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Anton Tschechows „Drei Schwestern“ als Reigen gestorbener Hoffnungen am Staatsschauspiel

Anton Tschechows „Drei Schwestern“ als Reigen gestorbener Hoffnungen am Staatsschauspiel

Moskau, ach Moskau. Sehnsuchtsort. Aber auch dort würde nichts besser werden, was in der namenlosen Provinzstadt nicht bereits gut ist. Oder gut sein könnte.

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Drei Schwestern, die die Bühne dominieren: Irina (Lea Ruckpaul), Olga (Ina Piontek) und Mascha (Yohanna Schwertfeger, v.l.).

Quelle: Matthias Horn

Doch da liegt das Problem: Gut ist hier nichts, erst recht nicht nach dem Tod des Vaters. Die verbliebenen drei Schwestern Olga, Mascha und Irina leben mehr schlecht als recht (was aber ausdrücklich nicht für ihre materielle Lage gilt). Das Maß der Möglichkeiten ist einfach zu begrenzt. Sagen zumindest die, denen der Aufbruch zu jedweder Änderung schon fast wie Verrat erscheint. Besonders Irina träumt vom fernen Moskau. Doch auch ihr Bruder Andrej würde in der Hauptstadt gern eine wissenschaftliche Karriere machen, zum Professor aufsteigen, zum Stolz Russlands werden. Es kommt anders, wie so oft im Leben.

Die Bühne (Karoly Risz) der jüngsten Dresden-Premiere „Drei Schwestern“ wird begrenzt von einer papiernen Wand, durch die anfangs der Wind knattert. Später reißt sie auf, als der neue Batteriekommandeur Werschinin (Matthias Reichwald) seine Aufwartung macht. Schließlich endet sie im zweiten Teil als überdimensionaler Knüllhaufen und kündet in dieser Form von den (nicht nur zwischenzeitlich) gestorbenen Sehnsüchten der Beteiligten. Das Papier als Sinnbild aller nie gelebten Pläne, oder wie es im Programmheft heißt: ein Gebirge schöner Aussichtslosigkeit.

Werschinins Ankunft sorgt dafür, dass die Träume der drei ungleichen und doch ähnlichen Schwestern neu aufflammen.

Besonders die Jüngste, Irina (Lea Ruckpaul), lässt ihre „Moskau!“-Ausrufe fast ins Mantraähnliche gleiten. Werschinin rühmt die Vorzüge der Provinz, lässt sich zu überaus optimistischen Prognosen hinreißen, was die Entwicklung seiner neuen, randständigen Heimat betrifft. Diese Erwartungshaltung teilt aber kaum jemand. Nur der junge Leutnant Tusenbach (Jonas Friedrich Leonhardi) hat noch eine Ahnung von den anstehenden Umwälzungen, er spürt das Kommen einer Revolution. Dass ausgerechnet er am Ende stirbt, völlig sinnlos obendrein in einem Pistolenduell, spricht natürlich Bände.

Moskau ist das Arkadien, unerreichbar wie der Mond. Als Projektionsfläche bürgerlicher Hoffnungen aber gerade deshalb der ideale Ort. Einer, an

den es sich gut träumen lässt. Da bei Tschechows Figuren aber kein Traum mehr wahr wird, bleibt Moskau eine ferne Fata Morgana.

Der Abend ist lang, aber er zieht sich nicht. Nun, vielleicht doch ein wenig. Daran wird spürbar, dass die eine oder andere Kürzung durchaus sinnvoll gewesen wäre. So ist die Figur des Unterleutnants Fedotik (Lukas Mundas) für die Inszenierung Tilmann Köhlers schlicht überflüssig. Auch die musikalischen Einsprengsel erschließen sich nicht, reichen über den bloßen Status eines Soundtracks kaum hinaus. Musik als Emotionsverstärker fürs Publikum: Was im Film schlechter Usus geworden ist, muss deshalb nicht notwendigerweise auch die Bühne entern.

Die Inszenierung kreist vor allem um das Zu-Grabe-Tragen von Hoffnungen. Tschechows Bühnenpersonal redet immer von Veränderungen, neigt aber sonst mehrheitlich zum Aufrechterhalten eines Status quo. Nur Andrejs Frau Natalja (Antje Trautmann), die mit der Heirat einen gesellschaftlichen Aufstieg erreicht hat, ist zumindest dahingehend tatendurstig, die neue Position immer mehr zu zementieren. Koste es, was es wolle. Für alle anderen bleibt das Leben eine sich ewig hinziehende Serpentine der Langeweile.

Die Frauen bestimmen dabei den Abend, recht eindeutig sogar. Das liegt wohl auch daran, dass Tschechow seinen Geschlechtsgenossen nicht allzu viele Sympathien angedeihen lässt. Eindrucksvoll aber bleibt, wie vehement und doch verletzlich das Trio Ina Piontek (Olga), Yohanna Schwertfeger (Mascha) und Ruckpaul die Bühne dominiert. Dazu Trautmanns Natalja in ihrem Mix aus Unbekümmertheit und Rücksichtslosigkeit. Im Angesicht dieser Phalanx haben die Männer schwer zu knabbern. Einer bietet als Figur Paroli: Albrecht Goette als Militärarzt Chebutykin, der wieder zum Säufer wird. In ihm und über ihn kommen die komödiantischen Einsprengsel zur Geltung, auf die der russische Autor so großen Wert legte.

Natürlich tauchen bei Tschechow-Inszenierungen immer die Bearbeitungen Jürgen Goschs im Hinterkopf auf. Das verwundert nicht, sind sie doch der Maßstab zeitgenössischer Regiearbeit. Köhler – der in Dresden schon Tschechows „Kirschgarten“ inszenierte – kopiert nichts, doch eine Anleihe nimmt er. Bei Gosch sitzen die Schauspieler, die gerade nicht auf Szene sind, auf der Bühne – bei Köhler vorn in der ersten Reihe, von wo aus sie oft das Geschehen entern.

„Außer von Tschechow bin ich in meinem Beruf von niemandem beeinflusst worden“, soll Tennessee Williams wenige Jahre vor seinem Tod gesagt haben. Kaum ein Kompliment, das stärker wäre. Tschechows Thema ist wie bei Williams das Scheitern durch Verharren – und das anhaltende Versuchen. Genau unter diesem Stern stand die Dresdner Inszenierung. Ein Bild entstand: das eines tatsächlich immer mal ins Heitere kippenden, aber nicht aufzuhaltenden Niedergangs.

Torsten Klaus

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