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Arbeiten von Heidemarie Dreßel in der galerie drei in Dresden

Arbeiten von Heidemarie Dreßel in der galerie drei in Dresden

Der Besucher der gegenwärtigen Ausstellung, die Heidemarie Dreßel anlässlich ihres 70. Geburtstages in der Dresdner Neustadt gestaltet hat, findet dort Erstaunliches, Wunderbares und Schönes, aber auch Verwirrendes und Erschreckendes, das dazu angetan ist, ihn noch einige Zeit nach Verlassen der Räume gedanklich zu beschäftigen.

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Heidemarie Dreßel. Brüderchen und Schwesterchen, Keramik, 2012/2013.

Quelle: Hans Strehlow

Keramische Objekte in raumgreifenden Dimensionen und Skulpturen im Kabinett- und Miniaturformat stehen neben graphischen Blättern und Zeichnungen. Ein Wasserspiel vertritt symbolisch das auf dem Feld der Brunnen-Installation bemerkenswerte Schaffen der Künstlerin. Diese Ausstellung ist jedoch vor allem dem kleinen Format gewidmet und lädt zur Betrachtung ihrer Werke im umgrenzten, intimen Rahmen ein.

Die größeren Objekte empfangen den neugierig Eintretenden im hellen Hauptraum der Ausstellung und versetzen ihn zugleich in einen Zustand der Faszination und des Irritiertseins. Ein - fossiles? - Gewächs im Inneren, eine transportable Wärmflasche im Kohlesackformat: Die aus Ton gebrannten Skulpturen scheinen gleichsam aus Raum und Zeit gefallen zu sein; sie haben ihr Bezugssystem verloren. Mit ihrem "Akkumulator" genannten keramischen Energiespeicher auf der metallenen Sackkarre abstrahierte die Künstlerin von dem seit Generationen vertrauten haptischen Erlebnis der Gummihaut einer Wärmflasche über einer Wasserblase. In der starren, stark überdimensionierten Keramikskulptur begegnet dem Betrachter ein Objekt, das in seiner Verfremdung eine völlig neue Wirkung entfaltet. An anderer Stelle der Ausstellung finden sich kleinformatige Kaltnadelradierungen, die deutlich machen, wie die Künstlerin den Prozess der imaginären Standortsuche für ihr Werk vorangetrieben hat. Die Möglichkeit des Auftauchens an ungewöhnlichen Orten, hier zeigt sie den "Akkumulator" in unerwarteter Nähe zu diversem Kellerinventar, war offenbar auch bei der Gestaltung des mobilen Großobjektes für sie eine wichtige Vorstellung.

Der Entstehungsprozess keramischer Objekte schließt für Heidemarie Dreßel künstlerische Arbeiten in anderen Kunstgattungen stets mit ein. So wird auch ihr hochaufragender, aus einzeln gebrannten, gemusterten Walzen montierter "Dorn" als Fragment eines vielleicht versteinerten prähistorischen Dornenwaldes besser fassbar durch die 2011 parallel dazu entstandene, themengleiche Radierung.

Der gleitende Übergang von Vegetabilem zu Gegenständlich-Unbelebtem, der sich für die Künstlerin auch in der Gegenrichtung vollziehen kann, ist eines der wesentlichen Themen ihrer Arbeit. Davon zeugen jene in einer besonderen Aquarelltechnik ausgeführten, großformatigen Blätter, die die "Stille Welt" der in abstrakte Formen zerfallenden Naturbildungen zum Gegenstand haben. Eine Wandlung in entgegengesetzter Richtung dokumentiert die Künstlerin, indem sie banale Alltagsobjekte wie eine Ansammlung von Handys in Ton nachbildet und sie, von Algen und Tang umwuchert und bewachsen, in die Welt des Organischen, Vergänglichen zurückversetzt. Wieder erlebt der Betrachter eine Verunsicherung, die aus der gezielten Verfremdung an sich vertrauter Dinge herrührt: Die Kabelrolle, Inbegriff der industrialisierten Welt, wird, miniaturisiert und in Ton gebrannt, zum "Fossilen Fundstück". Das keramische Mobiltelefon mit Keilschrifttext auf dem Display - eine "SMS nach Babylon" - erlangt sein künstlerisches Gewicht nicht allein aus den gestalterischen Brechungen durch Material und Größe. Es provoziert im Spiel mit mehreren Bedeutungsebenen zugleich ein Infragestellen zeitlicher und historischer Ordnungssysteme.

In Heidemarie Dreßels kürzlich entstandener Skulpturengruppe "Brüderchen und Schwesterchen", nahezu vollplastischen Keramikbüsten eines Mädchens und eines Wolfs, gewinnt ihr Schaffen eine ungewohnte Heiterkeit. Mensch und Tier als einander ebenbürtige Gefährten bilden den inhaltlichen und räumlichen Schlusspunkt in einer Ausstellung, die viel Unerwartetes über unsere Zivilisation zu sagen hat.

Ausstellung bis 20. Juli; 70. Geburtstag von Heidi Dreßel am 18. Juli

galerie drei, Prießnitzstr. 43, Di-Fr 14-18.30 Uhr, Sa 11-15 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.07.2013

Uta Neidhardt

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