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Arbeiten von Oskar Schmidt und Theo Boettger in der galerie baer in Dresden

Arbeiten von Oskar Schmidt und Theo Boettger in der galerie baer in Dresden

Sie passen in der wiederum recht sparsamen Bildauswahl der galerie baer recht gut zusammen: Oskar Schmidt (Jg. 1977), "aus Leipzig geliehen", und Theo Boettger (Jg.

Theo Boettger. FB. Farbstift, Tusche auf Papier.

Quelle: Repro: galerie baer

1975) vom "Stammpersonal". Zunächst im Sinn von Kontrast und Ausgleich: die Stille und Kargheit der schwarz-weißen Fotografien Schmidts gegen die farbige Expressivität des Malers und Zeichners. Aber es gibt auch vieles, was sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt, und zwar vor allem den des Unbehagens an der real existierenden Welt respektive den mehr oder weniger durchschaubaren Tendenzen ihrer Veränderung. Dieses Unbehagen äußert sich - bei Schmidt ausschließlich - in einer gewissen oder auch nur scheinbaren Verklärung des Vergangenen, bei Boettger auch in apokalyptischen Visionen. Natürlich können bildende Künstler nicht mit einem - womöglich noch einfach ablesbaren - Gegenkonzept aufwarten, aber immerhin bieten sie mit ihren Bildgeschichten mehr oder weniger deutliche Denkanstöße, ohne freilich ganz der Gefahr zu entgehen, dass in sich stimmige Ästhetik der Präsentation, Harmonie der Komposition, ja auch das Spielerische, bewusst Inszenierte die Glaubwürdigkeit des Leidens in Frage stellen. So verliert ehrlich gemeintes individuelles Aufbegehren schnell den solidarisierenden Impuls und wird zum oberflächlich leicht zu konsumierenden Pop. Während aber bei Boettger jede Beschäftigung mit dem Detail an den Rand von Abgründen führt, deren Existenz schlichtweg nicht zu leugnen ist, sind diese bei Schmidt allenfalls durch die Beschäftigung mit dem Kontext der Arbeiten zu begreifen.

Die Schwarz-Weiß-Fotografien der inzwischen auf 14 Motive angewachsenen "American Series" zeigen Arrangements einfacher Haushaltgegenstände in einer Kulisse aus verwitterten Dielen und Wandbrettern. Bildausschnitte und Blickwinkel sind so variiert, dass der Zusammenhang anhand feinster Details erkennbar bleibt und eigentlich nur die zu sparsamen Stillleben arrangierten "Akteure" wechseln: Schüssel, Kanne, Kanister aus Aluminium oder verzinktem Blech, ein hingeworfener Strick, eine Holzleiter neben gelegentlich angeschnittenen Türausschnitt, der in gänzliche Schwärze zu führen scheint. Die Galerie Scheublein fine art Zürich hat einen Katalog der Arbeiten in den USA drucken lassen. "pure record not propaganda", so der Slogan, mit dem sich Schmidt bei Baer präsentiert. Tatsächlich muss der Betrachter mit sich selbst ausmachen, wie wichtig oder entscheidend es ist zu wissen, dass der Künstler sich auf den amerikanischen Dokumentarfotografen Walker Evens bezieht und seine Bilder in einer nachempfundenen Kulisse inszeniert hat - im sächsischen Schwarzenberg. Die historische, ästhetische, symbolische Aufladung der Gegenstände scheint unantastbar. Und wenn sie sich als Imitate erwiesen? Für die Wahrhaftigkeit eines Bildes bürgt letztlich die Redlichkeit des Erzeugers, gleich um welches Genre oder welche Technik es sich handelt - aber von der Zuverlässigkeit einer Apparatur und der genauen Kenntnis von Randbedingungen des jeweiligen Experiments lässt sich auch nicht einfach absehen. Damit begibt sich Schmidt durchaus aufs Glatteis trivialer Beweisführung, aber vielleicht ist es so, dass er, indem er konkrete Umstände verschweigt bzw. als trügerisch markiert, diese Diskussion überhaupt ad absurdum führen will und damit wieder auf das Eigentliche kommt. Auf den Versuch, sich im Rückgriff auf Vergangenes Wertmaßstäbe anzueignen, ohne dabei naiv in Nostalgie zu verfallen. Von Armut wird freilich abstrahiert. In gewisser Parallelität dazu nutzt Schmidt das scheinbar altertümliche analoge Großformat für Aufnahmen, die teils mit moderner Drucktechnik und relativ leicht reproduzierbarem Ergebnis bis auf 116 mal 93 Zentimeter vergrößert werden.

Theo Boettger führt seine Auseinandersetzungen weitaus offener, ja zum Teil buchstäblich ablesbar. "Vergangenheit - der Blick zurück in eine bessere Zukunft" lautet eine Sentenz in seiner großformatigen Zeichnung "Rise", auf "FB" kommentiert er den allgemeinen Run auf Facebook mit "big brother is watching you". Dabei wirken diese großen Blätter nicht vordergründig plakativ. Es sind vielmehr komplexe, zum Teil buchstäblich ablesbare Bild-Geschichten, in denen philosophierende und lapidar kommentierende Gedankenfetzen mit figurativen Statements wechseln, die etwa für Protest, Bedrängtheit, Fluch, Leiden stehen. Auf der erwähnten Map finden sich Totenköpfe in der Nähe von Stichworten wie "Glück" und "Utopia Dream". Solange Boettger diese Bilderbögen einer eher abstrakten Kompositionsidee unterwirft, vermeidet er die direkte Konfrontation durch Inhalt und Ästhetik. "Die Erlöser" hingegen erscheinen auf einem recht eindeutig (ambivalenten) Tableau, auf dem der Ruf nach Freiheit auf der einen Seite in Rauch und Flammen untergeht und auf der anderen eine Mickeymouse gekreuzigt wird. Das einzige Gemälde in der Ausstellung heißt "worldwidewest" und zeigt im wilden kantigen Duktus einen Mann im Cowboyhut, der eine Schar wilder Furien an den Zügeln hält, denen offenbar das "making" übertragen ist. Mit der Glattheit und Perfektion moderner Werbegrafik spielt dagegen die Serie "all what you want, nothing you don't", indem die optimistischen Aussagen (vermeintlich?) echter Plakate collagierend verfremdet, in Frage gestellt, umgekehrt werden. Insgesamt ist manches ist noch zu schön, um wahrhaft berechtigte Wut und Empörung lodern zu lassen. Andererseits würde es vielleicht den Reiz der vielfältig gelegten Spuren zu sehr überdecken.

Bis 1. März, galerie baer, Louisenstr. 72. Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 12-16 Uhr

P.S. Die neudeutsch-englische Bezeichnung Gelatine Silver Print, oft falsch geschrieben, meint nichts anderes als den herkömmlichen Vergrößerungsprozess im Fotolabor.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.02.2013

Tomas Petzold

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