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Arbeiten Jürgen Schieferdeckers im Kunstfoyer des Kulturrathauses

Die Saat des Bösen Arbeiten Jürgen Schieferdeckers im Kunstfoyer des Kulturrathauses

„Vorsicht Kunstwerke (Signifikante Details aus der Mülltüte der Nation)“ lautet der bissige Titel einer 1994 von Jürgen Schieferdecker (geb. 1937 in Meerane) geschaffenen Montage, auf der unter geknautschten Mülltüten sowie dem Vorsicht gebietenden Aufkleber ein zerrissenes Foto von Jorge Gomondai hervorschaut.

Jürgen Schieferdecker: Vorsicht Kunstwerke (Signifikante Details aus der Mülltüte der Nation), 1994.

Quelle: Repro: Werkkatalog „Nachwende I Einwaende“

Dresden. „Vorsicht Kunstwerke (Signifikante Details aus der Mülltüte der Nation)“ lautet der bissige Titel einer 1994 von Jürgen Schieferdecker (geb. 1937 in Meerane) geschaffenen Montage, auf der unter geknautschten Mülltüten sowie dem Vorsicht gebietenden Aufkleber ein zerrissenes Foto von Jorge Gomondai hervorschaut – jenes Mosambikaners, dessen Leben heute vor 25 Jahren, am 6. April 1991, endete, weil er für eine Gruppe Neonazis die falsche Hautfarbe hatte.

Gomondai, den er auch persönlich kannte, hat Schieferdecker zahlreiche Arbeiten gewidmet. Ebenso gilt das für die Jahre später im Dresdner Landgericht erstochene Ägypterin Marwa el Sherbini. Eine Auswahl dieser Werke ist derzeit im Kunstfoyer des Kulturrathauses unter dem Motto „Die Saat des Bösen – Fremdenhass und Opfertod“ ausgestellt. Anlass sind die heute zu Ende gehenden „Internationalen Wochen gegen Rassismus“, eine bundesweite Aktion der Solidarität mit Gegnern und Opfern von Rassismus.

Schieferdecker, studierter Architekt, jahrzehntelang tätig als Lehrender, zwischen 1993 und 2003 Professor an der Fakultät für Architektur der TU Dresden, Sekretär des Künstlerischen Beirats der Hochschule, bis heute emsiger Kulturarbeiter, ist nicht weniger ein seit Jahrzehnten anerkannter und vielfach national und international geehrter Künstler. Seine Werke haben in zahlreichen Museen und Sammlungen, unter anderem in Berlin, Chemnitz, Cottbus, Dresden und Leipzig ihren Platz gefunden. Die eingangs genannte Montage befindet sich zusammen mit weiteren Arbeiten im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.

Stark geprägt von Ernst Blochs Verantwortungsethik, reklamiert Schieferdecker bis heute für sich: „Ich bin ein politischer Künstler.“ Wichtig für seine künstlerische Entwicklung waren – begonnen hatte er als Maler – Vertreter der Klassischen Moderne, besonders Max Beckmann. Bald entdeckte er auch den Surrealismus für sich. In den frühen 1970er Jahren rückte die Grafik als Ausdrucksmittel zunehmend in den Mittelpunkt seines Schaffens, wobei Hintersinn, doppelter Boden, auch Überhöhung darin fortleben. Denkt man an seine Collagen und Montagen, greift er Entwicklungen auf, die mit Namen wie Schwitters oder auch Heartfield verbunden sind, sich später in der Pop Art niederschlugen.

Das mit der Ausstellung „Die Saat des Bösen – Fremdenhass und Opfertod“ verbundene Themenfeld verfolgt den Künstler schon seit Jahrzehnten, manifestiert in Arbeiten wie „Menetekel ´66 oder die Sünde wider den Geist“ (1966/67) und „Minotauros ´66“. In Werken wie diesen setzte er sich mit dem öffentlich in Erscheinung tretenden Neofaschismus in der Bundesrepublik auseinander, mit historischen Wurzeln, mit den Verbrechen des Hitlerfaschismus und neuen Nazis.

Gleichermaßen beschäftigte Schieferdecker der nicht weniger blutrünstige Diktator Stalin und die Demokratieunfähigkeit des „realen“ Sozialismus. Das Gemälde „Suliko oder der Diktator am Abend (eine kleine Nachtmusik)“ von 1967 ist dafür signifikant. Wenig später sollte in Prag der Versuch eines „demokratischen Sozialismus“ gewaltsam beendet werden – auch dies kommentierte der Künstler bildnerisch. Antihumanes, Fremdenhass und Gewalt aller Art ließen und lassen bei ihm die Alarmglocken schrillen – bis in die Gegenwart.

Seit den 1990er Jahren schuf er, diese Erscheinungen reflektierend, zahlreiche Werke, darunter häufiger als zuvor Installationen, Objekte und Assemblagen. Sie bezogen sich teils direkt auf aktuelle rassistische Übergriffe von Rechtsextremisten wie die im Kulturrathaus präsente Installation „Mozambikaner auf Dresdner Art (in Memoriam Jorge Gomondai)“ von 1993. Dessen tödlich endende Drangsalierung und die Ermordung der Ägypterin Marwa el Sherbini im Gerichtssaal des Landgerichts führten den Künstler zu einer Fülle von Arbeiten, die trauern, anklagen, Fragen stellen (lassen).

Wenn Schieferdecker mehrere Arbeiten „Mozambikaner auf Dresdner Art“ nennt oder ein Plakat entwarf (was übrigens dazumal keine Zustimmung in der Stadtverwaltung fand), auf dem man „Die Sachsen sind gemütlich“ und unter dem blutig übermalten Gesicht Gomondais „Das hier war keiner“ lesen kann, so ist dies durchaus sarkastisch gemeint. Erst langsam scheint in weiten Teilen der Öffentlichkeit die Erkenntnis zu reifen, dass eine gegen Fremdes mit Abwehr reagierende, zur Gewalt neigende Unterströmung von Verunsicherten wächst, die mit der Welt nicht mehr zurecht kommen und deshalb nach „Ordnung“ und Abschottung rufen.

Zutiefst verunsichert war wohl auch Schieferdeckers mörderischer Kapuzenmann, der Marwa el Sherbini erstach. Selber fremd, glaubte er vielleicht, die Aggression gegen noch Fremdere helfe, seinen Frust loszuwerden. Immer wieder verankert der Künstler diese Gestalt, aber auch das Messer auf den exakten Collagen. Sie betonen die Schönheit der Ägypterin, so dass die Sinnlosigkeit dieser Tat besonders klar hervortritt.

Jürgen Schieferdecker ergänzt die Ausstellung mit drei Arbeiten zum Thema „GULAG“ (2013). Angesichts der Gegenwart erscheint dieses Lagersystem und das, wofür es steht, als ein Element in der Kette von Terror als solchem, der generell mit massenhafter, willkürlicher Abwertung von Menschengruppen als rassisch, religiös oder politisch minderwertig verbunden ist. Der Extremismus, die Verachtung des Anderen, aber auch die Angst vor dem Anderen, ist allen seinen Varianten eigen, egal unter welcher Flagge er daher kam oder kommt. Es ist so kein Zufall, dass der Künstler die „Angst“, wie er eine seiner GULAG-Collagen nennt, mit kleinem Davidstern und (islamisch codierter) Mondsichel versieht.

Die Ausstellung spiegelt künstlerisch die Verschiebung eines ganzen gesellschaftlichen Koordinatensystems, wie es sich 1989/90 noch niemand vorstellen konnte. Eine „Saat des Bösen“ scheint nicht nur in den thematisierten rechtsextremen Straftaten aufgegangen, sondern in weiten Regionen der Welt. Die Arbeiten setzen zugleich ein Zeichen, sich der humanen, zivilisatorischen Werte zu besinnen, sie zu propagieren und dafür auch praktisch einzutreten.

bis 21. April, Königstr. 15, geöffnet Mo-Do 9 bis 18, Fr 8 bis 16 Uhr7

Von Lisa Werner-Art

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