vier meisterhaften Aquatinta-Radierungen im Eingang sei verwiesen. Da kommt in der norwegischen Stabkirche deren konstruktives Prinzip als graphisches Gerüst zum Tragen. Die romanisch anmutende Rundkirche aus Dänemark besticht durch ihre romanische Blockhaftigkeit. Die Ruine der Kirche auf dem Oybin oder die Frauenkirchen-Ruine von 1996 lassen ihre eigene Schönheit im Verfall sprechen.

Brian Curling (geb. 1976 in Kentucky/USA, lebt in Radebeul) ist vor allem Zeichner und Graphiker. Im vergangenen Jahr überraschte er bereits mit neuartigen großformatigen farbigen Holzschnitten. Dafür entwickelte er eine besondere Methode. Curling druckt jede Farbe auf jeweils eigene Bogen von empfindlichem transparentem Japanpapier, die anschließend in spezielle Abstandsrahmen einmontiert werden, in denen die einzelnen Farbdrucke mit wenigen Stichen an der oberen Kante zusammengenäht und angehangen werden. Das Gesamtbild ergibt sich erst aus den transparenten Überlagerungen. Dadurch, dass die Bogen in den Abstandsrahmen fast übereinander schweben, erhält das Bild einen immateriellen Charakter voller zauberhafter Poesie. Darin ist eine Erweiterung des klassischen Farbholzschnitts zu sehen.

Zugleich darf man in der Vielschichtigkeit der Holzschnitte eine Weiterentwicklung der Sprachblätter von Carlfriedrich Claus sehen. Der Chemnitzer Künstler hatte seit Beginn der 1960er Jahre mit seinen Kompositionen aus Sprache, Schrift und zeichenhaften Formen in einem komplizierten Schreibprozess auf Vorder- und Rückseite transparenter Papiere mit dem bildhaften Durchdringen von Vorder- und Rückseite in der Durchsicht das Prozessartige des bildgewordenen Denkens und Zeichnens entwickelt. Und damit die Zweidimensionalität der Zeichnung erweitert. Bei Curling entmaterialisiert sich der klassische Holzschnitt mit dem Durchscheinen der jeweiligen Farbform.

In "Cycle" (2012) steht das Naturobjekt Blütenzweig mit Regenspuren der Abstraktion etwa des Begriffs Regen gegenüber. Darin untersucht er bzw. möchte er eine bildnerische Lösung finden für die einzelne Bahn etwa eines rinnenden Wassertropfens an der Glasscheibe vor einem blühenden Kirschzweig und rechts davon das Sinnbild von Meer mit unergründlich vielen Tropfen. Oder in "Reflection" (2013) spiegeln sich zwei alte dunkle Weiden im Wasser. Hier liegen vier Drucke übereinander.

Curling hat in seinem bisherigen Werdegang sehr unterschiedliche Kulturen und deren Verhältnis zum Papier erlebt. Jüngst erst kehrte er von einem sechswöchigen Stipendium aus Japan, dem Heimatland des Farbholzschnitts, zurück. Er studierte bei japanischen Meistern eine besondere Technik des Holzschnitts und der Zeichenweise, die ihre Wurzeln im Zen-Buddhismus hat: Mit "Mokuhanga" nach einem japanischen Zen-Priester aus der Kamakura-Zeit benannt (etwa 13./14. Jh.), wird eine bildnerische Methode beschrieben, die aus mindestens zwei Schritten besteht: a) Umrisse von Naturgegenständen wie Blättern werden mit trockener Tusche gezeichnet und anschließend b) mit dünner nasser Tusche zusätzlich "ausgemalt", wobei es dem Zen-Meister um vieldeutige also meditative Strukturierungen in der Pinselführung geht.

Der jüngste Aufenthalt in Japan regte ihn zu einer neuen Serie von Blättern an, deren Titel "Elements" auf Grundsätzliches deuten: Radikale Vereinfachung und Dialog. Wenn nicht alles täuscht, beginnt hier für ihn ein neuer künstlerischer Weg. Naturblätter werden auf dem Papier "abgebildet". Diesem Naturabklatsch stellt er ein zweites Blatt mit rasterähnlichen Strukturen von unregelmäßig auslaufenden Punkten gegenüber: Es entsteht ein Dialog von Naturform und mechanischer Struktur. Diese dialogische Graphik von Bildpaaren wird nun in der Serie "Elements" variiert. Curling spielt mit Bildmetaphern - damit ist er dem meditativen Charakter der japanischen Holzschnitte und noch viel mehr der japanischen Tuschmalerei sehr nahe.

iDoppelausstellung bis 2. November, Kunstausstellung Kühl, Nordstraße 5

Di-Do 11-18 Uhr, Fr 11-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.10.2013

Hans-Ulrich Lehmann

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