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Anrührende Adaption des Erfolgsfilms "Ziemlich beste Freunde" an der Comödie Dresden

Anrührende Adaption des Erfolgsfilms "Ziemlich beste Freunde" an der Comödie Dresden

100 000 Zuschauer im vergangenen Jahr sind kein Ruhekissen für Comödien-Intendant Christian Kühn. Mit drei neuen Inszenierungen in eigener Regie verspricht er im beginnenden Frühjahr reichlich Turbulenz, wobei die Bühnenadaption des französischen Erfolgsfilms "Ziemlich beste Freunde", die am Freitag ihre Premiere feierte, sicherlich die meiste Bodenhaftung aufweist.

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Driss (Hans-Jürgen Helsig) kümmert sich um Philippe (Sascha Gluth).

Quelle: Robert Jentzsch

Die Story um den reichen, nach einem Sportunfall querschnittsgelähmten Philippe, der dank der unkonventionellen Fürsorge des jungen Afrikaners Driss ins Leben zurückfindet, erscheint zwar auf den ersten Blick als blanke Illusion, und es wimmelt tatsächlich darin von gängigen Klischees und Vorurteilen. Aber damit lässt es sich wunderbar spielen, wenn die einen so präzise aus der Realität gefiltert und die anderen - wiederum ein bisschen klischeehaft - so unverblümt rechtens in Frage gestellt werden wie in diesem Fall, der auf eine durchaus wahre Geschichte zurückgeht. Auf der Bühne erscheint das freilich abstrakter als im Film, erst recht in einem Haus, in dem die Mittel zur Illustration doch begrenzt sind. In einem sehr schlichten, in käfigartige Zellen unterteilten Bühnenbild mit sparsamstem Interieur vertraut Ausstatterin Sabine Pommerening auf die Wirkung sorgfältig ausgewählter Kostüme. Sie definieren Milieu, verstärken Situationskomik, wirken dabei nie plump oder vordergründig. Die Unterteilung der ohnehin nicht sehr großen Bühne in simultan nutzbare Spielräume schafft aber auch Enge, Distanz und einige Sichtbehinderungen. Diese Einschränkungen haben aber durchaus Sinn, denn das Sichtbare kann hier nur Katalysator sein für die eigentlichen Bilder, die im Kopf des Zuschauers entstehen.

Es beginnt damit, dass Philippe (Sascha Gluth) aus dem Off bzw. auf sein Diktiergerät sprechend seine traurige Lage philosophierend beleuchtet, bevor er distinguiert und gelangweilt im elektrischen Rollstuhl auf der Szene erscheint. Auf der Suche nach einem neuen Tagesbegleiter ist er hinreichend genervt von professionell routinierter Fürsorge, aber besonders grantig oder abschreckend autoritär wirkt er nicht. Einer wie dieser respektlose junge Schwarze, der gerade sechs Monate im Knast verbracht hat und nun rein pro forma nach Arbeit sucht, kann sich da ganz unbefangen in den Sessel lümmeln und nebenbei ein Fabergé-Ei stiebitzen, nicht ahnend, dass gerade dieses destruktive Verhalten seine Chancen enorm in die Höhe treibt. Behaupten lässt sich das freilich leichter als überzeugend in Szene setzen.

Hans-Jürgen Helsig, der die Rolle schon in Bielefeld spielte, ist dafür tatsächlich ein Glücksfall, und das nicht wegen seiner äußeren Erscheinung, die zur schlichten Kopie des filmischen Vorbilds verführen könnte. Statt dessen lebt er seine Rolle mit Hingabe aus als ein von Musik, Rhythmus und sexuellen Phantasien besessener Junge, der mit einer Mischung aus Naivität, Neugier, Mutterwitz und abgehärteter Durchtriebenheit dem Leben begegnet. Völlig uneitel und wie aus dem Bauch liefert er vom HipHop inspirierte musikalische und tänzerisch angehauchte Parts, mit denen er gegen den "Klassiker" Philippe rebelliert. Dass dieser im Behindertentransporter statt im Maserati gefahren werden will, findet er ebenso absurd wie die Kostüme in der Oper. Von seinen Schreibversuchen bis hin zu einer rein platonischen Brieffreundschaft zu einer gewissen Eléonore hält er gar nichts. Viel mehr davon, dass auch ein Mensch, der von den Halswirbeln abwärts völlig gelähmt ist, noch diverse Wünsche und sogar erogene Zonen hat. Nicht peinlich wirkt es, wie er, mit seiner Neigung zur Fülle kokettierend, um Philippes Sekretärin Magalie wirbt. Da ist Dorothea Maria Kriegl brav und charmant, während sie als Polizistin steif daherstolziert und als Wirtin im Milieu sich so richtig derb ruppig gibt. Kaum zu glauben, dass sie auch die Prostituierte ist, die mit ihren raffiniert-aufdringlich präsentierten Reizen Philippe erfreuen soll. Wobei die Regie im richtigen Moment für eine kleine Panne sorgt, damit die Szene nicht in die falsche Richtung kippt.

In den männlichen Nebenrollen zeigt sich Christian Backhaus fast ebenso wandlungsfähig - als schwuler Masseur, mit dem sich Driss gerne mal kabbelt, als Freund, der Philippe vor dem Kriminellen warnen will, den er unter seinem Dach aufgenommen hat. Schließlich als Kellner, der ihn bei dem unverhofften Rendezvous bedienen wird, mit dem die Geschichte ihr glückliches Ende findet. Nicht nur an Äußerlichkeiten zeigt sich Kühnes Gespür fürs Parodistische, auch mit Bezug auf aktuelle Diskussionen bringt er es geschickt ins Spiel. Entscheidend ist allerdings, dass - trotz der oftmals länger währenden musikalisch unterlegten Umbaupausen - der Zusammenhang der vielen anekdotischen verknappten Szenen erhalten bleibt und eine glaubwürdige Entwicklung der Hauptfiguren stattfindet. Philippe tritt aus seiner elitären Kunst- bzw. Gedankenwelt heraus, Driss beginnt den Wert echter Bildung zu schätzen, übernimmt immer mehr Verantwortung...

Ziemlich gut passend zu einem jungen Team, das frischen Wind in das nach fast 20 Jahren Bespielung einigen Verschleiß zeigende Haus bringt und mit seinem Engagement offenbar nicht nur die eigene Generation erreichen will.

Das hier ist kein Staatstheater, scheint aber auch ein gutes Stück entfernt von der alten, oft zwischen gutbürgerlich plüschigem Boulevard und DDR-Fernsehtheater dümpelnden Komödie. Auch der Premierenbeifall fällt etwas anders aus als gewohnt oder erwartet, nämlich erst ziemlich heftig bis ein wenig schrill, aber dann doch recht lapidar. Was das nach einer so ehrlich handgemachten Aufführung bedeutet, bleibt abzuwarten.

nächste Aufführungen: morgen bis Sonntag täglich www.comoedie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.02.2015

Tomas Petzold

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